Illegaler Handel mit Drogenersatz-Medikamenten steigt

28. Februar 2013, 09:18
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Substitol besonders problematisch und begehrt - Innenministerin fordert bessere Kontrollen bei der Abgabe, um Schwarzmarkt einzudämmen

Wien - Substitutionsmedikamente rücken im Drogenhandel nach den Daten des Innenministeriums offenbar immer mehr in den Mittelpunkt. Demnach hat sich die Zahl der Sicherstellungen von Ersatzpräparaten von 2009 auf 2011 um knapp 50 Prozent erhöht: Wurden 2009 noch 7.802 und eine halbe Tablette Substitutionsmedikamente bei 1.096 Aufgriffen in Österreich sichergestellt, waren es 2011 - aus diesem Jahr stammen die jüngsten verfügbaren Daten - schon 10.039 und ein halbes Stück bei 1.615 Aufgriffen. "Wir haben es mit einem neuen Kriminalitätsfeld zu tun", sagte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) dazu.

Die sichergestellten Menge war 2010 mit 10.717 und einer halben Tablette laut Innenministerium noch höher als 2011, allerdings bei deutlich weniger Aufgriffen. 2010 waren es 1.382 Sicherstellungen. Die Anzeigenstatistik weist laut Innenministerium nach oben. 2009 gab es 2.620 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz wegen Missbrauchs von Ersatzpräparaten, 2010 waren es 2.943. 2011 stieg diese Zahl auf 3.323.

Mikl-Leitner bekräftigte, dass es ihr nicht um eine Abschaffung der Behandlung mit Drogenersatzmedikamenten geht. Ein entsprechender Vorschlag aus dem Innenministerium zur Drogenpolitik hatte erst vor kurzem wieder für breites Unverständnis bei Suchtexperten gesorgt. "Es gibt ein klares Ja zur Substitution", sagte Mikl-Leitner am Mittwoch. "Aber man muss sich die Medikamente anschauen." 

Ministerium: Substitol problematisch und begehrt

Der Aufschlüsselung des Innenministeriums zufolge ist vor allem Substitol für Drogenermittler ein großes Problem. Rund 57,8 Prozent der sichergestellten Menge betrafen 2011 dieses retardierte Morphin, 2010 lag der Anteil bei 64,6 Prozent der sichergestellten Menge und 2009 gar 65,6. Nimmt man alle Präparate, die retardierte Morphine enthalten, zusammen, kommt man zumindest auf einen Anteil von 69,4 Prozent (im Jahr 2011; 2010: 78,3 Prozent, 2009: 72,7 Prozent).

Laut Innenministerium ist Substitol am Schwarzmarkt heiß begehrt und für die Händler daher besonders lukrativ. Eine Tablette erzielt demnach am Schwarzmarkt ungefähr den selben Preis wie ein Gramm Heroin, etwa 70 Euro. Der Grund liege darin, dass Süchtige Substitol verflüssigen und sich genauso wie Heroin injizieren können, was offenbar einen ähnlichen Flash für den Abhängigen bewirkt. Das Medikament sei "wie besonders reines Heroin" zu sehen. Darin liegt wiederum eine der besonderen Gefahren: die Überdosierung. Dazu kommt, dass Substitol mit Wachs überzogen ist, was beim Injizieren kritisch ist.

Laut Innenministerin ist Österreich nur mehr eines von drei Ländern in der EU, die retardierte Morphine in der Drogensubstitution verwenden. Die anderen beiden seien Bulgarien und Slowenien. "In allen anderen Ländern kommen diese Medikamente nicht zur Anwendung." In Bulgarien seien aber nur fünf Prozent der verschriebenen Substitutionsmedikamente retardierte Morphine, in Slowenien sieben. In Österreich betrage der Anteil 55 Prozent im bundesweiten Durchschnitt, allerdings mit großen regionalen Schwankungen. Mikl-Leitner: "In Vorarlberg sind nur 16 Prozent der verschriebenen Ersatzpräparate retardierte Morphine, in Wien sind es 61 Prozent."

Mehr Kontrollen bei Abgabe gefordert

Die Innenministerin forderte auch bessere Kontrollen bei der Abgabe. Viele würden die Tabletten in den Mund nehmen, aber nicht hinunterschlucken, sondern draußen ausspucken, trocknen und dann weiterverkaufen. Eine andere Variante sei, dass sie unter Angabe bestimmter Gründe einfach zu viele Tabletten mitbekommen, die sie am Schwarzmarkt verkaufen könnten.

Ob der bulgarische und slowenische Weg der Abgabe retardierter Morphine in Ausnahmefällen oder die Position anderer europäischer Staaten, solche Medikamente gar nicht in der Substitution zu verwenden, müssten sich Mikl-Leitner zufolge "die Experten anschauen".

Eine weitere Forderung der Innenministerin: "Wir brauchen eine österreichweite Anti-Drogen-Strategie." Österreich sei das einzige Land in der EU (plus Türkei und Norwegen), das laut dem Jahresbericht 2012 der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) über kein nationales Strategiedokument verfüge. (APA/red, derStandard.at, 28.2.2013)

  • Laut Innenministerium ist Substitol am Schwarzmarkt heiß begehrt und für die Händler daher besonders lukrativ.
    foto: heribert corn

    Laut Innenministerium ist Substitol am Schwarzmarkt heiß begehrt und für die Händler daher besonders lukrativ.

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    grafik: apa
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