Der alte Mann, die Taube und das Imperial

27. Februar 2013, 19:37
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Marjana Gaponenko wird für ihren Roman "Wer ist Martha?" am Donnerstag mit dem Chamisso-Preis 2013 ausgezeichnet

Wien - Es interessiere sie nicht die Handlung oder der Plot, sagte Marjana Gaponenko unlängst in einem Interview. Um was es ihr wirklich gehe, so die 32-jährige Autorin, sei eine Art von Klarheit, die nicht benannt werden müsse, um trotzdem da zu sein.

Das Explizite, Offensichtliche und Laute ist die Sache der 1981 in Odessa geborenen Gaponenko nicht. Vielmehr zieht sich durch die zwei Prosabücher (Gaponenkos Debütroman Annuschkas Blume erschien 2010 im Residenz-Verlag) und die vier Gedichtbände der Autorin, die am Donnerstag mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet wird, stets etwas Geheimnisvolles, nur Angedeutetes, das mehr spür- als benennbar ist.

Seit sie 16 ist, schreibt Gaponenko, die in Odessa Germanistik studierte und nach den Stationen Krakau und Dublin nun in Mainz lebt, auf Deutsch. Und dass sie nun den mit 15.000 Euro dotierten Preis für deutsch schreibende Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft bekommt (letztes Jahr ging die Auszeichnung an Michael Stavaric) mag einerseits mit der erwähnten - auch sprachlichen - Vielschichtigkeit ihrer Texte zusammenhängen. Andererseits hat Gaponenko mit Luka Lewadski, dem Helden ihres neuen Romans Wer ist Martha? (Suhrkamp, € 20,60) eine der wohl erstaunlichsten Figuren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geschaffen.

Vereinsamt sitzt dieser Lewadski, er ist 96 und emeritierter Professor für Zoologie, in seiner Wohnung irgendwo in der Ukraine. Die Diagnose des Arztes ist eindeutig: Lungenkrebs. Einer Therapie will sich Lewadski nicht unterziehen, also besorgt er sich eine Kreditkarte, Anzug, Hut und Gehstock.

Und dann, dann fährt er nach Wien, in die Stadt, aus der seine Mutter stammte und in der er an einem Ornithologenkongress Triumphe feierte. Der Alte bezieht eine Suite im Imperial, wo er sein Erspartes durchzubringen gedenkt. Im Hotelrestaurant trifft er dann einen anderen alten Herrn, mit dem er sich an der Bar dem Ende entgegentrinkt - oder einem neuen Leben? Es ist beachtlich, wie Gaponenko in diesem humorvollen und gleichzeitig todtraurigen Buch die Tempi wechselt, Motive verknüpft und die Lautstärke von vollkommener Stille bis zu Pauken und Trompeten variiert. Doch wer eigentlich ist Martha?

Gaponenko wäre nicht Gaponenko, wenn es auf diese Frage nur eine Antwort gäbe. Jedenfalls spielt eine gleichnamige Wandertaube im Zoo von Cincinnati eine Rolle. Sie war das letzte Exemplar ihrer Gattung. Martha starb am 1. 9. 1914, an jenem Tag also, an dem mit Lewadski ein anderer Sonderling und Einsamer das Licht der Welt erblickte.    (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 28.2.2013)

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