Verdrängte Altersfragen

Kolumne27. Februar 2013, 19:23
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Filmleute und Autoren spüren oft früher als Politiker, welche Themen aktuell sind

Der Riesenerfolg von "Amour" ist natürlich das Resultat der Leistung des Regisseurs Michael Haneke und seiner Hauptdarsteller. Aber nicht nur. Es spielt auch eine Rolle, dass das Thema Alter derzeit Konjunktur hat. Es wimmelt von Filmen und Büchern, die das Altwerden und das Altsein behandeln.

Ist Alter in Mode? Nein, das wäre zu viel gesagt. Aber Alter ist interessant, vor allem deshalb, weil es in Europa immer mehr Leute gibt, die alt und immer älter werden.

In den letzten Wochen lief in den Kinos nicht nur "Amour", die Geschichte vom alten Ehepaar; der Mann pflegt die Frau, bis sie stirbt. Es lief "Quartett", die Geschichte eines Altersheims für Künstler. Es lief The Best Exotic Marigold Hotel über eine Herberge in Indien, in die sich eine Gruppe alter Leute aus England einmietet, denen die Lebenshaltungskosten zu Hause zu hoch sind. Es lief "Wie ein einziger Tag", eine Geschichte über Alzheimer.

In Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil" geht es ebenfalls um Alzheimer, der Vater des Autors hat diese Krankheit. Und auf der Bestsellerliste steht "Mutter, wann stirbst du endlich?" von Martina Rosenberg. Hier berichtet eine erwachsene Tochter vom Schicksal der Angehörigen, die mit der Betreuung ihrer pflegebedürftigen Eltern überfordert sind.

Eine solche Häufung von Altersgeschichten wäre noch vor dreißig Jahren undenkbar gewesen. Aber Filmleute und Autoren spüren oft früher als Politiker, welche Themen aktuell sind und den Menschen unter den Nägeln brennen. Wir werden immer älter, die Medizin macht immer größere Fortschritte, in ganz Europa wird es immer schwieriger, das Pensionssystem und das Gesundheitssystem zu finanzieren. Pflegepersonal wird händeringend gesucht.

Und immer mehr Menschen mittleren Alters sehen sich mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Eltern es nicht mehr schaffen, selbstständig zu leben. Soll man Mama oder Papa in ein Heim stecken? Oder sie zu Hause pflegen? Wie soll das gehen, wenn man selbst berufstätig ist? Eine Pflegehilfe engagieren? Und dafür das Geld ausgeben, das eigentlich für die Ausbildung der Kinder gedacht war?

Schwierige Fragen, über die man in der Öffentlichkeit ungern redet. In den Medien und in der Werbung sieht man vor allem junggebliebene, dynamische Alte, die gesund leben, Sport treiben und Reisen machen. Es stimmt schon, dass alte Menschen heutzutage besser beieinander sind als die vorangegangene Generation. Die Siebzigerjahre sind die "neuen Sechziger", heißt es, und die Achtziger die "neuen Siebziger". Aber irgendwann kommen unweigerlich die Beschwerden des Alters und die ganze Misere, die damit einhergeht.

Dass zum ersten Mal seit Jahrhunderten ein Papst zurückgetreten ist, weil er zu alt für sein Amt ist und seine Arbeit nicht mehr schafft, ist ein Alarmzeichen. Es stößt die Gesellschaft mit der Nase auf die Tatsache, dass hier ein gewaltiges Problem ist, das sich auf die Dauer nicht beiseiteschieben lässt.

Michael Hanekes gnadenlose Bilder vom Alter, von Siechtum und Verfall haben das Kinopublikum aufgerüttelt. Möglicherweise wird man sich an "Amour" als das Ereignis erinnern, das den Anstoß gab, über das Alter in Europa neu nachzudenken. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 28.2.2013)

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