Schiefrunde Perspektiven

27. Februar 2013, 19:16
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"Barock since 1630": Aktuelle Ausstellung im Unteren Belvedere

Wien - Der Effekt muss atemberaubend gewesen sein: für einen einfachen Gesellen, der mit der Kirche des Benediktinerstifts Melk eine wahre Wunderwelt betrat. Voll strahlender Wolken, auf denen Engel musizieren und verzückt zum Himmel blicken. Alles bewegt sich und tanzt, "selbst die Wände können nicht stillstehen, sondern scheinen sich jubelnd im Takt zu schwingen", beschrieb der Kunsthistoriker Ernst Gombrich den Gesamteindruck.

Ein Bollywood der ewigen Seligkeit, dessen innenarchitektonische Inszenierung von Unmengen an Blattgold, Stuck, Marmor, und prachtvollen Plastiken lebte, dazu das imposante Deckenfresko von Johann Michael Rottmayr. Eine Bühne der Maßlosigkeit, die nachfolgende Kritikergenerationen als absurde Geschmacksverwirrung, kurz: als barock abtaten.

Über die Herkunft des Wortes ist man bis heute uneins, womöglich kommt es von dem portugiesischen "barocco" für "schiefrunde Perle", theoretisieren auch die für die aktuelle Ausstellung verantwortlichen Belvedere-Kuratoren. Vor 90 Jahren hatte das österreichische Barockmuseum im Unteren Belvedere eröffnet, und man dankt der anschließenden Ankaufspolitik knapp 900 Exponate im Bestand. Eine Minderheit holte man jetzt aus den Depots. Anderes, wie Martino Altomontes Deckenfresko im Marmorsaal, war ja schon da. Hier pflegte der Prinz seine Gäste zu empfangen, die seine triumphalen Erfolge bis zum Genickkrampf vom Plafond ablesen durften.

Darunter buhlen im wechselnden Ausstellungsbetrieb sonst stilistische Fremdkörper um Aufmerksamkeit - nun aber avancierte die Transitzone zum authentischsten Winkel der Ausstellung Barock since 1630. Denn den Inbegriff luxuriöser Pracht und Sinnesfreude wird man in dieser abseits des architektonischen Prunkensembles vergeblich suchen.

Das war wohl auch nicht die an die Kuratoren Georg Lechner und Alexander Klee gestellte Aufgabe. Vielmehr galt es Entwicklungslinien innerhalb des heimischen Kunstschaffens nachzuspüren, und dazu liegt der Fokus besonders auf Künstlern späterer Generationen. Also tummeln sich hier Exponate aus der Zeit Maria Theresias ebenso wie solche aus dem Historismus, der klassischen Moderne und des 21. Jahrhunderts, knapp 100 insgesamt.

Barock als Inspiration und Reibungsfläche, so der rote Faden, der über neun Themenkreise geknüpft wurde. Himmel, Menschen-, Körperbild & Co. Franz Xaver Messerschmidts Studienköpfe und Arnulf Rainers passende Übermalungen gehören noch zu den glaubwürdigsten Etappen.

Anderes kommt jedoch über eine motivische Verwandtschaft nicht hinaus, wenn sich etwa Geschlachtete Kälber (1869, Lovis Corinth) an Wurstmachen (1651, David Teniers d. J.), an Eingeweideträger (1955 Fritz Martinz) und eine Nitsch'sche Installation mit Schüttbild (2000) reihen.

Konfrontationen und Interventionen verweisen das Phänomen Barock insgesamt auf die Plätze, und dieser Epoche Zugehöriges gerät weitestgehend zur Staffage. Eine "schiefrunde" und damit geradezu barocke Perspektive bleibt es allemal. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 28.2.2013)

Bis 9. 6.

  • Arnulf Rainer: Überzeichnete Fotografie (1975/76).
    foto: a. rainer / belvedere

    Arnulf Rainer: Überzeichnete Fotografie (1975/76).

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