Hofinger: "Anti-EU-Reflex macht Stronach stark"

Chat4. März 2013, 11:48
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Der Meinungsforscher zu den Wahlen in Niederösterreich und Kärnten

Schreck: Werden sich die Landtagswahlergebnisse auf Salzburg auswirken oder funktioniert jedes Bundeslang strikt nach eigener Logik?

Christoph Hofinger: Guten Tag liebe Userinnen und User von derStandard.at! Die einzelnen Landtagswahlen haben selbstverständlich ihre eigene Logik, aber eine gewisse Ausstrahlung der gestrigen Ergebnisse kann es schon geben. Zum Beispiel hat Stronach gezeigt, dass er die in den Umfragen prognostizierten Werte am Wahltag auch wirklich erreichen kann und das mag einerseits mögliche Funktionäre motivieren, aber auch in den Überlegungen der WählerInnen eine Rolle spielen.

c.rose: was könnten die Hauptursachen für die Fehleinschätzungen aller Prognosen für die FPK gewesen sein?

Christoph Hofinger: Seit letztem Herbst sind nur Umfragen mit einem teilweise deutlichen Vorsprung der SPÖ veröffentlicht worden und ich vermute, dass einige Male in den Rohdaten die Werte für die FPK tatsächlich so niedrig waren. In den Prognosen dürfte manchmal eingeflossen sein, dass sich die FPK bis zum Wahltag etwas erholt, das ist aber nicht eingetreten. Ich würde die veröffentlichten Umfragen aber nicht als Fehleinschätzungen einstufen. Das Bild war recht schlüssig.

f18f9f7c-2d2c-4b29-86e4-83cd15625c8e: Inwieweit beinflussen, Ihrer Meinung nach, Meinungsumfragen die Wahlen ?

Christoph Hofinger: Das ist eine alte Streitfrage, nachgewiesen sind nur wenige Effekte in sehr typischen Situationen. Wenn zum Beispiel jemandem die absolute Mehrheit vorhergesagt wird, kann das zu einer Demobilisierung führen. Es gibt dann auch noch denn "Fallbeil-Effekt", wenn Parteien unter der Prozenthürde liegen und sie dann als "selffulfilling prophecy" tatsächlich unter der Hürde bleiben.

wefwef: Wieviele Jahre geben Sie dem Team Stronach, bevor es wieder verschwindet?

Christoph Hofinger: Ich bin kein Prophet. Zentral ist die Frage, ob Stronach mittelfristig Nachfolger findet.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Wie wird es mit dem BZÖ auf Bundeseben weitergehen? Wurde es im Kärnten wegen Haiders Andenken in erster Linie gewählt?

Christoph Hofinger: Wenn das BZÖ in Kärnten knapp 6,5% bekommt, dann wird es bundesweit eng, gerade wegen der neuen Konkurrenz. Ob das BZÖ aus Haidernostalgie gewählt wurde, kann ich nicht sagen, aber die Marke Haider ist mittlerweile in Kärnten auf eine Weise beschädigt, wie es vor kurzem noch undenkbar war.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Wie sehr ist die FPÖ nun auf Bundesebene geschwächt?

Christoph Hofinger: Die Auswirkungen von Landtagswahlen auf Nationalratswahlen werden leicht überschätzt, aber für die FPÖ heikel ist, wenn sich gewisse Muster aus diesen Wahlkämpfen im Herbst wiederholen. Konkret geht es darum, dass die FPÖ nicht mehr die etablierten Parteien vor sich hertreiben kann wie bisher, sondern auf einmal in Gefahrt gerät, nur Zaungast bei anderen Duellen zu sein oder selbst sogar getrieben zu werden.

Körperklaus: Herr Hofinger, wie kommts dass in Kärnten so viele junge Wähler ihr Kreuz bei Stronach gemacht haben? Dessen sagen wir einmal eigenwilligen Auftritte im TV müssen doch Junge eher abschrecken?

Christoph Hofinger: In Kärnten gibt es eine traditionelle Bewunderung für unkonventionelle Typen, die sich gegen Traditionen und "das System" auflehnen, quasi eine weitverbreitete oppositionelle Identität. Es waren unglaublich viel junge WählerInnen "auf dem Markt", bereit für etwas Neues und Unverbrauchtes. Davon hat Stronach profitiert.

Rafaela: Warum sind die Grünen in Niederösterreich so schwach?

Christoph Hofinger: Es gibt in Niederösterreich nur eine wirklich starke Partei, die ÖVP. Keine der anderen Parteien hat es bislang wirklich geschafft, sie substantiell herauszufordern. So wie die anderen bleiben die Grünen in Niederösterreich unter den Werten, die aufgrund der Wählerstruktur grundsätzlich möglich wären. Das gilt vorallem für die städtischen Gebiete und deren Einzugsgebiet. Es ist noch niemandem gelungen, einen Angriff auf die ÖVP zu formulieren, die sie in Niederösterreich wirklich herausfordern würde.

ein_europa: Wie konnte es eigentlich passieren, dass man sich bei den ersten drei Hochrechnungen für Kärnten derart verschätzt hatte. Die zweite Hochrechnung sah die FPK bei noch 24% und einer Schwankungsbreite von kaum mehr als 2%, ist soetwas nicht eigentlich

Christoph Hofinger: Wir hatten die FPK nie bei 24%, sondern bei 20,4%! Die Abweichung vom vorläufigen Ergebnis beträgt 3% und ist einerseits hoch und andererseits mir gar nicht peinlich. Wir hatten ca. 30 Gemeinden um 16 Uhr, die meisten aus Oberkärnten, praktisch nichts aus dem Zentralraum und die größte Wählerbewegung, die es je bei Landtagswahlen gegeben hat. Da haben selbst ausgiebig geprüfte Modelle nicht ins Schwarze treffen können. Tröstlich ist für uns, dass wir von den veröffentlichten Schätzungen die am wenigsten fehlerbehaftete berechnet haben. Aber auch die anderen haben gute Arbeit geleistet angesichts dieser Rahmenbedingungen.

altair: Was war der Grund, dass die anfängliche Hochrechnung in Kärnten in weiterer Folge deutlich korrigiert werden musste?

Christoph Hofinger: Die Korrektur um 3% kam, als wir die ersten Ergebnisse aus dem Zentralraum (Villach, Klagenfurt) bekamen. Was am Land ein Erdrutsch war, war dort ein Felssturz. Die FPK hat dort nur mehr rund 12%, das war dann in dem Ausmaß für alle überraschend.

LightCurves: Warum sind die Grünen für Protestwähler offenbar "unwählbar"?

Christoph Hofinger: Wie das Beispiel Kärnten zeigt, sind sie es ja. Dort haben die Grünen sich verzweieinhalbfacht und WählerInnen aus allen Richtungen, auch vom BZÖ/FPK, bekommen.

c.rose: oder bandwagon-effekt (wie bei Stronach) denn weder sein Programm o Personen können ausschlaggebend sein; aber auch die allgemein Unzufriedenheit ist mit 10% z.B. zum Grillo-Ergebnis mickrig!

Christoph Hofinger: Die Personen spielen natürlich für die Wahlentscheidung eine Rolle, gerade bei Stronach. Die Wahlmotive laut unserer Wahltagsbefragung zeigen, dass in Kärnten seinen AnhängerInnen vorallem Kontrolle von Missständen wichtig ist. 41% der Kärntner StronachwählerInnen wollten Spitzenkandidaten Köfer als Landeshauptmann, in Niederösterreich wollten übrigens nur 26% Stronach als Landeshauptmann. In Niederösterreich waren die wichtigsten Wahlmotive für StronachwählerInnen "frischer Wind" und das Brechen der absoluten Mehrheit.

seyr: Ist für das Team Stronach in Kärnten bei den herben Verlusten für die FPK rund 10% der Wählerstimmen nicht doch eher ein Negativergebnis? Immerhin erhofften sie ja mehr wie 15%.

Christoph Hofinger: 10% aus dem Stand ist bei Landtagswahlen ausgesprochen selten, natürlich gab es auch schon vereinzelte Ergebnisse, die beim Erstantritt höher lagen, wie Dinkhauser in Tirol, aber andere Parteien brauchen Jahrzehnte um zweistellig zu werden.

edi cool: Hat Ragger in Kärnten eine Chance? Wird sich da viel ändern?

Christoph Hofinger: Das kann ich nicht einschätzen. Ich denke aber, dass in Kärnten grundsätzlich ein besseres Klima der Zusammenarbeit herrschen wird in den nächsten Jahren, wobei die Latte da recht tief liegt.

Manfred81: Ich habe gestern im ORF gehört, dass Sie die Daten immer später bekommen, damit nicht durch irgendeine Lücke etwas in den sozialen Medien bekannt wird. Wie schwierig macht das Ihre Arbeit und leidet dadurch die Genauigkeit der Prognose sehr?

Christoph Hofinger: In Niederösterreich war dies erstmals der Fall. Ich hab dem dortigen Leiter der Wahlbehörde erklärt, dass er nichts zu befürchten hat, wenn uns die Behörde die Daten so wie bei allen anderen Wahlen üblich, schon früh am Nachmittag übermittelt. Für uns ist es wichtig, uns mit den Daten etwas beschäftigen zu können, bevor wir auf Sendung gehen. Wir haben die Daten trotzdem erst knapp vor fünf bekommen und sind sehr froh, dass unsere Niederösterreichprognose so genau war (maximal 0,3% Abweichung). Grundsätzlich verstehe ich, dass die Behörden nach einer Strategie suchen, vorzeitige Veröffentlichungen zu verhindern, weil auf Twitter viele das Gefühl haben, dass dieses Medium eine private Konversation darstelle, aber in Wirklichkeit ist es eine stark wachsende Spezialform des öffentlichen Diskurses.

temohpab: Sind 400-650 Befragte wirklich ausreichend um momentanes Meinungsbild zu erstellen? Warum gibt es so wenige Umfragen mit mind. 1000?

Christoph Hofinger: Es kommt immer darauf an, was Sie messen wollen. Wenn Sie grobe Stimmungen einfangen möchten, können Sie ja auch eine Schwankungsbreite von 4-6% in Kauf nehmen. Für Einschätzungen von Wahlverhalten sind natürlich größere Stichproben sinnvoll und deswegen haben wir auch bei unseren Wahltagsbefragungen meistens 1200 Befragte. Es gibt zwar viele große Umfragen, aber die von den Medien gekauften sind meist durch die knappen Budgets der Verlagshäuser geprägt und da geht sich meistens nicht mehr aus. An sich kein Problem, ausser sie werden im Text völlig überinterpretiert, wie zum Beispiel ein Wechsel um einen Prozentpunkt der in einem Wochenmagazin als Stimmungswechsel hinausposaunt wird.

Körperklaus: Herr Hofinger, Stammwähler anderer Parteien verzeihen "ihrer" Partei oft überraschend viel. Hat die FPÖ eine weniger stabile Kernwählerbasis?

Christoph Hofinger: Wurde schon beantwortet ;) siehe oben.

So Ren: Inwieweit hilft der SPÖ das klare Abschneiden in Kärnten bzw das der ÖVP in NÖ? Lassen sich aus diesen beiden Wahlergebnisse üeberhaupt Schlüsse auf die Bundeswahlen zielen?

Christoph Hofinger: Wir haben schon so oft beobachtet, dass Erfolge bei Landtagswahlen sich im gleichen Jahr nicht bei einer Nationalratswahl wiederholen lassen. Peter Filzmaier hat gestern in diesem Zusammenhang Niederösterreich 2008 in Erinnerung gerufen: Rauschendes Ergebnis im März bei den Niederösterreichischen Landtagswahlen und Katerstimmung auch in Niederösterreich bei der Nationalratswahl im Herbst.

Uwe Sonntag: Onodi ist mit ihrem Kuschelkurs gescheitert. Leitner ist auf Konfrontation gegangen und ist ebenfalls gescheitert. Was muss die SPÖ in NÖ machen, um wieder eine Chance zu haben?

Christoph Hofinger: In Niederösterreich gibt es viele Fragen der Verteilung (wer hat Zugang zu Jobs, Ausbildung, Mobilität, anderen Ressourcen), die öffentlich kaum diskutiert werden. Sozialpolitische Debatten verschwinden teilweise unter einer regionalpatriotischen Decke. Wenn Fragen der Gerechtigkeit im Zentrum stehen, kann die SPÖ zulegen.

xEurocent: Wie realistisch ist es, dass die Grünen durch die Wahlkarten noch ein Mandat gewinnen und sich somit eine Rot-Grüne Mehrheit in Kärnten ausgeht?

Christoph Hofinger: Eine sehr spannende Frage, weil die Wahlkartenberechnungen diesmal mit einigen Unsicherheiten behaftet sind. Wenn die Grünen die gleichen Wählertypen (eher Bildungsschicht) angezogen haben wie beim letzten Mal, sind sie bei den Wahlkarten stark und bekommen das zusätzliche Mandat. Wenn sie aber grün-untypische WählerInnen für sich mobilisieren konnten (zum Beispiel Arbeiter), dann kann die Tendenz zur Briefwahl unter GrünwählerInnen diesmal geringer sein und sie schrammen knapp am fünften Mandat vorbei. Wenn sie dieses Mandat bekommen, ist es etwas wahrscheinlicher, dass es vom BZÖ kommt - aber nur dann, wenn die jetzigen BZÖ-WählerInnen ähnlich briefwahlaffin sind wie früher das FPK, von dem es die meisten seiner WählerInnen hat. Sollte das BZÖ aus dem FPK vorallem briefwahlaffine Bildungsschicht abgezogen haben, dann behält es möglicherweise sein drittes Mandat und die SPÖ könnte ihr vierzehntes an Grün verlieren. Das ist natürlich extrem spannend, weil davon abhängt, ob Rot und Grün zusammen auf eine Mehrheit von 19 Mandaten im Landtag kommen.

f18f9f7c-2d2c-4b29-86e4-83cd15625c8e: Warum steht die Schwankungsbreite immer im Kleingedruckten und warum wird diese nicht in der Grafik selbst mitverarbeitet ? Wie es bspw in wissenschaftlichen Papers üblich ist.

Christoph Hofinger: Ich nehme an, Sie meinen die Wahltagsbefragung. Die ist eben kein wissenschaftliches Paper, sondern die Zusammenfassung von wissenschaftlichen Ergebnissen für ein breites Publikum. Aber ich nehm die Anregung gerne auf, wir sind um größtmögliche Transparenz gerade in diesen wichtigen Details bemüht.

libertad1: Wie werden in den WählerInnenstromanalysen eigentlich ErstwählerInnen und Verstorbene behandelt? Zählen die zu den NichtwählerInnen, d.h. wenn eine Partei an diese Gruppe verliert, sind auch WählerInnen dabei, die nicht mehr am Leben sind?

Christoph Hofinger: Danke für die methodische Feinspitzfrage. Wir lösen dies über die NichtwählerInnen, was eine pragmatische Annäherung ist. Falls eine sehr große Umfrage vorhanden ist, die die Abschätzung des Wahlverhaltens von ErstwählerInnen und Verstorbenen ermöglicht, ließe sich dies herausrechnen. Ich hoffe, dass ich in Zukunft Gelegenheit haben werde mit Umfragen in dieser Größe dies zu tun.

xEurocent: Wieso wechselten kaum FPK-Wähler zur ÖVP, die ja ideologisch näher steht als die SPÖ? Zum Vergleich: Bei der NRW 2002 profitierte ja fast ausschließlich die ÖVP von den großen Wahlverlusten der FPÖ

Christoph Hofinger: In Kärnten gab es immer starke Wählerströme zwischen FPK und SPÖ. In vergangenen Zeiten (Stichwort Wagner-Ära) waren die ideologischen Unterschiede auch gar nicht so enorm. Die ideologischen Ähnlichkeitsmaße sind in Kärnten sicher nicht gleich wie auf Bundesebene. Und wenn wir in die 80er und 90er Jahre blicken: Da hat die FPÖ bei Nationalratswahlen fast gleich viel über die Jahre von SPÖ und ÖVP abziehen können.

xEurocent: Ist es für Stronach-Wähler eigentlich entscheidend, dass er rechtspopulistisch agiert oder könnte ein "linker Stronach" ebenfalls diese rund zehn Prozent an Protestwähler für sich gewinnen?

Christoph Hofinger: Interessantes Gedankenexperiment. Ich glaube das hängt auch vom Bundesland ab. In Wien hielte ich das für denkbar, in Niederösterreich eher nicht. Selbst wenn er links wäre, müsste er aber vermutlich den Anti-EU-Reflex behalten, um annähernd stark zu sein.

oder aber: Die FPÖ wurde diesmal überschätzt, laut NÖ-Wahlmotiven im Standard hat sie bei Menschen in Ausbildung 0% (?) erreicht - was tut sich da?

Christoph Hofinger: Die Gruppe der Befragten in Ausbildung ist natürlich relativ klein und da kann es sein, dass vorallem Studierende in dieser Gruppe sind. Dort ist die FPÖ tatsächlich recht schwach vertreten. Allerdings ist sie bei BerufsschülerInnen sehr stark, die beginnen dann aber oft schon zu arbeiten, wenn sie das Wahlalter erreichen.

Manfred81: Falls das Team Stronach in ein paar Jahren wieder "verschwindet": Kann man grob sagen, dass die Wähler dann wieder zu ihrer "alten" Partei zurück wandern oder ist das eine Milchmädchenrechnung?

Christoph Hofinger: Das muss nicht sein. Zum Beispiel hat die ÖVP im Jahr 2002 mehr als 100.000 ehemalige FPÖ-WählerInnen für sich gewinnen können, die früher SPÖ gewählt haben. Von Stronach kann es wieder zurück zur alten Partei, zu einer dritten Partei oder ins nicht wählen führen. Ausserdem sind ja einige ErstwählerInnen und ehemalige NichtwählerInnen dabei, die dann wieder für alles offen wären.

ModeratorIn: derStandard.at bedankt sich bei Christoph Hofinger und den UserInnen. Schönen Tag noch.

Christoph Hofinger: Es war mir ein großes Vergnügen, die spannenden Fragen der derStandard.at-UserInnen zu beantworten! Einen sonnigen Montag noch und herzlichen Dank.

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