Zeit für eine Zwischenbilanz

Blog28. Februar 2013, 10:13
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Das zweite Semester beginnt - und schau an, ich freue mich darauf

Das erste Semester ist vorüber, Zeit für eine kleine Zwischenbilanz: Nach und nach trudeln die Noten ein, und das zweite Prüfungsergebnis ist schon deutlich besser als das erste. Ich bin zufrieden. Ich habe alle Lehrveranstaltungen durchgezogen, die ich mir vorgenommen habe. Ich weiß jetzt, ich hätte mir sogar mehr vornehmen können.

Ich war zurückhaltend bei der Anmeldung, weil ich nicht abzuschätzen wagte, wie aufwendig das Studium wird, und ich keinen Platz in einer Lehrveranstaltung belegen wollte, die ich dann nicht besuchen kann. Ich bin ja als Alleinerzieherin eingeschränkt in meiner Auswahl, weil ich ein Schulkind zu versorgen habe. Dabei bin ich noch privilegiert, weil dieses Kind schon so groß ist, dass es tagsüber stundenweise alleine bleiben kann. Trotzdem will es ab und an ein warmes Mittagessen zu Hause, Rat und Zuspruch bei den Aufgaben oder schlicht Zeit mit seiner Mutter verbringen. Und das ist gut so.

Ja, es sieht seinen Vater, aber großteils an den Wochenenden. Ja, er springt auch gerne ein, wenn er nicht gerade im Ausland ist. Danke recht schön! Das Einvernehmen ist gut, und darauf können wir stolz sein. Trotzdem versuche ich keine Lehrveranstaltungen zu belegen, die erst abends stattfinden, wenn das Kind nach einem langen Schultag aus dem Tagesschulheim kommt. Das heißt, dass gewisse Lehrveranstaltungen für mich von vorneherein nicht in Frage kommen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Alleinerzieherinnen mit kleineren Kindern es schaffen können, die Studieneingangsphase halbwegs in der Zeit zu bewältigen. Die Vorlesungszeiten sind nicht kompatibel mit Kindergarten oder Volksschule.

Mein Kind legt den Schulweg und auch alle anderen Wege in der Stadt inzwischen schon alleine zurück, aber ich kann mich gut erinnern, wie es war, pünktlich zu den diversen Betreuungseinrichtungen hetzen zu müssen. Wehe, wenn es da kein soziales Netzwerk oder fitte und willige Großeltern am selben Wohnort gibt. Ohne Omas und Opas in derselben Stadt konnte ich meinen Beruf nur dank lieber Freundinnen und Freunde ausüben, die mir mein Kind über die Jahre viele hundert Male mitgenommen und versorgt haben.

Wie das eine Alleinerzieherin mit Kind schaffen soll, die nicht dieses soziale Netzwerk oder den finanziellen Background hat, jede einzelne Betreuungsstunde zu bezahlen, ist mir ein Rätsel. Kinder sind am Institut auch nicht sichtbar. Im ganzen Semester haben ich ein einziges Mal an einem Nachmittag eine junge Frau mit einem Kleinkind die Stiege herunterkommen gesehen. Ich muss zugeben, Kinder waren auch schon vor 20 Jahren an der Universität nicht sehr präsent, aber ab und an sah man doch eine Mutter mit Baby im Hörsaal.

Ich habe mich aber auch selbst nicht sehr viel an der Uni aufgehalten. Anders als bei meinem ersten Studium bin ich sehr zielgerichtet zu meinen Lehrveranstaltungen und dann gleich wieder nach Hause gefahren. Abhängen im großen Innenhof der Hauptuni oder in einem der nahe gelegenen Cafés ist nicht mehr. Dafür habe ich zu viel zu tun. Deswegen sind in diesem ersten Semester auch keine Freundschaften entstanden. Ich habe vier Kolleginnen und Kolleginnen mit Namen kennengelernt, drei davon sind mir so sympathisch, dass ich auch außerhalb der Universität etwas mit ihnen unternehmen würde. Wenn ich Zeit hätte. Aber das war auch nicht mein Fokus.

Natürlich ist es schade, dass diese soziale Komponente an meinem Studium weggefallen ist. Denn die Freunde aus meiner ersten Studienzeit waren es, die mich stark kulturell und auch politisch geprägt haben und bis heute prägen.

Ich beschließe also, im zweiten Semester mehr am Unileben teilzunehmen. In den Lehrveranstaltungen, aber auch außerhalb. (Tanja Paar, derStandard.at, 28.2.2013)

  • Wie man das Studium als Alleinerzieherin ohne soziales Netzwerk schaffen soll, ist mir ein Rätsel.
    foto: dpa/pleul

    Wie man das Studium als Alleinerzieherin ohne soziales Netzwerk schaffen soll, ist mir ein Rätsel.

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