Langsam altert das Waldviertel

Reportage28. Februar 2013, 13:53
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Die Region schrumpft, die Jungen gehen weg - doch in den wahlkämpfenden Ballungszentren ist das kein Thema

In den alten Einbauküchen waschen die slowakischen Pflegerinnen gerade das Mittagsgeschirr ab, die Bankangestellten sperren die zwei Filialen zu, die Waschmuscheln im Haarsalon liegen schon im Mittagsschlaf. Es ist kurz nach ein Uhr mittags in der Waldviertler Gemeinde Langau, eineinhalb Autostunden von Wien entfernt, aber wenn es nach der Geräuschkulisse geht, könnte es auch ein Uhr nachts sein. "Im Sommer ist mehr los", versichert die Frau mit dem schwarz gefärbten Kurzhaarschnitt an der Wursttheke im Dorf-Supermarkt, "da sind mehr Wiener da". Aber abseits der Schulferien sei alles so wie immer: bekannte Gesichter allerorten.


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Schrumpfen im wachsenden Land

691 Menschen wohnten 2012 in Langau, im Jahr 1961 waren es noch 1.313. "Abwanderungsstärkste Gemeinde Niederösterreichs" - dieses Siegel ist der Ortschaft eingeprägt wie anderen das Prädikat "Luftkurort" oder "Ökogemeinde". Für die Jungen gibt es zu wenige Jobs, also gehen sie weg, anstatt hier zu bleiben und für neue Kinder und neue Jobs zu sorgen.

 

Das ist nichts Neues, regt niemanden mehr auf, und es ist auch nichts Einzigartiges: Langau ist nur eine von vielen Gemeinden im Waldviertel, die immer mehr ausdünnen. Trotzdem kümmert sich der niederösterreichische Wahlkampf um andere Themen. Denn anders als in Kärnten, wo sich PolitikerInnen aller Parteien laut überlegen, wie man "die Jungen zurückholen" könne, wächst Niederösterreich beständig. Die Ballungszentren und der Speckgürtel rund um Wien machen wett, was den kleineren Ortschaften wie Langau fehlt.

Dorfshopping

Hier in der Supermarktfiliale klappern ein paar gut gelaunte Frauen gerade die Regale ab, um nach Sonderangeboten zu stöbern. "Brauchst noch was, ein Actimel oder so?", eruiert eine ältere Dame übers Handy eventuelle Spontanwünsche ihres zu Hause wartenden Gatten, eine Heimpflegerin kauft Milch und Semmeln nach. Mancher Wiener Kleinhändler wäre froh, nur halb so viel Kundschaft zu haben. "Zu uns kommen sie aus den ganzen Ortschaften rundherum", sagt Supermarktkassierin Monika Hammerl. Rundherum gebe es nur kleine Greißler mit erlesenen Ladenöffnungszeiten und einem bescheidenen Sortiment.

 

Im Vergleich dazu wirkt die Spar-Filiale mit dem angeschlossenen Café wie ein Shoppingcenter, das auch deshalb geschätzt wird, weil es rund einem halben Dutzend Menschen aus der Umgebung einen Arbeitsplatz bietet. So auch Monika Hammerl: Eigentlich hätte die gelernte Köchin nach dem Wiedereinstieg gerne wieder in ihrem angestammten Beruf gearbeitet - doch die meisten Gasthäuser in der Umgebung haben nur vier Tage die Woche geöffnet und keinen Bedarf an Vollzeitkräften.

"Wir haben alles"

Nebenan im Supermarktcafé macht Franz Ramharter gerade einen Bissen von der Topfengolatsche, nimmt einen Schluck von seiner Melange und erzählt von früher. Damals, da habe sein Tischlereibetrieb gut verdient. Zwar habe auch er 80 Prozent der Aufträge aus Wien bekommen, aber immerhin, das Geld habe gereicht, um einige Gesellen auszubilden und die zwei Kinder großzuziehen.

Heute sind die Kinder längst weggezogen, und den Betrieb wollten weder sie noch die Gesellen übernehmen: Ramharter musste zusperren. Wieder ein paar Ausbildungsplätze und Jobs, die der Gemeinde verloren gingen. Grund, an der Landespolitik zu zweifeln, ist das für Ramharter aber nicht: "Was sich verändern soll? Nichts", schmunzelt er und steckt sich mit dem ÖVP-Feuerzeug noch eine Zigarette an. "Wir haben ja alles: einen schönen Kindergarten und eine große Volksschule - alles, nur keine Kinder." Im Vorjahr zählte Langau null Geburten - und neun Todesfälle. Die Waldviertler Bevölkerung schrumpft nicht nur, sie altert auch beständig: Im Jahr 2001 lag der Anteil der über 65-Jährigen bei 18 Prozent. Im Jahr 2031 sollen es laut Prognosen der Statistik Austria fast 29 Prozent sein.

"Besser Lehrstellen als Straßen"

Birgit Dunkl hatte Glück: Nach der Gartenbauschule fand sie einen Job in der Langauer Blumenhandlung, wo sie gerade eine Komposition aus gelber Zuchtblume, weißer Keramik und Palmkätzchen in Arbeit hat. "Mich bringt nix weg aus dem Waldviertel", sagt sie. Dass den Jungen hier fad werden könnte, glaubt Dunkl nicht: "Jeder ist bei irgendeinem Verein." Und man helfe sich aus beim Geselligsein, erklärt die Perneggerin: "Wenn ich beim Sportklub bin, geh ich zum Fest vom Musikerverein, damit die Musiker dann zu uns kommen." Sie finde hier alles, was es zum Leben brauche: Arbeit, Bekannte, ihren Mann, ein Eigenheim. Letzteres habe sie jedoch vorsichtshalber nicht hier in Langau, sondern im 14 Kilometer entfernten Pernegg errichtet: "Pernegg liegt zentraler, näher bei Horn", sagt Dunkl - "für den Fall, dass das da einmal nimmer ist", sagt sie und zeigt mit dem Finger auf den Bauch des Geschäftslokals.

Dass es irgendeine der Landtagsparteien schaffen könnte, an der tristen Lage etwas zu ändern, glauben hier die wenigsten. Selbst die FPÖ kommt mit ihrem Vorschlag, eine "Waldviertel-Autobahn" zu bauen, nicht gut an. "Sollen sie lieber Lehrstellen schaffen als Straßen bauen", meint Birgit Dunkl. Den Schwarzen im Landtag scheint sie das aber auch nicht zuzutrauen: "Es wäre gut, wenn andere noch mehr mitzureden hätten."

Unterwegs im leeren Bus

Viele scheinen damit zu rechnen, irgendwann umsatteln zu müssen. Entweder im angestammten Beruf bleiben und weggehen oder hier bleiben und den Beruf wechseln: Das ist die Alternative. "Von meinen 20 Klassenkollegen sind nur noch fünf in der Region", sagt Thomas Klinger, der seinen Autobus gerade von Horn nach Drosendorf und zurück steuert, "und die fünf sind Bauern." Es ist Montagmittag, der einzige Fahrgast ist gerade ausgestiegen, und Klinger lenkt, wie so oft, einen leeren Bus durch leere Gemeinden. Er ist ein eloquenter Mann Anfang 40, der einige Ideen hätte, die jedoch niemand hören will. Klinger würde die langen Anfahrtswege der Beschäftigten zu ihren Arbeitsstellen den Betrieben verrechnen - in Form von Emissionszertifikaten. "Dann würden viel mehr Betriebe auf Werksverkehr umsteigen", ist er überzeugt - und die spärlich besetzten Buslinien im Waldviertel wären endlich wieder besser ausgelastet.

Busfahren: "Das macht niemand"

Wer hier einsteigt, ist entweder SchülerIn oder hat kein Auto. "Zum Busfahren braucht man Zeit", sagt Klinger: Zweimal umsteigen auf einer Strecke von 40 Kilometern, mit Wartezeiten von einer Stunde, "das macht niemand". Niemand außer den Schulkindern und jenen, die sich kein Auto leisten können. Denn wer keine Wochen- oder Jahreskarte hat, steigt auch aus Geldgründen aufs Auto um: Für einen kurzen Sprung ins Nachbardorf sind gleich einmal fünf Euro weg - und ein paar Wartestunden auf den Bus retour.

"Früher war mehr Leben da", erinnert sich Klinger an die "Blütezeit in den 80er Jahren": mehr Kinder überall, mehr Leute in den Öffis und in den Wirtshäusern und Geschäften. "Heute ist das anders", sagt der Waldviertler, der lieber nicht fotografiert werden möchte. "Wer bei uns im Outback kein Auto hat, gilt beim Arbeitsmarktservice als unvermittelbar." Und die, die auf Jobsuche sind, würden zu "Zwangsarbeitern" der Betriebe: "In Wien kann ich zur Not den Job wechseln, wenn ich es nicht mehr aushalte. Bei uns überlegt man es sich dreimal - man findet ja sonst nichts."

Alles bleibt gleich

Dieses Problem kennt auch Erwin M., der anonym bleiben möchte. Der 63-Jährige hat nach einem schweren Unfall seinen Job als Monteur verloren, mittlerweile ist er in Pension und verbringt seinen Tag mit Arztbesuchen und Einkäufen in Diskontsupermärkten. Er ist einer der wenigen Busfahrer - fürs Auto fehlt das Geld, für manches andere auch, wie die Lücken in seinem Gebiss andeuten. Für die Zukunft des Landes hat er nur zwei Wünsche: "Bessere Verkehrsanbindungen - und einen Hofer bei uns in der Gemeinde." Erwin Pröll traut er die Erfüllung seiner Wünsche nicht mehr zu - dann eher noch Frank Stronach. Wie auch immer die Wahl ausgehen wird - eines sei gewiss, sagt Erwin M.: "Es hat sich bis jetzt nichts geändert - und es wird sich auch weiterhin nichts ändern." (Maria Sterkl, derStandard.at, 28.2.2013)

  • "Nichts wie weg", sagen sich viele junge Waldviertler - um in der Stadt zu arbeiten und nur noch auf Besuch zurückzukommen.
    foto: derstandard.at

    "Nichts wie weg", sagen sich viele junge Waldviertler - um in der Stadt zu arbeiten und nur noch auf Besuch zurückzukommen.

  • Sie hat es besser erwischt: Floristin Birgit Dunkl.

    Sie hat es besser erwischt: Floristin Birgit Dunkl.

  • Musste seinen Tischlereibetrieb zusperren, weil ihn niemand übernehmen wollte: Franz Ramharter.

    Musste seinen Tischlereibetrieb zusperren, weil ihn niemand übernehmen wollte: Franz Ramharter.

  • Einsames Busfahren im Waldviertel: Nur wer kein Auto hat oder noch zur Schule geht, nutzt die Öffis.
    foto: derstandard.at

    Einsames Busfahren im Waldviertel: Nur wer kein Auto hat oder noch zur Schule geht, nutzt die Öffis.

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