WK: Mitarbeiter zu wenig am Arbeitsplatz

27. Februar 2013, 13:12
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Wirtschaftskammer ortet einen Mangel an Produktivität und fordert Maßnahmen bei Krankenständen, Kuren und Freizeitunfällen

Österreichs Arbeitnehmer sind zwar fleißig und engagiert, aber zu wenige Stunden an ihrem Arbeitsplatz produktiv tätig. Das ist die Quintessenz einer Studie, die die Wirtschaftskammer Oberösterreich vor kurzem präsentierte. 26,5 Prozent der Arbeitszeit werden vom Dienstgeber bezahlt, ohne dass es dafür eine unmittelbare Gegenleistung des Dienstnehmers gibt, heißt es in einer Presseaussendung der Wirtschaftskammer. Die Gründe sind Urlaubszeiten, Feiertage, Krankenstände, Kur- und Arztbesuche sowie "private Tätigkeiten am Arbeitsplatz".

Netto-Arbeitszeit

"Wir wollen den Mitarbeitern nicht die Tüchtigkeit absprechen", erklärt Erhard Prugger, Leiter der Abteilung Sozial- und Rechtspolitik der Wirtschaftskammer Oberösterreich, im Gespräch mit derStandard.at. Aber: Österreich rangiere bei der Netto-Arbeitszeit nicht gerade im EU-Spitzenfeld. Während die Lohnnebenkosten davongaloppierten, befinde sich die Produktivität im Sinkflug, kritisieren Protagonisten der Wirtschaftskammer. Das gehöre geändert.

WK: Gearbeitet wird "nur" 191 Tage

Die einfache Rechnung der Wirtschaftskammer: Die jährliche Arbeitszeit beträgt theoretisch 260 Tage, wobei hier alles eingereichnet wird. Also 52 Wochen mit jeweils fünf Tagen in der Arbeit. Subtrahiert man davon 25 Urlaubstage, 13 gesetzliche Feiertage, 13,5 Krankenstandstage, 2,9 bezahlte Freistellungstage - etwa für Pflege oder eine Übersiedlung - und noch dazu 14,5 Arbeitstage, die Mitarbeiter während ihrer Arbeitszeit in private Tätigkeiten investieren, dann kommt man auf eine geringere Arbeitsleistung. Nämlich? 191 Tage - bei vollen Bezügen. Zu wenig, wie die Unternehmensvertreter monieren.

29 Minuten für private Tätigkeiten

Die Unproduktivität, die sich im Laufe eines Arbeitsjahres auf 14,5 Tage pro Mitarbeiter summiert, hat die Wirtschaftskammer aus Daten destilliert, die der Marktforscher Imas in einer repräsentativen Umfrage unter unselbstständig Erwerbstätigen erhoben hat. Der Befragung zufolge, die derStandard.at vorliegt, verbringen Arbeitnehmer im Schnitt 29 Minuten pro Arbeitstag mit privaten Tätigkeiten. Beim Plaudern mit Kollegen vergehen zum Beispiel neun Minuten, das Telefonieren mit Freunden und Bekannten "verschlingt" vier Minuten und eine Zigarettenpause außerhalb der eigentlichen Pause schlägt auch mit vier Minuten zu Buche. Privates Surfen macht erstaunlicherweise nur drei Minuten pro Tag aus.

Forderungskatalog

Mit dieser Auflistung möchte die Wirtschaftskammer keinesfalls den "privaten Tätigkeiten" den Kampf ansagen, betont Prugger von der WK OÖ: "Wir wollen nicht das Plaudern verbieten." Sondern? "Österreichs Betriebe entlasten." Vor allem Klein- und Mittelbetriebe stöhnten unter der hohen Abgabenlast. Hier sei die Schmergrenze längst erreicht. Linderung versprechen sich die Wirtschaftsvertreter von einem Maßnahmenkatalog, der Forderungen beinhaltet wie: "Keine Bezahlung des ersten Krankenstandstages und Beteiligung des Dienstnehmers an der Entgeltfortzahlung, sofern ein Freizeitunfall vorliegt."

Auch in diesem Fall will die Wirtschaftskammer nichts verbieten, schon gar keine Freizeitaktivitäten, versichert Prugger, sondern bloß die "soziale Schieflage" korrigieren. "Der Unternehmer ist immer der Dumme." Das Risiko sollte auf mehrere Schultern verteilt werden. Zum Beispiel auf jene der Arbeitnehmer. Sie sollen bei Freizeitunfällen in die Pflicht genommen werden – und zwar finanziell. Als Vorbild nennt Prugger Schweden. Hier gebe es beispielsweise eine Freizeitunfallversicherung, die Kosten für Unternehmen abfedert.

"Teilarbeitsfähigkeit"

Ein anderer Vorschlag kam erst kürzlich aufs Tapet, nämlich eine Art "Teilarbeitsfähigkeit" einzuführen. Ein Modell aus der Schweiz, das je nach Grad der Krankheit oder Verletzung eine Differenzierung nach Tätigkeiten vorsieht. So könne jemand mit einem gebrochenen Bein vielleicht durchaus noch Telefondienste erledigen, sagte ein Vertreter der Wirtschaftskammer zu derStandard.at.

Kur während der Urlaubszeit

Ein weiterer kleiner Pfeiler, der zum Einsturz gebracht werden sollte, ist nach den Wünschen der Wirtschaftskammer der Übersiedlungstag. Er steht Arbeitnehmern bei einem Umzug zur Verfügung. Dafür könne genauso gut der Urlaub herhalten, lautet die Argumentation. Eine andere Forderung der Interessensvertretung ist die Einbeziehung von Kuren und anderen bezahlten Dienstverhinderungen in den Urlaub. Im Falle einer dreiwöchigen Kur könnten das zum Beispiel drei Urlaubstage sein, präzisiert Prugger.

Auch auf der Wunschliste ist eine "gezieltere Bekämpfung von Krankenstandsmissbrauch". Im Klartext: schärfere Kontrollen sollen kommen. Mit den Vorschlägen wolle man keine Mitarbeiter kriminalisieren, meint Prugger, sondern lediglich aufzeigen, auf welch hohem Niveau sich Sozialleistungen in Österreich befänden.

75 Prozent fühlen sich gestresst

Eine Frage der Perspektive, denn Arbeiterkammer und Gewerkschaften fordern zum Beispiel eine sechste Urlaubswoche, um den steigenden Arbeitsdruck besser meistern zu können. Munition liefert hier die von der WK in Auftrag gegebene Imas-Befragung. Der zufolge klagen immerhin 75 Prozent über "sehr starken" oder "einigermaßen starken" Stress im beruflichen Alltag. Dass die Arbeit zwischendurch von privaten Tätigkeiten unterbrochen wird, halten 70 Prozent der Befragten für legitim. Nur 15 Prozent plagen Gewissensbisse. (Oliver Mark, 27.2.2013)

  • Anwesenheit ist nicht gleich Produktivität. Arbeiten Österreichs Dienstnehmer zu wenig? Die Wirtschaftskammer meint, sie sind überhaupt zu selten anwesend.
    foto: istockphoto.com peskymonkey

    Anwesenheit ist nicht gleich Produktivität. Arbeiten Österreichs Dienstnehmer zu wenig? Die Wirtschaftskammer meint, sie sind überhaupt zu selten anwesend.

  • Die Grafik der Wirtschaftskammer zur Verteilung der bezahlten Dienstverhinderungen. Die Prozentsätze bei "Sonstiges" (richtig: 4,2 Prozent) und "Private Tätigkeiten während der Arbeitszeit" (richtig: 21 Prozent) gehören vertauscht.
    grafik: wirtschaftskammer

    Die Grafik der Wirtschaftskammer zur Verteilung der bezahlten Dienstverhinderungen. Die Prozentsätze bei "Sonstiges" (richtig: 4,2 Prozent) und "Private Tätigkeiten während der Arbeitszeit" (richtig: 21 Prozent) gehören vertauscht.

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