Wirklichkeit und Stereotyp im Bild

26. Februar 2013, 21:09
posten

Grazer Historiker analysieren tausende alte Fotos aus Südosteuropa, die Auskunft über Selbst- und Fremdzuschreibungen der jeweiligen Gesellschaften geben

In zahllosen Schriften wurde der "Balkan" schon in der Habsburger-Zeit als eine archaische, kriegerische Welt jenseits der zivilisierten europäischen Zentren dargestellt. Wie diese Stereotype entstanden sind und sich verfestigen konnten, wurde anhand schriftlicher Quellen bereits erforscht. Fotos dagegen wurden bislang kaum einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Grazer Historiker sind nun dabei, einen Teil dieses lange vernachlässigten Bilderschatzes zu bergen und damit die südosteuropäische Geschichtsforschung um eine neue Dimension zu bereichern.

Dafür wurden zwischen 1860 und 1918 entstandene Fotos aus Bosnien-Herzegowina, Serbien und Bulgarien in Hinblick auf ihre Darstellung von Familie, Geschlecht und Körper untersucht. "Anhand von Fotografien aus diesen Ländern mit osmanischem Erbe wollen wir herausfinden, ob vor dem muslimisch-orthodoxen Balkanhintergrund mit Bildern anders umgegangen wurde als im westlichen Europa", beschreibt Projektleiter Karl Kaser von der Abteilung für Südosteuropäische Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz die Ausgangsfrage des vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekts.

Deutschsprachige Fotografen

Um sie für Bosnien-Herzegowina zu beantworten, mussten rund 16.000 Fotos in den Archiven von Wien und Sarajevo gesichtet werden. "Die ersten Fotografen sind erst mit der österreichisch-ungarischen Okkupation 1878 in das Land gekommen", berichtet Barbara Derler, die sich in ihrer Arbeit mit den "Selbst- und Fremdbildern" der Bevölkerung Sarajevos beschäftigt. Die ersten Ateliers in Sarajevo gehörten deutschsprachigen Fotografen, erst in der Zwischenkriegszeit entstanden auch muslimische Fotoateliers.

Wie aber gingen die Muslime und Juden mit dem neuen Medium um? Galt für sie doch das alttestamentarische Bilderverbot, nach dem man sich weder von Gott noch von den Menschen und Tieren ein Bild machen darf. "Zwar näherten sich diese Gruppen nur zögerlich der Fotografie an, letztlich aber fanden die muslimischen Gelehrten einen Ausweg", sagt Kaser. "Da es sich bei der Fotografie ja nur um chemisch-physikalische Prozesse handle und der Mensch nichts dazu beitrage, könne man das neue Medium durchaus nutzen."

Kaum muslimische Frauen

So finden sich auf Studiofotografien aus Sarajevo auch etliche muslimisch gekleidete Männer - für muslimische Frauen aber schien das Bilderverbot sehr wohl zu gelten. Nur auf den beliebten Bildpostkarten waren auch verschleierte Frauen zu sehen: "Nachdem die Fotografen von auswärts kamen und das Exotische und die kulturelle Vielfalt hervorheben wollten, boten sich die verhüllten Frauen besonders an", vermutet Derler.

Anelia Kassabova fand in ihrer Heimat Bulgarien keine als solche erkennbaren Muslime auf den von ihr gesichteten Fotos - und das, obwohl 1885 noch über 30 Prozent der Bevölkerung Muslime waren. "Nach 1878 wollte sich Bulgarien als christliches Land definieren", erklärt die Historikerin. Viele Muslime wurden vertrieben, der Rest wirtschaftlich zurückgedrängt. "Durch ihr Fehlen auf den Fotografien sollten sie aus der öffentlichen Wahrnehmung eliminiert werden."

Generell wurde die Fotografie in allen drei untersuchten Ländern zunächst fast nur von den westlich orientierten Eliten genutzt. Für die ärmeren Bevölkerungsschichten war das neue Medium zu teuer. "Wie im Westen dienten Studiofotografien der Demonstration von Klassenzugehörigkeit", sagt Ana Djordjevic, die für das Projekt die Bestände der wichtigsten Porträtfotografen Serbiens durchforstet. " Professionelle Fotostudios wurden zu Treffpunkten des erst entstehenden Bürgertums. Die Fotografie dokumentierte nicht nur die sich modernisierende serbische Gesellschaft, sondern ist auch aktiv an dieser Veränderung beteiligt."

Medium der Oberschicht

Fotografien halfen, die moderne bürgerliche Familie und die vorgegebenen Rollen ihrer Mitglieder in Szene zu setzen. Zu diesem Zweck wurde den Fotografierten ein spezieller sozialer Habitus antrainiert: Kopf- und Schulterhaltung, die Positionierung der Hände etc. bekamen eine große Bedeutung. Da die Fotografie das neue Medium der Oberschicht war, finden sich die "einfachen Leute" fast nur auf Dokumentarfotos.

Doch auch hier wurde mit Stereotypen gearbeitet: Oft wurden die Menschen in Trachten oder als stilisierte Kämpfer abgebildet, die Fotoateliers waren dementsprechend ausgestattet. "Die Idealisierung von bäuerlicher Welt und Volkskultur entspringt dem bürgerlichen und dem ethnografischen Blick auf das ländliche Leben", sagt Kassabova. "Aber das war damals ein genereller Trend in Europa."

Bis zum Sommer wollen die Grazer Historiker eine fotografische Datenbank mit rund 2500 gescannten Fotos inklusive Analysen und Beschreibungen online stellen. (Doris Griesser, DER STANDARD, 27.02.2013)

  • Fotografie war einst ein Medium der Oberschicht, "einfache" Leute waren meist nur auf Dokumentarfotos zu sehen, wie in dieser Straßenmarkt-Szene in Sofia.
    foto: st. cyril and st. methodius national library, bulgarien

    Fotografie war einst ein Medium der Oberschicht, "einfache" Leute waren meist nur auf Dokumentarfotos zu sehen, wie in dieser Straßenmarkt-Szene in Sofia.

  • Das Bürgertum, wie hier Familie Marinovi in Sofia, besuchte Fotostudios, um sich in Szene setzen zu lassen. Jedes Familienmitglied wird seiner Rolle entsprechend positioniert.
    foto: personal archive of anelia kassabova

    Das Bürgertum, wie hier Familie Marinovi in Sofia, besuchte Fotostudios, um sich in Szene setzen zu lassen. Jedes Familienmitglied wird seiner Rolle entsprechend positioniert.

Share if you care.