Im Bauch der Gefühlswelt

26. Februar 2013, 21:00
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Im Magen-Darm-Trakt vermutet man die Ursache vieler psychischer Erkrankungen - Die Forschung interessiert sich vor allem für die Darmflora und ihr Gleichgewicht

Dass der Bauch auf Emotionen reagiert, darf als empirisch abgesichertes Allgemeinwissen bezeichnet werden. Die Sprache hat dafür jede Menge Redewendungen parat: "Das liegt mir im Magen", "Ich habe ein flaues Gefühl im Bauch" oder im besten Fall: "Ich habe Schmetterlinge im Bauch." Und eine große Angst verbal mit der Entleerung des Darms gleichzusetzen ist auch nicht gerade ungewöhnlich.

Die Forschung beschäftigt sich erst seit den 1980er-Jahren intensiv mit diesem Phänomen, weil seit damals eine besonders unangenehme Form des Bauchgefühls, das Reizdarmsyndrom, verstärkt auftritt. Immer mehr Patienten leiden unter Schmerzen und einem unbestimmten Unwohlsein. Da es dabei keine organischen Ursachen gibt, waren Ärzte lange Zeit ratlos und bezeichneten das Leiden als Bagatelle - bis die Pharmaindustrie in diesem Krankheitsbild einen neuen Markt entdeckte und in Forschung investierte. Heute nimmt man derlei psychosomatische Störungen ernst. Mittlerweile ist auch bekannt, dass Serotonin in den Gedärmen Rezeptoren hat und dass Antidepressiva hier ansetzen und wirken können.

Heilung durch Hypnose

Gabriele Moser von der Med-Uni Wien, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in der Inneren Medizin, warnt davor, den Reizdarm allein mit Medikamenten behandeln zu wollen. Das Team um Moser konnte zuletzt in einer groß angelegten Studie nachweisen, dass auch eine psychotherapeutische Intervention mit einer speziellen, auf den Bauch gerichteten Hypnose sogar schwere Reizdarmbeschwerden langfristig lindern kann. Die wissenschaftliche Arbeit wurde im American Journal of Gastroenterology publiziert.

Dass der Bauch durch Emotionen überhaupt belastet werden kann, hat auch anatomische Gründe. Moser erzählt von langen Nervenfasern, die den Magen-Darm-Trakt mit dem Gehirn verbinden. Das lässt den Schluss zu, dass auch der Darm und sein Innenleben auf das Gehirn wirken, was weniger bekannt, aber mindestens genauso belastend für die Patienten sein kann. Depressionen und Angstzustände treten nicht selten als Folge von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa und sogar im Zusammenhang mit Salmonellenvergiftungen auf.

Ein ökologisches Gleichgewicht im Verdauungstrakt wäre jedenfalls die Voraussetzung für einen gesunden Darm, der die Psyche nicht belastet. Etwa hundert Billionen Mikroben leben hier nach vorsichtigen Schätzungen auf der Darmschleimhaut. Zum Vergleich: Der Mensch hat etwa zehn Billionen Zellen. "Darmflora und Schleimhaut sind eigentlich zwei Konkurrenten, die miteinander auskommen müssen", sagt Peter Holzer, Professor für Experimentelle Neurogastroenterologie an der Medizinischen Universität Graz.

Die Zusammensetzung der Darmflora ist außerdem individuell verschieden: Sie ist bei allen Menschen zwar ähnlich, dennoch gleicht keine der anderen. Wissenschafter sagen scherzhaft "Shitprint" dazu - eine Art menschlicher Abdruck, der sich nach einer Darmreinigung durch Abführmittel auch wieder neu zusammensetzt. Welche Bedeutung das für das Gemüt haben kann, zeigt ein Experiment: Stuhltransplantationen bei Mäusen und Ratten hätten zu Verhaltensänderungen geführt, sagt Moser.

Proteine beeinflussen Psyche

In einem aktuellen, vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt beschäftigt sich Peter Holzer mit der Frage, wie im Detail die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn bei psychischen Erkrankungen abläuft. Dabei gibt es mehrere, auch einige bekannte Denkansätze: Zytokine, Proteine, die bei Entzündungen im gesamten Körper, nicht nur im Darm, ausgeschüttet werden, zirkulieren in der Blutbahn und belasten das limbische System im Gehirn. Hier werden Emotionen gesteuert.

Die Ursache für den höheren Zytokin-Gehalt im Blut kann auch Stress sein: Die Darmschleimhaut wird für Mikroben durchlässiger, das Immunsystem reagiert mit der Ausschüttung dieser Proteine.

Im Darm befinden sich aber nicht nur zahllose Mikroben, sondern auch Hormone. Sie beeinflussen durch Signale ans Gehirn das Verhalten. Und das kann einen positiven Einfluss auf die Gemütsverfassung haben. Holzers Forscherteam erkannte am Mausmodell jedenfalls, dass die Tiere depressiv werden, wenn ihnen das Darmhormon mit dem Namen Peptid YY entfernt wurde. Die Mäuse seien deutlich ängstlicher als davor und würden in Experimenten früher aufgeben als Artgenossen mit diesem Peptid, sagt Holzer zum Standard.

Ein anderes Hormon aus dem Verdauungstrakt kann die Ängstlichkeit wieder herunterschalten: Ghrelin reguliert die Nahrungsaufnahme, macht Hunger und erhöht den Mut bei der Jagd. Und manche Mikroben, die sich im Darm tummeln, könnten sogar die ängstlichsten Jäger noch beruhigen. Sie können Stoffe bilden, die wie Valium wirken. Was für den Neurogastroenterologen Holzer ein neuerlicher Beweis dafür ist, dass manch psychische Erkrankung über den Darm behandelt werden könnte. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 27.02.2013)

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    Wer sensibel auf seelischen Druck reagiert, weiß, wie gut Psyche und Verdauungstrakt miteinander verknüpft sind. Das hat auch anatomische Grundlagen: lange Nervenfasern, die die Organe verbinden.

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