Anamnese vor dem Wildwuchs

6. März 2013, 17:00
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Los geht's: Rasch das alte Laub aus den Gartenschlapfen beuteln und sofort draußen klären, was die Pflanzen bald schon brauchen werden

Der März gehört mit Recht zu den schönsten zwölf Monaten des Gartenjahrs. Er bietet dem Gartler und der Gärtnerin eine Fülle an Möglichkeiten, sich wieder außerhalb der geheizten Räumlichkeiten einzubringen. Aber die Profis mahnen, nun mit System vorzugehen. Stürzen Sie sich also nicht blind in die Arbeit, sondern machen Sie sich einen Plan.

Und was kommt vor jeder Planerstellung? Die Anamnese. Ziehen Sie dazu Ihr bestes Gartengewand an und schlüpfen Sie in Ihre so geliebten Gartentöffler. Wo die sind? Die stehen natürlich noch draußen, gut gefüllt mit nassem Laub und Dingen, für deren Konsistenzen es noch keine Bezeichnungen gibt. Riechen Sie nicht daran, womöglich waren Katze, Dachs oder Fuchs am Schuh. Sollten die Töffler trocken, aber dennoch im Freien überwintert haben, dann wohnen jetzt bestimmt die unglaublich mächtigen Hausspinnen darin. Die bekommen Sie auch mit Schütteln und Klopfen nicht heraus. Die müssen Sie mit einer zweiendigen Fasanenfeder herauskitzeln. Wie auch immer Sie das letztendlich hinbekommen haben, Sie stehen nun top adjustiert in Ihrem Garten und sehen sich einmal um.

Pflanzen-Anamnese

Screenen Sie die Wiese. Sind die Halme grün oder braun? Wenn braun, notieren Sie sich den Einsatz von Grassamen, wenn grün, atmen Sie erleichtert durch. Betrachten Sie in der Folge den Lavendel. Wie hat er den Winter und die Schneelast überstanden? Ganz egal wie, notieren Sie sich einen radikalen Rückschnitt und unterstreichen Sie jene Passage, wo Sie sich daran erinnern, wie schlecht Lavendel verrottet, und machen Sie sich ein Fragezeichen zur Bemerkung, ob das Schnittmaterial auf dem Kompost landen soll. Weiter geht's mit der Anamnese.

Heben Sie Holzplanken und Trittsteine hoch. Sie werden massenhaft Jungschnecken an den Unterseiten feststellen. Notieren Sie sich zwei Stunden Schneckenklauben ins Büchlein, mit dem Vermerk "dringend". Nun stehen Sie vor der Kletterrose. Sie sehen fette, dralle Knospen an den Triebenden. Das ist schlecht. Sie wissen, dass Sie die Triebspitzen tiefer positioniert und gebunden sein sollten als deren Auswuchsstelle am Haupttrieb. Sie schreiben "drei Stunden Kletterrosenpflege" und "Kontrolle der Erste-Hilfe-Box" in Ihr Büchlein.

Unmöglich, die Fasson zu bewahren

Am Gartenzaun treiben bereits die Fliederbüsche gewaltig an. Auch der Pfeifenstrauch Philadelphus steht schon gut im Saft. Wenn Sie auch dieses Jahr das Auslichten verpassen, wird es nächstes Jahr nahezu unmöglich werden, diese gewaltig wachsenden Sträucher in Fasson zu bringen. Sie notieren sich: "Alle nach innen gerichtete Triebe wegschneiden. Alle ungesund aussehenden Triebe entfernen. Alle fadendünnen Zweigerln wegschneiden, großzügig die Pflanze auf ein Drittel zurückschneiden."

Wie jedes Jahr stehen Sie auch seufzend vor dem austreibenden Mutterkraut, einer Wildpflanze. Sie mögen den Geruch nicht. Es stört Sie, dass die Pflanze um so viel schneller und gesünder wächst, als die meisten anderen. Aber weil das Mutterkraut so dankbar ist, darf es auch dieses Jahr wieder bleiben. Für den ersten Rundgang sollte das reichen,

Sie gehen zurück in die gute Stube, schlagen Ihre Notizen auf und brüten ein wenig über Ihrer Anamnese. Sie stellen fest, dass tatsächlich viel zu tun ist. Sie blättern in Gartenbüchern, lesen vom Aufbringen frischen Komposts, vom Umstechen des Hochbeets, vom Sandstreuen auf den Wiesen, vom Zupfen des Unkrauts, vom Rückschnitt der Clematis, vom Entsorgen der Kältetoten, vom manuellen Säubern der Beete ... und wünschen sich wieder den Februar herbei. Wie sehr Ausblick und Hoffnung angesichts der Realität doch verblassen. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 01.03.2013)

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    Laissez faire im Garten ist oftmals irreversibel: Wer zu spät schneidet, der bereut ein Pflanzenleben lang. Pflanzen wollen sich ausbreiten, Gärten lassen das oft nicht zu. Es liegt an Ihnen, den Rückschnitt entsprechend intensiv zu gestalten. Nur keine Angst, totgeschnitten wurde noch keine Pflanze.

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