Kleinserien: Weniger ist mehr

4. März 2013, 14:42
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Immer öfter wählen Designer einen anderen Weg als die industrielle Produktion. Sie setzen auf kleine Serien, denen die persönliche Handschrift der Entwerfer anzusehen ist.

In Handarbeit hergestellte Serienprodukte sind Gebrauchsgegenstände, die eine eigene Entstehungsgeschichte haben. Bei diesen Möbeln und Objekten prägt die Handschrift des Gestalters neben dem Entwurf auch jedes einzelne Stück, das er anfertigt. Solche Unikate sollen nicht perfekt sein wie massenhafte Fabrikware - und genau das macht ihren Reiz aus. Sie befinden sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design, oft steht der Prozess ihres Entstehens im Mittelpunkt. Immer öfter werden von Designern geschaffene Originale bevorzugt in kleinen Serien aufgelegt und in Galerien statt in Shops ausgestellt. Nicht selten ist der Zufall mit einkalkuliert, seine Spuren spielen eine nicht unwesentliche Rolle bei der Gestaltung von ganz eigenen Tischen, Stühlen oder Leuchten.

Was einem leicht verknitterten Papiermodell ähnelt, ist im Falle der Like paper-Serie aus dünnwandigem Beton gemacht: Die Lampen des Kasseler Designerduos Miriam Aust und Sebastian Amelung basieren zwar auf einem einheitlichen Schnittmuster, sehen mit ihren Knicken, Kanten und Falten aber alle verschieden aus. So wie Holzverschalungen dekorative Abdrücke auf Rohbetonbauten hinterlassen, dient hier Papier als verlorene Form und Gestaltungselement zugleich. Die eigenwilligen Lampenschirme entstehen durch das Schwenken flüssiger Betonmasse in den Papierformen. Das Ergebnis dieses Prozesses sind leuchtende Einzelstücke, denen man das Unikat auf charmante Weise ansieht.

Stühle säen und ernten

Bei der Produktion seiner Objekte lässt der Niederländer Lucas Maassen seine drei Söhne im Alter von sieben bis neun Jahren mitarbeiten. Ganz offiziell, denn sie haben einen schriftlichen Vertrag mit ihrem Vater und erhalten einen Euro für jedes in Handarbeit angemalte Möbelstück. Das ungewöhnliche Familienprojekt heißt "Lucas Maassen & Sons Furniture Factory." Nach niederländischem Recht dürfen die Kinder aber nur drei Stunden pro Woche arbeiten. Dieses Zeitlimit verwandelt Lucas Maassen zum ästhetischen Merkmal der handwerklichen gefertigten Kollektion: Was fertig werden soll, muss in einem festen Zeitplan entstehen. Wenn Spiegelrahmen und Sessel nicht flächendeckend angestrichen sind oder die Maassen-Söhne aufgrund ihrer Körpergröße den oberen Rand nicht erreichen, bleiben diese Teile ohne Farbe. Gerade ihre offensichtliche und gewollte Unvollkommenheit macht die Holzobjekte einzigartig und reizvoll.

Kann man Stühle säen und ernten wie ein Agrarprodukt, fragt sich hingegen Werner Aisslinger? Der Berliner Designer thematisiert diese Fragestellung in seinem Projekt Chair Farm und züchtet Möbel mithilfe der Natur heran: In einem Metallgerüst wird die Wachstumsrichtung einer Bambuspflanze so gelenkt, dass sie zu einem Stuhl heranwächst. Sind die Äste dick genug, ist die grüne Sitzgelegenheit fertig. Ihre Form ist funktional, aber nicht geradlinig, denn natürliche Prozesse lassen sich nicht vollkommen beherrschen. Manche Bambusarten wachsen angeblich dreißig Zentimeter am Tag, deshalb eignen sich die Pflanzen besonders gut für diese Idee einer Stuhlmanufaktur.

Personalisiertes Design

Ebenfalls die Natur zur Hand nimmt der aus Amsterdam stammende Jólan van der Wiel bei der Herstellung seines Gravity Stool. Er nutzt zwei grundlegende Phänomene: Erdanziehung und Magnetismus. Zunächst mischt der Designer Kunstharz mit Eisenpartikeln. Die starken Magneten eines speziellen Produktionswerkzeugs ziehen die Beine aus dem flüssigen Stoff in die Höhe, wo sie so lange gehalten werden, bis sie aushärten. Eine Metallschale, in der sich das Gemisch befindet, gibt zugleich den Umriss der Sitzfläche vor. Am Ende des naturwissenschaftlichen Gestaltungsprozesses steht ein Hocker mit kristallin wirkenden Details, die seine Herstellungsmethode auf Dauer sichtbar machen.

Auch der Niederländer Piet Hein Eek experimentiert mit Metall, aber auf ganz andere Weise. Reste industrieller Produktion inspirieren ihn zu ungewöhnlichen Sitzobjekten wie dem Tube chair. Diese Einzelstücke aus Rohrabschnitten und anderen Abfallstoffen verkauft er in seinem Showroom in Geldrop, zu dem neben der Werkstatt auch ein Restaurant gehört. Genügend Rohmaterial für seine Möbel findet er im Gewerbegebiet rund um seine Manufaktur.

Wie personalisiertes Design in der Industrie entstehen kann, zeigt Loewe mit seinen "Connect ID"-Fernsehern. Die Geräte der individualisierbaren Fernsehfamilie können auch als echte Unikate entworfen werden: Modedesignerin Gabriele Strehle gestaltet im Rahmen der Strenesse-Edition Frontelement und Fuß eines jeden TV-Geräts exklusiv nach den Wünschen des Kunden in einer fein abgestuften Farbtonpalette aus edlen Ledersorten. Die Markenzeichen Loewe und Strenesse sind in das Leder geprägt, das Strehle wie ein Kunstwerk signiert. So ist ein Trend, der in kleinen Designstudios entstand, nun auch bei Hightech-Konzernen angekommen. (Heike Edelmann, Rondo, DER STANDARD, 01.03.2013)

  • Die Söhne des Designers Lucas Maassen legen beim Design des Vaters gegen Cash Hand an. Drei Stunden pro Woche dürfen sie das laut niederländischem Recht. Darum wird auch nicht jeder Sessel fertiggepinselt, was Maassen wiederum als Stilmerkmal verkauft.
    foto: lucas maassen & sons furniture factory / mike roelofs

    Die Söhne des Designers Lucas Maassen legen beim Design des Vaters gegen Cash Hand an. Drei Stunden pro Woche dürfen sie das laut niederländischem Recht. Darum wird auch nicht jeder Sessel fertiggepinselt, was Maassen wiederum als Stilmerkmal verkauft.

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