"Grillos Erfolg hat auch mich überrascht"

Interview26. Februar 2013, 18:37
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Dass die Prognosen für die Italien-Wahl stark vom Ergebnis abwichen, führt der Meinungsforscher Renato Mannheimer auf unehrliche Antworten der Befragten zurück

Renato Mannheimer (66) gilt als der führende Demoskop in Italien. Er ist Gründer und Präsident des Meinungsforschungsinstituts Ispo, lehrt an der Universität Mailand Soziologie und arbeitet für führende Medienunternehmen. Mit dem STANDARD sprach er über die Divergenz zwischen Prognosen und Ergebnis der italienischen Parlamentswahl.

STANDARD: Welche Faktoren waren für Beppe Grillos unerwartet hohen Sieg verantwortlich?

Mannheimer: Vor allem die wachsende Aversion der Italiener gegen die Politik. Die Skandale der letzten Wochen und Monate haben den Protest noch verstärkt. Grillo ist ein Schauspieler und versteht es, den Protest zu schüren.

STANDARD: Hat seine Protestbewegung Bestand?

Mannheimer: Das kommt darauf an, wie sich die Parteien verhalten und bewegen werden. Das Vertrauen in die Politik befindet sich auf einem Allzeittief.

STANDARD: Die Demoskopen lagen wieder einmal falsch. Auch Sie hatten einen klaren Vorsprung der Linksdemokraten gegenüber der Berlusconi-Partei vorausgesagt ...

Mannheimer: Das ist kein rein italienisches Phänomen. Man muss sich nur an die USA oder Israel erinnern. Das Problem in Italien ist, dass viele Wähler falsche Angaben machen. Nur wenige von uns befragte Wähler wollten offen zugeben, dass sie Berlusconi wählen. Das Ausmaß des Erfolges von Grillo hat dann auch mich überrascht.

STANDARD: Was ist Ihrer Meinung nach ein mögliches Zukunftspanorama: Neuwahlen oder eine Große Koalition?

Mannheimer: Vier Szenarien: entweder Alleinregierung der Linksdemokraten oder eine Allianz - entweder mit Grillo oder mit Berlusconi - oder aber Neuwahlen.

STANDARD: Welches ist die wahrscheinlichste Lösung?

Mannheimer: Keine Ahnung. Ich beobachte nur, mache jetzt keine Prognosen.

STANDARD: Warum haben die Linksdemokraten schlechter abgeschnitten als erwartet?

Mannheimer: Weil die Wahlkampagne von Pier Luigi Bersani langweilig und farblos war.

STANDARD: Hätte Bersani zugunsten des jungen Bürgermeisters von Florenz, Matteo Renzi, verzichten sollen?

Mannheimer: Der Wahlausgang wäre dann vermutlich tatsächlich ein anderer gewesen.

STANDARD: Und warum hat Premier Mario Monti versagt?

Mannheimer: Auch seine Wahlkampagne entsprach nicht den Erwartungen. Die Wähler haben Monti als Chef einer Expertenregierung, nicht aber als Parteipolitiker akzeptiert.

STANDARD: Ist denn Berlusconi nicht umzubringen?

Mannheimer: Er hat eine exzellente Wahlkampagne geführt und den Italienern das versprochen, was sie hören wollten. Aber wir sind alle sterblich - auch er. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD, 27.2.2013)

Wissen: Italiens Wahlrecht

Frage: Wieso gibt es in Italien Sammelbewegungen?

Antwort: Das Parteiensystem ist zersplittert, viele Parteien könnten allein die Vier-Prozent-Wahlhürde nicht überspringen. Auch das Wahlrecht, das der stärksten Partei oder Bewegung automatisch 55 Prozent der Sitze in der Abgeordnetenkammer garantiert, fördert die Bildung von Allianzen.

Frage: Gibt es ein mehrheitsfördernde Wahlrecht auch im Senat?

Antwort: Ja – aber auf regionaler  Ebene: Gewinnt eine Partei eine Region, erhält sie mindestens 55 Prozent der dort vergebenen Sitze.

Frage: Warum wurde dieses Wahlrecht überhaupt eingeführt?

Antwort: Die Koalition von Premier Silvio Berlusconi beschloss das System 2006, um in Zukunft mit stabilen Verhältnissen regieren zu können. Wegen verzerrter Ergebnisse ist es aber sehr umstritten. Nun arbeitet es etwa gegen Berlusconi: Obwohl die Koalition seines Konkurrenten Pier Luigi Bersani nur 0,36 Prozentpunkte Vorsprung auf seine Mitte-rechts-Allianz hat, stellt sie in der Kammer 216 Abgeordnete mehr.

Frage: Gibt es Aussicht auf Reformen?

Antwort: Mario Montis Regierung ist damit zuletzt gescheitert. Auch nach den Wahlen wurden wieder Rufe nach Änderungen laut – eine baldige Umsetzung ist aber unwahrscheinlich. (mesc, DER STANDARD, 27.2.2013)

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    Typisch für Italien: Unübersichtliche Wahlzettel und knappe Ergebnisse. Fehlerhafte Prognosen sind hingegen ein internationales Phänomen.

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