Die Panikmache der Hobbypolitologen

26. Februar 2013, 19:31
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Analysten und Investoren reagieren entsetzt auf das Wahlergebnis in Italien. Echte Gefahr droht Italien, wenn es nicht um Hilfe bei der EZB ansucht

Die Wall Street war am Dienstag in Aufruhr: "Politisches Chaos", "Machtvakuum", "Wahltheater in Italien", titeln die wichtigsten Börsenmedien von Wall Street Journal bis hin zu Bloomberg. Die panische Stimmung erfasste nicht nur Wirtschaftsmedien: Noch bevor die Börsen in Europa eröffnet hatten und abgesackt waren, sorgten Analysten für miese Stimmung.

So warnten Barclays und die Commerzbank in einer Mitteilung an tausende Investoren vor neuer Instabilität in Italien und einer Zuspitzung der Eurokrise. "Es ist unwahrscheinlich, dass Italien mit diesem Ergebnis leben kann. Eine Neuwahl wäre das Beste", meinte wiederum Lyn Graham-Taylor, Anleihenstratege bei der Rabobank. Graham-Taylor erwartet "eine Menge Unsicherheit", die Zinsen Italiens könnten wieder in Richtung sechs Prozent steigen. Dazu passend: Das Angstbarometer der europäischen Aktienbörsen, der Volatilitätsindex VStoxx, ist am Dienstag um ein Drittel gestiegen.

Die Reaktionen der Analysten zeugen aber nicht nur von Verunsicherung. Sie zeigen, dass Investoren in Europa kaum zuvor den Ausgang einer Wahl derart genau beobachtet und kommentiert haben wie in Italien. Die Tendenz war schon seit den Urnengängen in Spanien 2011 und in Griechenland 2012 bekannt.

Einschätzung

Dabei tut sich die Zunft mit der Einschätzung der Lage noch schwer. Denn so unabsehbar war das Ergebnis in Italien ja nicht. So hatten in den Tagen vor der Wahl zahlreiche Banken wie die BNP Paribas gemeint, dass ein Patt zwischen mitte-links und mitte-rechts in Rom das wahrscheinlichste Ergebnis sei. Interessant ist auch, dass die Analysten sich weit ins Politische vorwagen. Barclays schreibt etwa, dass die oberste Priorität jeder italienischen Regierung nun die Reform des Wahlrechts sein müsse. Dass in beiden Parlamentskammern unterschiedliche Mehrheiten entstehen können (so wie in den USA und in den meisten anderen Demokratien der Welt) gefährde die Stabilität. Die Ökonomen der Commerzbank spielen alle möglichen Koalitionsvarianten durch und beurteilen sie nach ihrer Wahrscheinlichkeit. Im übrigen empfehlen sie Investoren, die Finger von südeuropäischen Staatsanleihen zu lassen.

Fragt sich: Warum die Angst? Italien hat bereits 20 Prozent seines Refinanzierungsbedarfs für 2013 abgedeckt – weniger als 140 Milliarden Euro muss Rom noch aufnehmen. Mit der Ausgabe kurzfristiger Schuldscheine hat sich Italien schon 2012 über Wasser gehalten. Außerdem bestreitet niemand, dass Noch-Premier Mario Monti wichtige Reformen auf den Weg gebracht hat. Dazu zählen etwa Einführung einer betriebliche Ausbildung für Junge oder die Lockerung des strikten Kündigungsrechts. Nach Ansicht der EU-Kommission und des Währungsfonds steht Italien besser da als vor zwei Jahren.

Dass Anleger dennoch so verschreckt reagieren, könnte nach Ansicht vieler Beobachter weniger mit Rom, als mit Frankfurt zusammenhängen. Die Europäische Zentralbank hat im September des Vorjahres versprochen, jede Krise in Südeuropa zu verhindern. Unlimitierte Staatsanleihenkäufe im Rahmen eines Rettungsprogramms (OMT) sollten die Finanzmärkte beruhigen. Doch Analysten warnen, dass die Patt-Stellung in Italien die Hilfe aus Frankfurt verhindern könnte: "Die politische Lage macht die Arbeit der EZB schwerer, weil ihre Unterstützung von einem Hilfsantrag an den Rettungsschirm abhängig ist. Dazu braucht es eine funktionierende Regierung", sagt Andrew Bosomworth, der Deutschland-Chef von Pimco. (Lukas Sustala, András Szigetvari, DER STANDARD, 27.2.2013)

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    Italiens Supermarios: Noch-Premier Monti und EZB-Chef Draghi. Italien könnte gezwungen sein, um Hilfe bei der Europäischen Zentralbank anzusuchen. In diesem Fall braucht das Land eine funktionsfähige Regierung.

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