"Es gibt in jedem Land einen Heinz Prüller"

Interview26. Februar 2013, 18:05
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Alexander Stöckl führt die norwegischen Skispringer zum Erfolg. Der Tiroler ist Produkt einer österreichischen Kultur. Er genießt die Arbeit in der nordischen Wiege und bewundert den Zusammenhalt ihrer Gesellschaft

STANDARD: Sie waren im Sommer 2011 schon für Norwegens Skispringer verantwortlich. Wie haben Sie die Reaktionen auf die Verbrechen von Anders Breivik erlebt?

Stöckl: Wir waren beim Sommer-Grand-Prix in Zakopane. Es war der Tag nach der Qualifikation und natürlich eine ganz schwierige Situation. Es gab zwar keine Opfer in der Verwandtschaft meiner Springer, aber im Bekanntenkreis. Wir haben dann mit den Athleten die Grundsatzentscheidung getroffen, mit Trauerflor zu springen. Mich hat unglaublich berührt, wie die Gesellschaft reagiert hat. Die erste Frage des Ministerpräsidenten war ja, was falsch gemacht wurde. Sie dachten zuerst darüber nach, wie verhindert werden kann, dass Menschen derartige Dinge tun, wie auf Außenseiter eingegangen werden kann. Sie sind nicht den Weg der USA gegangen, wo sich Lehrer bewaffnen, damit sie zurückschießen können. Die Norweger sind enger zusammengerückt, statt sich, jeder für sich, einzugraben. Es gibt in diesem Land einen irrsinnigen sozialen Zusammenhalt.

STANDARD: Welchen Stellenwert hat der Sport in dieser Gesellschaft? Braucht es in Norwegen so etwas wie eine tägliche Turnstunde?

Stöckl: Ich weiß nicht, ob es das gibt. Aber das wäre gar nicht notwendig. Die Norweger sind sehr naturverbunden. Jeder hat Langlaufski, die Kinder werden auf Schlitten nachgezogen. Ich weiß, dass es in allen Schulformen Pflicht ist, in der Mittagspause zumindest eine Stunde im Freien zu verbringen, bei jedem Wetter. Da gibt es keine Ausreden. Sie haben viel längere und strengere Winter als wir, aber auch die Kleinsten müssen raus, egal ob es jetzt minus zehn oder minus 20 Grad hat. Die werden dann eben in Overalls gesteckt und schauen dann aus wie die Michelin-Männchen.

STANDARD: Norwegen ist die Topnation des nordischen Sports. Geht für einen Skisprungtrainer der größte Traum in Erfüllung, wenn er dort arbeiten darf?

Stöckl: Ja, es ist ein Traum. Norwegen ist die Geburtsstätte der Nordischen. Über allem steht der Langlauf, dann kommt das Skispringen. Sie haben im Ausdauersport eine unheimliche trainingswissenschaftliche Basis. Es gibt im Langlauf viel Geld, weil viele Sponsoren da sind. Und es gibt eine ausgezeichnete Trainerausbildung. Über das Förderprogramm namens Olympiatoppen kommen alle Nordischen in den Genuss der optimalen Betreuung.

STANDARD: Warum waren die norwegischen Skispringer dann so schlecht, bevor Sie kamen?

Stöckl: Sie haben übersehen, dass sich mit der Veränderung des Materials die Technik des Springens verändern muss, hin zu mehr Athletik, weg von den Leichtgewichten, wie sie mein Vorgänger Mika Kojonkoski forciert hat.

STANDARD: Ihr Engagement wurde zunächst kritisch beurteilt. Wie schwierig war der Beginn?

Stöckl: Die Springer waren leicht zu überzeugen, weil sie die Dominanz der Österreicher ja gesehen haben und dachten, dass der Österreicher schon recht haben wird. Die Verantwortlichen waren kritisch, aber auch offen. Sie stellen gute Fragen. Und wenn sie von deinem Angebot überzeugt sind, stehen sie auch voll hinter dir.

STANDARD: Der Weltmeistertitel von Anders Bardal auf der Normalschanze gibt jenen neuerlich Recht, die sich für Sie eingesetzt haben.

Stöckl: Er hat für Schlagzeilen gesorgt, es war ja auch das erste Gold auf der Normalschanze seit 47 Jahren, das erste Skisprung-Gold seit 18 Jahren. Solche Zahlen sind schnell im Umlauf. Es gibt in jedem Land einen Heinz Prüller.

STANDARD: Es wird immer von der österreichischen Kultur des Skispringens gesprochen. Gibt es sie? Was zeichnet diese Kultur aus?

Stöckl: Sie besteht darin, dass die Athleten so lange gefördert werden, bis sie sehen, dass sie ihr Maximum erreicht haben. Ob Weltmeister oder Hausmeister, sie scheiden im Guten vom aktiven Sport. Viele bleiben ihm erhalten, werden Trainer. Das ist ein sehr wertvoller Wissenstransfer.

STANDARD: Die meisten guten Trainer waren als Springer nicht Weltklasse. Warum ist das so?

Stöckl: Vor allem bleiben wirklich gute Springer länger aktiv, oft zu lange, um dann noch eine Trainerausbildung zu absolvieren. Gregor Schlierenzauer springt vielleicht mit 30 Jahren noch auf höchstem Niveau. Einer wie er sucht nach Ablenkung vom Sport. Oft wird dann aus dem Hobby ein Beruf und der Sport zu einem Hobby.

STANDARD: Warum wurde aus Ihnen kein Klassespringer?

Stöckl: Mir hat die Motivation gefehlt. Und da muss man erst einmal draufkommen.

STANDARD: Sie sind angetreten, um mit den Norwegern die Dominanz der österreichischen Skispringer zu brechen. Jetzt helfen Sie auf Ihrem Sektor mit, die norwegische Dominanz im nordischen Sport insgesamt auszubauen. Im Langlauf gibt es fast nur noch norwegische Sieger. Sehen Sie dieses Problem?

Stöckl: Uncertainty of Outcome, es soll nicht von vornherein klar sein, wer gewinnt. Bei Österreichs Skispringern war das so. Im Langlauf, vor allem bei den Damen, ist das so. Ja, das schadet dem Sport. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 27.2.2013)

Alexander Stöckl (39) ist seit März 2011 Trainer der norwegischen Springer. Davor wirkte der St. Johanner als Lehrer in Stams, als Assistent der Cheftrainer Andreas Felder und Mika Kojonkoski und als Trainer der ÖSV-Junioren. Als Aktiver hat Stöckl als bestes Ergebnis nur einen 15. Platz im Skifliegen am Kulm 1993 zu Buche stehen.

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    Stöckl: "Ich weiß, dass es in allen Schulformen Pflicht ist, in der Mittagspause zumindest eine Stunde im Freien zu verbringen, bei jedem Wetter. Da gibt es keine Ausreden. Sie haben viel längere und strengere Winter als wir, aber auch die Kleinsten müssen raus, egal ob es jetzt minus zehn oder minus 20 Grad hat."

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