Jasper Sharp: "Künstler, über die heute niemand mehr spricht"

Interview26. Februar 2013, 18:49
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Was Mathias Poledna in Venedig zeigen wird, verrät der Biennale-Kommissär nicht. Im Interview sprach er über überraschende Erkenntnisse zur Biennale-Geschichte

STANDARD: Es scheint ein gut gehütetes Geheimnis zu sein, was Mathias Poledna für Venedig plant?

Jasper Sharp: Unbedingt! Im April wird installiert, Ende April wird der Pavillon zu- und erst zur Eröffnung wieder aufgesperrt. Als ich im US-Pavillon mitarbeitete, mussten damals alle Vertraulichkeitsverträge unterschreiben. Ich mag diese Art von Überraschung: Wir wissen, es ist Mathias Poledna, wir sehen nun seine Ausstellung in der Secession, und wir kennen den Pavillon in Venedig. Wir kennen also viele Parameter - lassen wir diesen einen ein Geheimnis bleiben.

STANDARD: Einen Monat vor der Biennale-Eröffnung werden Sie in der Secession ein Buch über die Geschichte der Biennale unter besonderer Berücksichtigung Österreichs präsentieren.

Sharp: Zunächst: Ich mache das nicht allein, sondern mit einem wunderbaren Team! Wir fanden in internationalen Archiven Briefe, Fotos - Materialien, die lange niemand gesehen, geschweige denn publiziert hat. Es war ein riesiger Informationsansammlungsprozess, nun fügen wir die Puzzlesteine zu einem Bild zusammen.

STANDARD: Welches Bild ergibt sich von und für Österreich?

Sharp: Österreich war manchmal total am Puls der Zeit, etwa Hundertwasser 1962 oder Walter Pichler 1982. Gustav Klimt war 1910 absolutes Biennale-Highlight. Bahnbrechend waren sicher 1948 Egon Schiele und Fritz Wotruba im Ö-Pavillon, vom Besuch des italienischen Präsidenten Luigi Enaudi gibt es sogar ein Foto, von der Kunst nicht. 1948 war vielleicht die wichtigste Biennale nach dem Krieg. Nur 16 Länder nahmen daran teil, deshalb zeigte Österreich im jugoslawischen Pavillon Oskar Kokoschka. Bei den Deutschen wurde französischer Impressionismus ausgestellt - eine wichtige politische Geste: Die vorher okkupierende Macht wurde okkupiert. Im griechischen Pavillon, der wegen des Bürgerkriegs leer blieb, zeigte Peggy Guggenheim erstmals in Europa US-Künstler wie Jackson Pollock und Mark Rothko. Und im Zentralpavillon hatte Pablo Picasso seinen ersten Biennale-Auftritt.

STANDARD: Was überraschte Sie bei Ihren Recherchen am meisten?

Sharp: Dass 1934 mehr als dreißig Namen im Ö-Pavillon präsentiert wurden! Das wäre heute undenkbar. Oder, wie oft Österreich in den Giardini übersiedeln musste. Zunächst waren die Österreicher im Zentralpavillon, dann mehrmals im deutschen, zwischendurch wieder im Hoffmann-Pavillon, der übrigens 1938 verkauft werden sollte. Wir fanden den Brief des "Präsidenten der Reichskammer der Bildendem Künste", der den "ehemaligen österreichischen Pavillon" für 70.000 Reichsmark zum Verkauf anbot.

STANDARD: Finden Sie, wie viele Künstler und Kuratoren, dass der Hoffmann-Pavillon ein schwieriges Gebäude für Ausstellungen ist?

Sharp: Extrem schwierig und ungewöhnlich. Er hat nicht, wie andere Pavillons, einen zentralen Raum. Hoffmann plante zwei Räume für Malerei, zwei für Grafik. Diese Zweiteilung ist wohl einer der Gründe, warum man oft Gruppenausstellungen machte.

STANDARD: Das wollten Sie nicht?

Sharp: Nein. Die Biennale ist ja bereits eine gigantische Group-Show.

STANDARD: Teilen Sie die Kritik an einer zunehmenden Kommerzialisierung der Biennale?

Sharp: Sie wurde 1895 unter anderem auch gegründet, um einen Markt für zeitgenössische Kunst zu schaffen. Bis 1968 waren alle Exponate verkäuflich, die Biennale kassierte zehn Prozent.

STANDARD: Erinnert die Biennale, mit dem Wettbewerb um die Löwen für den besten Pavillon und die besten Künstler, nicht eher an ein Kunst-Ländermatch?

Sharp: Man nennt die Biennale oft die Olympischen Spiele der Kunst, sie wurde auch fast zur gleichen Zeit gegründet. Die Preise wurden schon im ersten Jahr vergeben, auch, um internationale Künstler zu ermutigen. In den 1940ern ging es völlig korrupt zu, erst 1948 wurden die Preise wieder von politischem Einfluss gereinigt. Preise sind wichtig für Künstler. Aber das weiß ich aus der Arbeit an dem Buch: Es gibt viele großartige Beiträge von Künstlern, über die heute niemand mehr spricht. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 27.2.2013)

  • Jasper Sharp (38), britischer Kunsthistoriker, ist u. a. Kurator des KHM und wurde 2011 zum österreichischen Kommissär der Biennale ernannt.
    foto: apa/roland schlager

    Jasper Sharp (38), britischer Kunsthistoriker, ist u. a. Kurator des KHM und wurde 2011 zum österreichischen Kommissär der Biennale ernannt.

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