Montagsgespräch: Politik als Theater

26. Februar 2013, 19:03
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Vier Künstler über geliehenes Charisma, Schaukämpfe auf der Polit-Bühne und spektakelgierige Medien

Wien - Von William Shakespeare stammt der Befund: "All the world's a stage, and all the men and women merely players." Wenn also die ganze Welt eine Bühne ist und alle Frauen und Männer bloße Spieler, dann gilt das wohl auch für die Sphäre der Politik, oder für die nicht?

Der STANDARD setzte dieses Thema auf den Spielplan der "Montagsgespräche". Titel des aktuellen Stücks: "Die Politik als Theater". In den Hauptrollen: Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, Schriftsteller Michael Köhlmeier, Schriftstellerin Julya Rabinowich und Kabarettist Florian Scheuba. Regie: STANDARD-Kolumnist Gerfried Sperl.

 

STANDARD-Montagsgespräch, Teil 1: Ein Gespräch über die Beziehung zwischen Politik und Theater.

Dem Burgtheaterdirektor zufolge versucht die Politik zwar meist, ihre Stücke selbst zu schreiben, aber am Ende bleiben dann auf der politischen Bühne doch vor allem "Marionetten eines Machtapparats". Über deren Erfolg entscheidet aber wieder etwas, das auch die Großen auf der Theaterbühne haben (müssen): Ausstrahlung. "Amtscharisma" nannte Hartmann es. Bei Politikern flüchtig wie die auf Zeit geliehene Macht - als wäre es "etwas durch das Amt Geborgtes". Für ihn prallen Theater und Politik an der Frage "Wieso bin ich so, wie ich bin?" aufeinander: "Das unterscheidet sie voneinander."

STANDARD-Montagsgespräch, Teil 2: Die Politik ist schwer durchschaubar. Provoziert diese Situation eine Theatralisierung?

Das Theater lebt davon, diese Frage, die auch an das eigene Abgründige und Abseitige rührt, wieder und wieder zu stellen, unversöhnliche Konflikte zu reinszenieren und durchzudenken, sich selbst und die umgebende Gesellschaft infrage zu stellen. Die Politik sei da gefallsüchtiger. Motto: Was ihr wollt. Mit "ihr" meinte Hartmann die Medien, für die die Politik viele ihrer "Schaukämpfe" dramaturgisch aufpeppe: "So werden beide voneinander abhängig. Das ist eine gefährliche Symptomatik", warnt er.

Der Trick mit dem Charisma

Köhlmeier sieht in der Beziehungskiste Theater/Politik eher ein "sprachliches Missverständnis", weil sie für beide Seiten eigentlich immer ungerecht interpretiert werde. "Das war ein Theater" klinge für Politiker nicht gerade nach Lob, "politisches Theater" wiederum insinuiere oft "Agitprop und Ideologie". Auch der Schriftsteller nahm das Charisma als wesentliche Politiker-Ressource in den Blick. Seine These dazu: "Vielleicht ist der Trick beim Charisma der: Ich bin der, der ich bin." Nicht "Wie es euch gefällt", sondern wie es mir gefällt. Oder, wie Köhlmeier mit einem Zitat von Abraham Lincoln illustrierte: "Du kannst einige Leute immer zum Narren halten und alle Leute manchmal. Aber du kannst nie alle Leute immer zum Narren halten." Also am besten die Rolle spielen, die man am besten kann, weil man sie ist. Alexander Van der Bellen sei so ein "Ich bin der, der ich bin"-Politiker mit "Spindoktor-Resistenz" gewesen - und es habe dem Publikum offenkundig gefallen. Auch Jörg Haider habe in seiner ganzen Ambivalenz etwas gehabt, das nicht einfach nachzuspielen sei: Authentizität.

Ein Glaubwürdigkeits-Atout, das Scheuba auch dem gerade als Hauptdarsteller im niederösterreichischen Wahlkampftheater auftretenden Landeshauptmann Erwin Pröll bescheinigt: Anders als am Theater, das immer auf der "Vereinbarung" beruhe, dass alle wissen, dass alle nur spielen, dass niemand identisch ist mit der Rolle, die er oder sie gibt, sei es für Politiker wichtig, das Gefühl "Ich bin auf Augenhöhe mit dir" vermitteln zu können, sagte der Kabarettist. Darum würde Scheuba die Theater-Metapher auch nicht unbedingt umlegen auf die Politik: "Am ehesten würde ich es vergleichen mit der versteckten Kamera. Die Politik versucht, uns etwas vorzuspielen, und schaut, ob wir es glauben - oder nicht."

Auch Rabinowich, selbst Autorin von Theaterstücken, will die Politik nicht mit der Theatermarke schmücken, weil "Politik immer mehr dazu tendiert, Schlagworte hinzuwerfen, was nichts mit Theater zu tun hat". Einspruch kam von ihr aber gegen eine allzu selbstreferenzielle Ich-bin-ich-und-warum-bin-ich-so-Haltung am Theater: Es gebe Dinge, die seien nicht verhandelbar, Genozid oder politische Verbrechen etwa: "Da sage ich: So nicht! Ihr seid die Bösen. Da ist die Schuldfrage sehr wohl zu stellen." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 27.2.2013)

  • Zum Thema "Die Politik als Theater" diskutierten am Montag im Haus der Musik (v. re.) Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, der Schriftsteller Michael Köhlmeier, die Schriftstellerin und Dramatikerin Julya Rabinowich und der Schauspieler, Kabarettist und Autor Florian Scheuba. Gerfried Sperl moderierte.
    foto: standard/newald

    Zum Thema "Die Politik als Theater" diskutierten am Montag im Haus der Musik (v. re.) Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, der Schriftsteller Michael Köhlmeier, die Schriftstellerin und Dramatikerin Julya Rabinowich und der Schauspieler, Kabarettist und Autor Florian Scheuba. Gerfried Sperl moderierte.

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