Freund in Wien erschossen: Der Süchtige und die "matschige Leiche"

26. Februar 2013, 17:16
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Mit einer Überraschung endete ein Mordprozess gegen einen 46-jährigen Wiener, der seinen besten Freund erschossen und tagelang neben dem verwesenden Körper gelebt hat

Wien - Wenn Erwin Z. sagt: "Ein normaler Mensch lebt nicht neben einer Leiche", hat er nicht unrecht. Getan hat er es dennoch. Mindestens zehn Tage lag der tote Körper seines einzigen Freundes in seiner Wohnung, nachdem er ihn mit einer Schrotflinte erschossen hatte. Es könnten auch fast drei Wochen gewesen sein - an welchem Tag er Christian J. getötet hat, weiß er nicht mehr.

Dem Wiener Geschworenengericht unter Vorsitz von Bettina Körber, vor dem der 46-Jährige wegen Mordes sitzt, macht er es nicht unbedingt leicht. Denn er sagt, er kann sich an den genauen Tatablauf nicht mehr erinnern. Aber: "Es war keine Absicht dahinter. Ich suche selbst eine Erklärung, aber ich finde keine", nuschelt der Angeklagte.

"Auf einmal geht's bumm"

Andererseits ist er sich dann doch wieder sicher, dass der Kopfschuss ein Unfall gewesen sein muss. Man habe mit der abgesägten Flinte, die er trotz Waffenverbots gekauft hatte, hantiert. Das Opfer habe dann zum Lauf gegriffen, dabei habe sich der Schuss gelöst. "Auf einmal geht's bumm", schildert er den Moment.

Eine Version, der die Sachverständigen eher widersprechen. Der Schuss müsse aus mindestens 1,20 Meter Entfernung abgefeuert worden sein, und das Opfer könne nicht in die Richtung der Waffe geschaut haben, führen sie aus.

Das Gericht versucht das Motiv des schwer Drogenkranken für eine vorsätzliche Tat zu ergründen, scheitert aber. "Der Christian war der einzige Freund, den ich noch gehabt habe, die meisten sind an HIV gestorben", erzählt der Wiener. Manchmal habe man sich zwar gegenseitige Wohnungsverbote erteilt und auch gerangelt, meist hat man aber zusammen Alkohol und illegale Drogen konsumiert.

Leiche in "matschigem Zustand"

Eine Antwort bekommt Vorsitzende Körber auf die Frage, warum er nach der Tat nicht die Polizei gerufen, sondern erst Tage später seine Sozialarbeiterin informiert hat: "Was soll ich die Polizei anrufen, ich wollte ja meinen Hund versorgt wissen."

Der Hund soll auch der Grund gewesen sein, warum er die Leiche zunächst mit Putzmitteln reinigte und sie später in eine Decke hüllte. Was bei der Obduktion für Probleme sorgte: "Die Leiche war in einem ausgesprochen matschigen Zustand", beschreibt der medizinische Sachverständige Christian Reiter. "Ich habe erstmals in meinem Leben eine computertomografische Untersuchung angewandt. Denn wenn man in den Kopf hineingeschnitten hätte, wäre alles zerfallen."

Psychiater Heinz Pfolz bescheinigt dem 25-fach vorbestraften Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung und fürchtet, dass auch in Zukunft Gewalthandlungen nicht auszuschließen sind.

Die Geschworenen glauben dennoch der Version des Angeklagten und seiner Verteidigerin Christine Wolf: Statt wegen Mordes wird er wegen fahrlässiger Tötung rechtskräftig zu drei Jahren Haft verurteilt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 27.2.2013)

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