Armutskonferenz: Soziale Situation der Eltern soll Schulbudget beeinflussen

26. Februar 2013, 14:47
3 Postings

Armut soll so seltener vererbt werden und schwächere Schüler besser gefördert

Wien - Ein neuer Sozialindex soll nach Ansicht der Armutskonferenz die Mittelzuweisung an Schulen bestimmen. Demnach soll es etwa vom Bildungsstand, der beruflichen Position und dem etwaigen Migrationshintergrund der Eltern sowie der Umgangssprache der Schüler daheim abhängen, ob eine Schule zusätzliche finanzielle Mittel erhält. "Schulen, die einen hohen Anteil an sozial benachteiligten Schülern haben, würden dadurch mehr Geld bekommen", so der Soziologe Johann Bacher (Uni Linz), der den Index mitentwickelt hat, bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Wie sie die Mittel einsetzen, soll zu einem hohem Ausmaß den Schulen selbst überlassen werden.

Vererben von Armut reduzieren

Durch den Einsatz des Index könnten das Vererben von Armut reduziert, schwächere Schüler besser gefördert und manche Schulstandorte für mittlere und höhere Einkommen wieder attraktiv gemacht werden, meinte Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich. Mit dieser "schulpolitischen Interventionsmöglichkeit" könne zwar die Segregation in "gute" und "schlechte" Wohngegenden bzw. Schulen nicht aufgehoben werden - sie könne aber bestimmte Auswirkungen eventuell lindern. Im internationalen Vergleich weise Österreich zwar eine geringe Kinderarmut auf - "trotzdem schaffen wir es nicht, Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien zu höheren Bildungsabschlüssen zu führen".

Doppelte Benachteiligung

"Derzeit sind sozial benachteiligte Schüler doppelt benachteiligt", argumentierte Bacher. Einerseits könnten ihnen ihre Eltern weniger in der Schule helfen, andererseits besuchen sie gleichzeitig Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern aus sozioökonomisch schwachen Familien. Derzeit weisen laut Bacher elf Prozent der Volksschulen, 17 Prozent der Hauptschulen und zwei Prozent der AHS eine hohe soziale Benachteiligung auf.

Vier Faktoren im Index

Laut dem Sozialindex würde eine Schule mit dem Index 100 die Basisressourcen erhalten. Weisen alle Schüler eine Benachteiligung in allen vier Faktoren (Bildungsstand, Beruf, Migrationshintergrund der Eltern sowie Umgangssprache daheim) auf, würde die Schule beispielsweise um 100 Prozent mehr Mittel erhalten, eine Benachteiligung aller Schüler in einem Faktor würde 25 Prozent mehr bringen usw. Das Ausmaß der Zusatzförderung sei aber gestaltbar und letztlich eine politische Entscheidung. Die Zusatzmittel sollen laut Bacher dann von der Schule möglichst autonom verwendet werden können - etwa in der Form, dass die Direktion einen Plan entwickelt, der von Schulpartnern und Schulerhaltern abgesegnet wird.

Flexibleres System

Mit dem zusätzlichen Geld kann dann etwa in zusätzliche Lehrer oder einen Schulumbau investiert werden. Das System würde dadurch flexibler und eventuell gerechter als bisher, meinte Bacher. Derzeit erhalten die Schulen ihre Mittel grob gesprochen in der Form, dass für eine bestimmte Anzahl an Schülern Lehrer bzw. Unterrichtsstunden finanziert werden. Für Extra-Belastungen wie etwa muttersprachlichen Unterricht oder Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gibt es Zusatz-Lehrer bzw. Zusatzstunden.

Die Verwendung eines Sozialindex wäre kein Neuland, so Bacher: Die Niederlande, die Stadt Hamburg, das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen und Teile der Schweiz würden ähnliche Instrumente nutzen. Die Berechnung des Index für alle Schulen wäre außerdem aufgrund der sozioökonomischen Daten aus den Bildungsstandards in Österreich kein Problem. Im Unterrichtsministerium würde man sich bereits mit dem Thema befassen. (APA, 26.2.2013)

  • Die Schulmittel sollen von Bildungsstand, Beruf, Migrationshintergrund und Umgangssprache der Eltern abhängig sein, meint die Armutskonferenz.
    foto: dpa/fredrik von erichsen

    Die Schulmittel sollen von Bildungsstand, Beruf, Migrationshintergrund und Umgangssprache der Eltern abhängig sein, meint die Armutskonferenz.

Share if you care.