Adoptionsdebatte: Normalität ist relativ

Leserkommentar26. Februar 2013, 16:44
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Das Gleichstellen der Geschlechter auf allen Ebenen wird offensichtlich doch nicht so ernst genommen

Die Frage, ob homosexuelle Paare Kinder beziehungsweise Stiefkinder adoptieren dürfen, ist sehr vorsichtig zu behandeln. Nicht etwa, weil hier zuerst entschieden werden müsste, ob diese Partnerschaften auch ein Anrecht auf diese Möglichkeit haben sollten, sondern weil hier zahlreiche, teils (ver)alte(te) Weltanschauungen aufeinanderprallen, die einander nicht nur kaum respektieren, sondern teilweise gänzlich widersprechen.

Ansturm der Pädagogen

Interessant ist hier vor allem, wie diese Meinungen alle unter den Deckmantel der Pädagogik gepackt werden. Von Tacheles reden kann keine Rede sein. Die eigentlichen Motive und Ziele werden zu erreichen versucht, indem andere Wege gewählt werden, die zwar zum selben Ziel führen, die größtenteils aufgeklärte Bevölkerung allerdings nicht erzürnen. Und so machen sich plötzlich alle Sorgen um die Entwicklung der Kinder, die in nichttraditionellen Familienformen möglicherweise nicht adäquat in unser System wachsen können. Keiner wagt das in den Mund zu nehmen, was offensichtlich bei der ganzen Diskussion mitschwingt: die Auffassung, dass Homosexualität "anormal" ist.

Doch beim Versuch, auf der gegenwärtigen Welle der absoluten Gleichberechtigung mitzureiten, durch die Adaption antidiskriminierender Ideen aufgeklärt zu wirken und die eigentlichen Bedenken mit erzieherischen Argumenten zu maskieren, stolpern diese Kritiker über ihre eigenen Vorurteile.

Was ist schon normal?

Denn das so oft benutzte Argument, dass ein Kind durch die "unnatürliche" Erziehung homosexueller Eltern verkommen, durch den nicht vorhandenen Einfluss von Vater oder Mutter nicht zu unserem Weltdenken und unserer Weltordnung aufschließen könnte, ist meiner Meinung nach absurd. Zum einen, weil dies auch die Kinder von alleinerziehenden Eltern, Witwen oder Witwern betreffen würde.

Zum anderen, weil dieses Argument voraussetzt, dass sich alle Kinder in unser aktuelles System hineinentwickeln müssen. So, als wäre es das einzig richtige. Und das ist eben nicht so. Warum sollte ein Kind nicht mit dem Bewusstsein aufwachsen dürfen, dass auch Mama und Mama Eltern sein können, Papa und Papa genauso für es da sind? Müssen Eltern immer unterschiedlichen Geschlechts sein? Müssen Eltern immer zwei Personen sein? Wir sehen nur zu oft, dass auch eine Person reicht - aber wäre es schädlich, wenn es theoretisch drei Personen wären?

Propagiertes Familienbild aufbrechen ist unsere Entwicklungsaufgabe

Vermutlich nicht. Denn bei der Erziehung ist das Wichtigste, dass Werte und Gefühle übermittelt werden. Das Kind muss durch emotionale Nähe und einfühlsame Unterstützung beim Entwicklungsprozess begleitet werden. Natürlich benötigt es dabei auch Identifikationsfiguren und Vorbilder, aber warum sollten das keine Homosexuellen sein können? Und selbst wenn der "schlimmste Fall" eintreten würde - wie es Adoptionskritiker wohl nennen würden - und das Kind später auch homosexuell wird, ist es nicht schlimm, dass das Kind gleichgeschlechtliche Liebe bevorzugt - sondern dann ist es furchtbar, dass es in einer Welt leben muss, in der dies verachtet wird.

Und somit ist die Adoptionsdiskussion in erster Linie eine Entwicklungsaufgabe für uns selbst, ein weiterer Schritt zur aufgeklärten Gesellschaft. Natürlich fällt es vielen Menschen schwer, diese Aufgabe zu bewältigen, wird das konservative Familienbild doch seit Jahrtausenden von der Kirche abgesegnet und von der Werbung täglich propagiert.

Kein Problem der Zukunft

Die Adoptionsfrage ist aber ganz bestimmt kein Problem der Zukunft. Sie ist nur gegenwärtig ein Problem in dieser Zeit, in der die übrigen Splitter zahlreicher zerbrochener Weltbilder noch den Weg blockieren und verzweifelt versuchen, den Fortschritt so vehement wie möglich aufzuhalten. Die Diskussion über das Aufwachsen adoptierter Kinder bei "anormalen" Eltern ist nur ein Problem, solange wir in einer Weltordnung leben, in der dies als "widernatürlich" angesehen wird. In einem System, in dem die Meinung herrscht, dass diese Kinder dadurch schlechten Einfluss erfahren.

Wenn wir einmal unsere geheiligten traditionellen Familien ansehen, muss festgestellt werden, dass hier keineswegs immer gute Erziehung praktiziert wird. Kinder werden viel zu oft direkt oder indirekt Opfer häuslicher Gewalt, erleben zukunftsweisende Traumata. Welches Recht nimmt sich also diese Familienform, andere Strukturen hinsichtlich ihrer Erziehungstauglichkeit zu kritisieren?

Genauso haben wir kein Recht, homosexuellen Paaren die Adoption zu verweigern, nur weil die Gesellschaft noch ein paar Jahrzehnte benötigt, um homophobe Einstellungen endgültig zu verarbeiten.

Kinder kein Besitz

Hauptsächlich geht es beim Thema Familie und Erziehung doch um die Selbstreflexion der Eltern. Heutzutage wird gar nicht mehr reflektiert, ob oder warum man Kinder bekommen sollte. Es ist eine Selbstverständlichkeit unserer Gesellschaft, dass man Kinder zu bekommen hat. Doch der Anfang guter Erziehung ist bereits vor der Zeugung vorzunehmen, indem man sich fragt: Will ich überhaupt Kinder haben? Will und kann ich dem Kind die Aufmerksamkeit und Unterstützung bieten, die es für das eigene Leben benötigt? Und bin ich in der Lage, ein Kind zu erziehen?

Kinder werden hier leider allzu oft als Besitz gesehen, als Manifestation der partnerschaftlichen Liebe, die die folgenden Lebensjahre versüßen soll. Vergessen wird dabei meist, dass sich das Kind spätestens nach zehn Jahren zu einem eigenständigen Individuum entwickelt hat, sich allmählich von den Eltern abspaltet und selbst in diese Welt eintaucht. Spätestens dann besitzt es ein eigenständiges Leben, das zu einem Großteil von dieser vorhergehenden Selbstreflexion der Eltern und ihrer Erziehung abhängt. Und daher müssen sich alle Eltern, egal welcher sexuellen, geistigen oder politischen Orientierung, fragen, ob und in welcher Form sie in der Lage sind, Kinder zu erziehen.

Gender-Mainstreaming leidet unter Adoptionsfrage

Das Erstaunlichste an dieser Diskussion ist allerdings, wie sie die bisherigen - zumindest scheinbar erreichten - Erfolge des Gender-Mainstreamings bröckeln lässt. Denn dieses Streitthema hat auch einiges mit der Gleichberechtigung der Geschlechter zu tun. Und durch den kritischen Standpunkt, den einige Politiker gegenüber Homo-Ehen und Adoption vertreten, gestehen sie auch die Heuchelei dieser Gender-Gleichstellung, auf die durch das Binnen-I-Gestotter und andere nicht relevante Änderungen (zum Beispiel Nationalhymne) scheinbar auf penible Art und Weise Wert gelegt wird. Doch indem homosexuellen Paaren die Familienwürdigkeit aberkannt wird, geben jene Kritiker auch zu, einen Unterschied zwischen Mann und Frau zu sehen.

In einem Moment, in dem man sich nicht bewusst ist, dass man durch die Teilnahme an der Adoptionsdiskussion auch ein Statement zur Genderfrage abgibt, offenbart man ohne Scheu eine Meinung, die scheinbar noch in zahlreichen Hinterköpfen, selbst auf den höchsten politischen Ebenen, verankert ist: Männer sind niemals in der Lage, die "Rolle" einer Frau einzunehmen, und Frauen sind nicht in der Lage, die "Rolle" eines Mannes einzunehmen. Denn sonst wäre die ganze Diskussion um die Homosexuellen doch hinfällig.

Ein homosexueller Mann könnte alle Aufgaben einer traditionellen Mutter einnehmen, eine gleichgeschlechtlich orientierte Frau die Aufgaben eines traditionellen Vaters. In der Politik trauen dies offensichtlich nicht alle Diskutanten den Geschlechtern zu, wobei sie große Lücken in der Gleichberechtigung offenbaren und neben biologischen Unterschieden auch soziale und psychologische anerkennen und als Argumente anführen. Ein Umstand, der leider die Wirkungslosigkeit der Genderarbeit der letzten Jahre verdeutlicht. (Florian Schmidt, Leserkommentar, derStandard.at, 26.2.2013)

Florian Schmidt studiert Germanistik und Geschichte in Salzburg, daneben ist er als Musiker und Autor tätig.

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