Klein, aber fein ist nicht immer die Lösung

    27. Februar 2013, 14:01
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    Kann man durch bessere, aber auch kleinere Wohnungen die Kostenspirale im geförderten Wohnbau bremsen? Ein STANDARD-Wohnsymposium debattierte den Trend zu "Smart-Wohnungen"

    "Wie kann etwas größer und kleiner werden, es mehr von etwas geben und gleichzeitig weniger?" So bewirbt ein weltweit führender Handyhersteller sein neues Smartphone und stellt dabei die Gesetze der Physik infrage.

    Wenn es um Smart-Wohnungen geht, die ebenfalls auf weniger Platz mehr bieten sollen, gilt das Regelwerk der Mathematik allerdings: Weniger Quadratmeter bedeuten weniger Komfort und auch weniger Wohnzufriedenheit, betonten Wohnexperten, Architekten und Bauträger beim 45. STANDARD-Wohnsymposium, das sich vergangene Woche unter dem Titel "Smart oder Small" mit dem Trend zu geförderten Kleinwohnungen beschäftigte.

    Das von der Gemeinde Wien gestartete Projekt der Smart-Wohnungen mit Grundrissen von maximal 60 Quadratmetern und 7,50 Euro Bruttomiete, wie sie derzeit etwa im Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof errichtet werden, sei zwar ein Notnagel, um angesichts steigender Baukosten und des wachsenden Drucks auf niedrige Einkommen doch noch für leistbaren Wohnraum zu sorgen, hieß es auf der vom Fachmagazin "Wohnen Plus" mitorganisierten Veranstaltung. Aber längerfristig sei das keine akzeptable Lösung für das Wohnungsproblem. "Alles wird größer und stärker, nur beim Wohnen soll es weniger werden? Das ist peinlich für unsere Gesellschaft", kritisierte der Architekt Jakob Dunkl vom Büro Querkraft.

    Mehr Platzbedarf

    Denn auch wenn die durchschnittliche Wohnfläche in Wien von 25 Quadratmetern pro Person im Jahr 1970 auf 40 Quadratmeter 2010 gestiegen ist, wie Peter Neundlinger, Geschäftsführer des Wohnservice Wien, betonte, und viele Wohnungssuchende sich mehr Platz wünschten, als sie sich leisten könnten, so sei der höhere Platzbedarf eine gesellschaftspolitische Realität, auf die sich die Politik einstellen müsse.

    Zu kleine Wohnungen bedeuteten hohe Fluktuation, weil die Menschen ausziehen wollen, sie verhinderten die im Alter gewünschte 24-Stunden-Pflege und machten es jungen Menschen unmöglich, noch einige Jahre im "Hotel Mama" zu Hause zu wohnen, erklärte Günther Ogris, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Sora.

    Und auch Innovationsforscher Robert Korab warnte davor, mit dem Begriff "smart" einen ökonomischen Mangel zu kaschieren. Er räumte allerdings ein, dass der Trend zu kleineren Wohnungen gut zur Zunahme von Singlehaushalten passe. Eine größere Kinderzahl, wie sie oft gefordert werde, sei allerdings in kleinen Smart-Wohnungen nicht unterzubringen, sagt Karl Wurm, Verbandsobmann der Gemeinnützigen.

    Und Verkehrsforscher Hermann Knoflacher warnte vor New Yorker Verhältnissen, wo "smarte" Wohnungen 20 Quadratmeter Wohnfläche bieten und man bereits mit 12 oder 13 Quadratmetern experimentiere.

    Ansprüche reduzieren

    Was also tun, um dennoch die Schere zwischen gestiegenen Wohnkosten und stagnierenden Masseneinkommen wieder zu schließen? Mehr Wohnbauförderung ist in Zeiten von Sparbudgets nicht realistisch, und eine gerechtere Einkommensentwicklung "ist im Moment nicht in Sicht", räumt Gemeinnützigen-Obmann Wurm ein. In gewissen Bereichen müsse man die Ansprüche der Bewohner reduzieren, die gerade auch dank der hohen Qualitäten im geförderten Wohnbau immer weiter gestiegen seien.

    Für Knoflacher ist die Antwort einfach: Ein Verzicht auf die Stellplatzverordnung und eine Zurückdrängung des Autoverkehrs aus Wohnvierteln würde Kosten senken und die Lebensqualität selbst in kleineren Wohneinheiten erhöhen. "Der Weg zum leistbaren Wohnraum, so schwierig es sein mag, kann nur zu Fuß zurückgelegt werden. Wer einen Parkplatz bei der Wohnung braucht, ist unfähig, vernünftigen Wohnraum zu schaffen." Dem stimmte auch die grüne Wohnbausprecherin Gabriela Moser vorbehaltlos zu.

    Ruf nach Entrümpelung

    Für Architekt Dunkl könnte die Aufweichung der immer strikteren Normen – von Brandschutz bis zu Behindertengerechtigkeit – Platz für experimentellen Wohnbau schaffen und damit höhere Qualität zu niedrigeren Kosten ermöglichen. Auch in den traditionellen Tischgesprächen wurde vielfach der Ruf nach Entrümpelung der Bauordnungen, Straffung der Bauträgerwettbewerbe und Erleichterung bei den Auflagen für geförderten Wohnbau laut.

    Dies konnte der Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig nicht unwidersprochen lassen. Es sei einfach, allgemein eine Vereinfachung der Bauordnung zu fordern, der Teufel liege im Detail. Barrierefreiheit sei nicht nur Thema für Behinderte, sondern auch für Senioren, die auch im hohen Alter gerne in ihren Wohnungen bleiben wollen. Und bei der Kritik an Brandschutzauflagen sollte man sich an die Reaktion so vieler Journalisten auf das Erdbeben in Italien im Vorjahr erinnern, als die erste Frage war, welche Politiker zugelassen hätten, dass die Erdbebenbestimmungen nicht eingehalten worden seien. "Das Thema Sicherheit löst in der Bevölkerung große Emotionen aus. Das kann man nicht ignorieren", sagte er. (Eric Frey, DER STANDARD, 27.2.2013)

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