Bergung über das Wohnzimmerfenster

Blog26. Februar 2013, 12:47
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Das Stiegenhaus ist zu eng - Der Patient wird von der Feuerwehr aus einem Fenster im achten Stockwerk geborgen

Bodengebundener Einsatz, schon lange, sehr lange her, aber noch in guter Erinnerung. Es war um den 1. Mai herum. Unwirtliches Wetter, der Wind bläst uns um die Ohren, die Baumkronen biegen sich. Wir fahren zu einem "Sturz mit starken Schmerzen."

Genossenschaftswohnung, schönes Haus, acht Stockwerke. Der Patient liegt in seiner Wohnung, natürlich im achten Stock und nicht im Erdgeschoß. Glücklicherweise funktioniert der Lift. Wir fahren hinauf. Auf dem Weg zum Notfallort überlegen wir bereits, wie wir da wieder hinunterkommen, vor allem mit Patient. Das Stiegenhaus ist ziemlich eng. Der Lift hat uns zwar hinaufgebracht - vom Platz her ist er aber eher für die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme geeignet. 

Oben angelangt. Der Patient liegt auf der Couch, schaut verzweifelt und hält sich schmerzverzerrt die rechte Hüfte. Das Bein ist deutlich verkürzt und nach außen rotiert. "Ich habe vor drei Wochen eine Hüftprothese erhalten. Jetzt hat es plötzlich einen Schnalzer gemacht, und ich konnte nicht mehr gehen."

"Na ja, die Hüfte dürfte rausgehüpft sein", sage ich und denke schon darüber nach, wie wir den Mann da hinausbringen - ansatzweise, noch ohne Plan. "Es wird Ihnen gleich besser gehen, ich spritze ihnen ein ordentliches Schmerzmittel." Zugang, Opium bis zur Schmerzfreiheit, Sauerstoff. Die Gesichtszüge des Patienten entspannen sich, leider nicht die Oberschenkelmuskulatur. An eine Reposition ist nicht zu denken, dafür ist die Spannung zu groß. Präklinisch deshalb eine Narkose einzuleiten wäre überzogen.

Der Patient ist jedenfalls schmerzfrei und döst vor sich hin. Wir lagern um auf die Vakuummatratze. Und wie kommen wir jetzt das Stiegenhaus hinunter? Im Lehnsessel wird es nicht gehen, und mit der Trage ebenso wenig. Mit dem Aufzug? Guter Witz.

Es bleibt nur der Weg über das Fenster. "Leitstelle für NAW." - "Ja?" - "Wir brauchen für die Bergung die Feuerwehr mit Drehleiter, achter Stock." - "Schicken wir euch." - "Danke."

Leider hat auch das Fenster nicht gerade Panoramagröße, aber das schaffen wir schon. Der Wind bläst immer noch ordentlich. Hatte ich fast vergessen, jetzt, aus dem Fenster in die unendliche Tiefe schauend, wird es mir wieder bewusst. Das wird lustig.

Die Kollegen sind schnell da. Profis eben. Kurze Inspektion der Lage. Die Drehleiter mit Patientenkorb fährt hinauf. Sie biegt sich wegen des Windes nicht, aber wackeln tut sie schon gewaltig, zumindest kommt es mir so vor. Der Feuerwehrhauptmann grinst mich an. "Das ist ja ein schwaches Lüfterl, da haben wir schon viel Schlimmeres erlebt." Na, wenn er das so sagt, bin ich aber beruhigt. Meine Gesichtsfarbe bleibt dennoch im hellen Bereich.

Der Korb ist beim Fenster. Die Vorrichtung für die Trage wird gedreht. Wir heben den schlafenden Patienten auf die Schienen. Sicherung, zurückdrehen, klappt alles ohne Probleme. Der Wind pfeift uns um die Ohren. Der Feuerwehrmann streckt uns die Hand entgegen. Wir schauen uns an, meine Notfallsanis schütteln den Kopf. "Der braucht einen Arzt als Begleitung, das ist klar." - "He, der Patient ist komplett stabil, die zwei Minuten, geh bitte." - "Nein, wir klettern da nicht hinüber."

Das ist also meine liebe Mannschaft, lassen sich so ein Erlebnis bei Windstärke zehn entgehen. Ich ergreife die Hand des Feuerwehrmannes, werde gesichert und kraxle in den Bergekorb. Abwärts geht es, rasch sind wir unten. Der Patient schläft. Auch wenn er munter gewesen wäre, hätte ich ihn sicher nicht gefragt, ob er Höhenangst hat. (Robert Mosser, derStandard.at, 26.2.2013)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

  • Was nützt der Aufzug, wenn er zu klein ist, um eine Patiententrage darin zu platzieren?

    Was nützt der Aufzug, wenn er zu klein ist, um eine Patiententrage darin zu platzieren?

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