Italien-Patt schickt Börsen auf Talfahrt

26. Februar 2013, 18:16
286 Postings

Angesichts der Italien-Wahl herrscht an den Börsen Ernüchterung

Die drohende Blockade in Italien nach der Wahl hat an den Börsen Furcht vor einem Wiederaufflammen der europäischen Schuldenkrise ausgelöst. Die Anleger warfen am Dienstag vor allem italienische Aktien und Anleihen aus ihren Depots. In deren Sog rauschten auch spanische Wertpapiere in die Tiefe. In Frankfurt schloss der Dax 2,3 Prozent im Minus bei 7597,11 Zählern. Auch den heimischen Leitindex ATX zog es in die Tiefe. Der Euro kostete mit 1,3067 Dollar rund zwei US-Cent weniger als zum EZB-Fixing am frühen Montagnachmittag. Die US-Börsen tendierten zu Handelsbeginn uneinheitlich.

"Die Krise ist zurück", brachten die Analysten der Royal Bank of Scotland (RBS) die Stimmung auf den Punkt. Ähnlich urteilte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Eine stabile Regierung, die eine konstruktive Europa-, Stabilitäts- und Reformpolitik durchsetzen könnte, ist nur schwer vorstellbar. Schon werden Neuwahlen diskutiert."

Das reformorientierte Mitte-Links-Bündnis von Pier Luigi Bersani eroberte zwar mit hauchdünner Mehrheit das italienische Abgeordnetenhaus. Allerdings zeichnete sich in der gleichberechtigten zweiten Kammer, dem Senat, ein Patt mit dem Mitte-Rechts-Bündnis des ehemaligen Ministerpräsidenten und Sparkurs-Gegners Silvio Berlusconi ab. "Der Sieger heißt: Unregierbarkeit", titelte die römische Tageszeitung "Il Messagero" am Morgen nach der Wahl.

Risikoaufschläge steigen

Vor diesem Hintergrund verlor der Leitindex der Mailänder Aktienbörse 4,9 Prozent und schloss bei 15.552 Punkten auf dem niedrigsten Stand seit zweieinhalb Monaten. Parallel dazu brach der Terminkontrakt auf die italienischen Staatsanleihen in der Spitze um gut vier Prozent auf 107,89 Zähler ein. Das ist einer der größten Tagesverluste seiner Geschichte. Im Gegenzug stieg die Rendite für die zehnjährigen Bonds auf 4,9 Prozent von 4,371 Prozent am Vortag.

Die drohende Unregierbarkeit Italiens nährte zudem die Zweifel der Anleger an der Zahlungsfähigkeit des Landes. So verteuerte sich die Absicherung eines zehn Millionen Euro schweren Pakets italienischer Anleihen per Credit Defaul Swaps (CDS) um 45.000 auf 290.000 Euro. Italien riss die Börsen des ebenfalls hoch verschuldeten Spanien mit in die Tiefe. Der Leitindex Ibex verlor 2,7 Prozent und die Rendite der zehnjährigen Anleihen stieg auf 5,296 von 5,13 Prozent.

Aber auch an den anderen europäischen Finanzmärkten war die Verunsicherung mit Händen zu greifen. Die beiden Volatilitätsindizes VDax und VStoxx, die die Nervosität der Anleger messen, schossen um 13 beziehungsweise 17,2 Prozent in die Höhe. Die ihnen zugrunde liegenden Leitindizes Dax und EuroStoxx50 verloren 1,9 Prozent auf 7624 Punkte sowie 2,5 Prozent auf 2585 Zähler. Zuvor hatte bereits die Börse in Tokio mit kräftigen Kursverlusten auf das Wahlergebnis reagiert.

Rom zahlt für frisches Geld höhere Zinsen

Italien muss wegen der unsicheren politischen Zukunft für kurzfristige Anleihen spürbar höhere Zinsen zahlen. Die Durchschnittsrendite schnellte bei der Emission eines Papiers mit einer Laufzeit von sechs Monaten um einen halben Prozentpunkt auf 1,237 Prozent nach oben, wie das Finanzministerium am Dienstag mitteilte. Damit ist die Verschuldung für die Regierung in Rom so teuer wie seit Oktober 2012 nicht mehr.

Die Emission galt als erster Markttest nach der Wahl. Insgesamt nahm Italien 8,75 Mrd. Euro auf. "Die Rendite ist zwar deutlich höher, aber es wurde alles platziert", sagte ein Händler. Die Emission dürfe nicht überbewertet werden, da es sich lediglich um kurzlaufende Papiere handele. Ein weiterer Test steht der Regierung in Rom am Mittwoch bevor, wenn sie sich zwischen 3 bis 4 Mrd. Euro für zehn Jahre und zwischen 1,75 und 2,5 Mrd. Euro für fünf Jahre leihen will.

Anleger suchen wieder sicheren Hafen

Auf ihrer Suche nach einem "sicheren Hafen" nahmen Anleger unter anderem Kurs auf deutsche Bundesanleihen. Der Bund-Future legte mehr als einen vollen Punkt auf 144,62 Zähler zu. Gold war ebenfalls gefragt und verteuerte sich um bis zu 0,5 Prozent auf 1601,80 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Einige Investoren flüchteten in die Weltleitwährung und verhalfen dem Dollar-Index zu einem Sechs-Monats-Hoch von 81,93 Stellen.

Europaweit waren die Finanzwerte, die üblicherweise besonders sensibel auf alle Nachrichten rund um die Schuldenkrise reagieren, die größten Verlierer. Mit Kursverlusten zwischen 3,5 und 8,3 Prozent gehörten Deutsche Bank, Unicredit, BNP Paribas & Co. zu den Top Ten der EuroStoxx50-Verlierer. Der Index für die Banken der Euro-Zone rutschte um 4,6 Prozent ab.

Schreckensszenario

Das Schreckensszenario einer politischen Blockade im klammen Euro-Land hat schon am Montag die New Yorker Börsen auf Talfahrt geschickt. Der S&P 500 gab prozentual so stark nach wie seit Anfang November nicht mehr an einem Tag. (red, derStandard.at, 26.2.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die italienische Patt-Situation nach den Wahlen sorgt für miese Stimmung an den Finanzmärkten.

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.