Alles sehr modern

8. März 2013, 17:00
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Seit vier Jahren läuft in den USA die Fernsehserie "Modern Family" mit Riesenerfolg - und propagiert auf schreiend komische Art gelebte Toleranz

Es sind die kleinen Pannen des Alltags, die das Familienglück am härtesten auf die Probe stellen. Wenn der Stiefvater den Sohn mit einem Geschenk überraschen will, dieses aber nach falscher Handhabe zum schnellen Tod der Buben-Schildkröte führt, ist Gefahr in Verzug. Wenn die sorgsame Mutter ihre Kinder vor einer Raserin schützen will, selbige aber Kundin ihres Gemahls ist, läuten die Alarmglocken. Und wenn der schwule Vater seiner Adoptivtochter ein zuckersüßes Prinzessinnenschloss bauen will, selbst aber handwerklich gänzlich untalentiert ist und wiederum den zweiten Vater schon im Vorfeld zappelig werden lässt, dann droht der Familiensegen in lodernden Flammen aufzugehen.

Keine Angst, das wird nicht geschehen. Sosehr sich die Mitglieder der Modern Family, jener in den USA alle Rekorde brechenden und im deutschsprachigen Raum kaum wahrgenommenen Familienserie, auch in die Haare kriegen, am Ende ist alles gut, Konflikte sind ausgeräumt, Streite geschlichtet, Friede kehrt ein.

Prototypen des Mittelstandes

Dass sie sich nicht "Gut' Nacht, John Boy", "Gut' Nacht, Mary-Ellen" zurufen, hängt am zeitgemäßen Setting und an einer großartig formierten Komikkonstellation mit topfitem Ensemble. Die Figuren sind überzeichnete Prototypen der modernen US-Mittelstandsgesellschaft: allen voran der reiche Ruheständler Jay Pritchett, großartig gespielt  von "Al Bundy" Ed O'Neill, und seine ebenso rassige wie eigensinnige, nicht halb so alte Gattin Gloria (Sofia Vergara) mit ihrem pausbäckigen Schlaubergersohn (Rico Rodriguez). Jays Tochter, die energische Claire (Julie Bowen), hat mit Phil (Ty Burrell) einen strunzdummen Ehemann, dem das eigene Ego ständig in die Quere kommt, und drei naseweise Kinder in den besten Jahren, die über gleich zwei Onkel verfügen, das schwule Paar Mitchell und Cameron, die ihrer Adoptivtochter Lily erdrückend liebevolle Väter sind.

Mehrgenerationenhaus

Dass daraus keine Waltons entstehen können, ist klar. Darüber hinaus erlaubt sich Modern Family beim Blick auf das familiäre Miteinander ein Augenzwinkern. Der Mehrgenerationenhaushalt ist heute eher Horrorvorstellung denn Idealbild. Es gilt, mit dem auszukommen, was man hat. Das ist schwer genug. Wie jede gute Fernsehserie spiegelt auch Modern Family die Stimmung ihrer Zeit wider. In Familienangelegenheiten geht es offenbar zuerst darum, alles richtig zu machen. So mühen sie sich ab, die Modern Family-Mitglieder, Folge um Folge, inzwischen seit vier Jahren nach einer Idee von Christopher Lloyd und Steven Levitan und im Stil der Mockumentary: Spielszenen werden begleitet von inszenierten Interviews mit den Protagonisten, die sketchartige Abläufe erlauben.

Modern Family unterzieht die fragmentierten Familien schier nicht enden wollenden Prüfungen und propagiert damit gelebte Toleranz. Natürlich geht so manches schief bei Kinder- und Erwachsenenerziehung, beim Radfahrenlernen, Straßenrowdyzähmen, bei Reinigungsanleitungen und der Frage, warum der Hund im Bett schlafen muss. Gemeinsam ist diesem debattierfreudigen Verbund eine weitaus verständigere Kinderschar, die sich immer wieder mit einfacher Direktheit über die verworrenen Vorstellungen der Elternwelt hinwegsetzt.

Ziemlich kompliziert

In den USA gilt Modern Family als Weiterentwicklung der Sitcom in der Tradition von Roseanne und Married with Children. Längst drängten Nachahmer auf den Markt, wie New Girl oder 2Broke Girls, Suburgatory, Last Man Standing. Wer in Österreich nach Modern Family sucht, muss sich mit DVDs behelfen. Oder mit Paul Harathers Schlawiner, die die US-Vorlage ins Wienerische und weniger familienlastig übersetzt. Was die Regeln des korrekten Zusammenseins in Paarbeziehungen betrifft, sind sich US- und Austroversion ähnlich: alles ziemlich kompliziert. (Doris Priesching, Family, DER STANDARD, 8.3.2013)

  • Komisch und am Puls der Zeit: die "Modern Family" mit ihrem Pater familias "Al Bundy" Ed O'Neill (rechts).
    foto: abc

    Komisch und am Puls der Zeit: die "Modern Family" mit ihrem Pater familias "Al Bundy" Ed O'Neill (rechts).

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