Mailand: Goldröckchen drunter, Heiligenschein drüber

25. Februar 2013, 20:03
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Die Mailänder Modemacher begegnen der schwierigen wirtschaftlichen Situation mit einer verstärkten Hinwendung zu luxuriösen Materialien: Pelz, Gold und Brokat

Schnee oder Regen? Am Mailänder Wahlwochenende blieb den Besuchern der Prêt-à-porter-Schauen eigentlich nur diese Wahl. Konnten die Bürger an der Urne unter anderem zwischen Berlusconi, Beppe Grillo oder Pier Luigi Bersani wählen, stöckelten die Moderedakteurinnen in ihren Platforms und Peep- toes (die meisten ohne Strümpfe!) wahlweise durch Schneematsch oder Regenlacken. Auf den Laufstegen wurde passenderweise die Mode für den kommenden Herbst und Winter gezeigt - wer etwas auf sich hielt, trug aber nicht mehr die letzte Winter-, sondern schon die Frühlingsmode. Selten wurden die Worte Schönheit und Leiden so häufig in einem Satz verwendet wie an diesem Wochenende.

Luxuriöse Üppigkeit

Um die vielen Pelze in den Kollektionen ging es dabei nur selten. Was sich zu Beginn der Schauen, bei Sportmax und auch bei Prada ankündigte, setzte sich munter übers gesamte Wochenende fort. Consuelo Castiglioni zeigte Sonntagfrüh bei Marni schließlich eine Kollektion, bei der beinahe jeder einzelne der 42 Looks Pelz enthielt. Ob als Bolero-Jäckchen oder als Stola, als Hingucker an der Tasche oder dick über die Stiefel gezogen: Castiglioni setzte auf den Bruch zwischen den strengen Linien ihrer knielangen Kostüme und der Weichheit der Felle.

So konzeptuell wie bei Marni wurden die Murmeltierfelle (Bally) oder neonbunt besprühten Nerze (Versace) aber selten eingesetzt. In den meisten Fällen zeigten sie schlichtweg an, in welche Richtung die Mode tendiert: Eine neue, luxuriöse Üppigkeit macht sich breit. Die Tierschützer von Peta hatten denn mit Störaktionen bei Just Cavalli oder Sit-ins bei Prada alle Hände voll zu tun.

Klerikale Motive bei Dolce & Gabbana

Noch aufwändiger, noch exklusiver scheint bei einem Teil der Mailänder Modemacher die Devise zu sein. Wenn man will, könnte man sie als die Schneefraktion bezeichnen. Bei Dolce & Gabbana eröffnete eine Parade goldglitzernder Kleider mit klerikalen Motiven die Modeschau. Bedruckt mit den byzantinischen Mosaiken von der Kathedrale im sizilianischen Monreale evozierten sie eine Welt, in der Edelsteine ausschließlich echt und dem Adel vorbehalten waren. Bei Dolce & Gabbana gehen sie zwar auf das Konto von Swarovski (die Schau wurde von einer ganzen Armada rotfun-kelnder Kristallspitzenkleider beschlossen), der romantische Blick in eine Vergangenheit, in der Prunk nicht automatisch von einer demokratischen Gesellschaft angefeindet wurde, durchzog aber viele Mailänder Kollektionen.

Roberto Cavalli huldigte in seiner Hauptkollektion einer Frau, die zwar bestens nach Moskau oder Miami passen würde, deren dunkel schimmernde Minikleider und knappe Brokatjacken aber so aufwändig verarbeitet und bestickt waren, als kämen sie direkt aus einer Handwerksstube der Renaissance. Bei Gucci hat Frida Giannini für den Tag Kostüme aus Pythonleder oder Babylamm und für den Abend bodenlange, mit Federn, Nieten und Pailletten besetzte Netzkleider im Angebot. Gut, Gucci ist nicht wirklich ein Label, das man im Büro trägt, genau so wenig wie Versace. Hier schöpfte Donatella diesmal so richtig aus den Vollen.

Punkanspielungen

Das Ergebnis war die am kontroversiellsten diskutierte Show dieser Saison: Während die einen eine veritable Geschmacksverirrung ausmachten, bejubelten die anderen die hautengen Vinylkleider, die Nietenstiefel oder die Hals- und Armbänder aus langen Spikes. Die Kollektion evozierte das berühmte Sicherheitsnadelkleid, das Liz Hurley 1994 bei den Oscars trug. Punk-Anspielungen durchzogen die Kollektion, mindestens genauso stark musste man allerdings auch an nächtliche Ausfallstraßen denken.

Aber wie auch immer, dank Zuspitzung möchten viele Luxusmarken dem Abwärtstrend entgehen, der die italienische Modebranche immer noch im Griff hat. Bei Bottega Veneta, wo man gerade die Schallmauer von einer Milliarde Umsatzdollars durchbrochen hat, oder Prada, wo man im vergangenen Jahr schon wieder Umsatzrekorde meldete, gelingt das ganz gut. Und das, obwohl beide Marken, um im Bild zu bleiben, weniger der Schnee- als der Regenfraktion angehören. Bei Prada ist das sogar wortwörtlich zu verstehen.

Eine Spur Hitchcock

Die Haare hängen den Models nasstriefend von der Stirn, viele der Kleider sind ihnen von den Schultern gerutscht. Einen ziemlich derangierten Eindruck macht die Parade, die Miuccia Prada in der von Rem Koolhaas geschaffenen Film-noir-Kulisse in der Via Bergognone auffahren lässt. Eine Spur Hitchcock, eine Brise Forties weht durch die riesige Betonhalle. Auch Prada spielt in ihrer umjubelten Schau mit Pelzen, als riesige Manschetten etwa, ein dunkler Pelz beschließt die Schau. Asymmetrische Mantel- und Kleiderschnitte bestärken den Eindruck, dass hier die Welt biederer Herringbone-Wollkostüme in Unordnung geraten ist. Luxus ist bei Prada die Frage, wie sehr man die Normalität aus den Angeln heben darf.

Bei der Regenfraktion hat Schönheit wenig mit wertvollen Materialien oder aufwändigen Applikationen zu tun. Hier ist eine Idee, eine Denkweise mindestens genauso wichtig. Tomas Maier spinnt seine Bottega-Veneta-Kollektion diesmal um Wolle. Er wäscht sie, faltet sie und vernäht sie so, dass Kreationen entstehen, die wie Blüten anmuten. Oder Jil Sander: In ihrer zweiten Kollektion nach ihrer Rückkehr zu ihrem eigenen Label nähert sich die Designerin wieder ihrem gelösten, aber doch so ungemein präzisen Stil an. Die Schultern sind rund, die Hüften wunderbar geschwungen, die Rückenpartien stehen leicht ab. Die monochrome Farbpalette aus Navy, Safran, Bordeaux wird nur durch ein paar Streifen Gold durchbrochen, die sich bei einigen Entwürfen auf das Mantelrevers oder den Oberarm schummeln. Man sieht: Selbst jemand wie Jil Sander kommt in dieser Saison nicht ohne einen Funken Gold aus. Das will etwas heißen. (Stephan Hilpold, DER STANDARD, 26.2.2013)

Mehr Bilder von den Modeschauen in Mailand:

Fromme Mode & 1920er-Revival

Schulterfrei in den kommenden Herbst

 

 

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