"Haiders Unfallstelle ist ein Ort säkularer Führerverehrung"

Interview26. Februar 2013, 10:32
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Autor Erwin Riess über die Nazi-Vergangenheit Kärntens und korrupte Politiker

Viele Monate im Jahr verbringt der Wiener Autor Erwin Riess in Kärnten. Das hat ihn zu einem Krimi inspiriert, er platziert ihn zwischen Nazi-Vergangenheit und GTI-Treffen. Warum Riess glaubt, dass die Landtagswahl am 3. März die entscheidenste seit 1945 wird, und weshalb Uwe Scheuch in den Landtag zurückkehren könnte, sagt er im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Was unterscheidet Kärnten vom restlichen Österreich?

Riess: Die Verwurzelung im braunen Sumpf. Man hat in Kärnten nie ernsthaft versucht, die Vergangenheit historisch aufzuarbeiten. Gerade die SPÖ hat da ein großes Maß an Schuld auf sich geladen.

derStandard.at: Wie macht sich das bemerkbar?

Riess: Der nationalsozialistische Bodensatz ist in Kärnten noch sehr lebendig. Immer wieder wird versucht, Stimmung zu machen: gegen die Slowenen, denen man eine beschämende sogenannte Ortstafellösung oktroyiert hat, und alle anderen, die nicht so denken wie die FPK-Herrschaften in ihren gestylten Trachtenanzügen.

derStandard.at: Aber nicht nur die FPK sei daran schuld, schreiben Sie. Die SS-Dichte sei in den 60ern und 70ern in der SPÖ sehr hoch gewesen. Sie nennen die SPÖ der damaligen Zeit ein "politisches Punschkrapferl": außen rot und innen braun.

Riess: Wenn man nach dem Krieg zum Bund Sozialdemokratischer Akademiker ging, war man nicht mehr belastet. Die SSler, damals sportliche 30- und 40-jährige Leute, sind in Massen zu BSA und SPÖ gegangen.

derStandard.at: Sie platzieren Ihren Roman zwischen Nazi-Vergangenheit und GTI-Treffen. Ist Kärnten wirklich so?

Riess: Ich beobachte das jährliche GTI-Treffen sehr genau. Die Leute sitzen an der Seeuferstraße friedlich am Straßenrand und beklatschen die fantasievoll präparierten Autos. Nur in Reifnitz kann es eng und bierschwanger werden. Ich finde am GTI-Treffen nichts Schlechtes. Wenn man keine Kultur hat, muss eben eine geöffnete Motorhaube herhalten.

derStandard.at: Sie schreiben: "Die Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit lässt sich in Kärnten mit einem Satz zusammenfassen: Man genießt und schweigt." Wie ist das zu verstehen?

Riess: Die Kinder und Enkel der Nazis haben das zusammengeraubte und gestohlene Erbe übernommen. Das steckt unter anderem in den Villen am Wörthersee. Es gibt hier am See sehr viele reiche Leute, und die wenigsten haben ihr Vermögen erarbeitet, sie haben es von den Vätern übernommen. Darunter ist ein großer Teil Raubvermögen, es finanziert jetzt den Lebensstil des jungen Geldadels.

derStandard.at: Auch das Ulrichsbergtreffen wird in Ihrem Buch erwähnt. Ist so etwas nur in Österreich möglich?

Riess: Das ist nur in Kärnten möglich. Es wurde ein bisschen abgeschwächt, indem Darabos dafür gesorgt hat, dass das Bundesheer nicht mehr dabei ist. Es sind aber heute noch führende ehemalige SPÖler dort, wie der ehemalige Gesundheitslandesrat Gallob. Ein Journalist hat Herrn Kandussi, den jetzigen Sprecher der Ulrichsberggemeinschaft, gefragt, was er zu SSlern beim Treffen sagt. Kandussi hat geantwortet, dass für ihn die SS eine normale militärische Organisation sei und er noch nie gehört habe, dass sie irgendwelche Schweinereien beging.

derStandard.at: Neben der fehlenden Vergangenheitsbewältigung ist auch Korruption ein großes Thema in Ihrem Roman. Dort heißt es an einer Stelle: "Manchen Leuten in Kärnten passiert nie etwas - egal was sie aufführen." Woher kommt das?

Riess: Der Justizapparat war nach dem Krieg mit Ehemaligen bestückt, und die hielten eisern zusammen. Dieser Korpsgeist hat sich über die Jahrzehnte erhalten.

derStandard.at: Ist das nach wie vor so? Wie bewerten Sie die Arbeit der Justiz?

Riess: An manchen Urteilen merkt man, dass einzelne Staatsanwälte und Richter sich jetzt trauen, korrupte Politiker zu belangen. Die Urteile werden dann zwar teilweise wieder aufgehoben, zum Beispiel in der Part-of-the-game-Affäre. In zweiter Instanz wurde das Urteil von Klagenfurt in Graz wieder kassiert. Es sitzen in Graz viele alte und neue Rechte in der Justiz, da gibt es enge Kontakte zu den Anwälten der FPK. Uwe Scheuch hat dann genau das Urteil erhalten, das ihn vor dem Gefängnis rettete. Wenn die FPK die Wahlen wieder gewinnt, würde es mich nicht wundern, wenn Uwe Scheuch binnen Jahresfrist wieder im Landtag auftaucht, als Scheuch aus der Asche sozusagen.

derStandard.at: Beim Birnbacher-Prozess hat der Richter ein strenges Urteil gefällt.

Riess: Er hat viel Mut bewiesen. Es haben nicht viele damit gerechnet. Es ist nicht einfach in einer kleinen Stadt wie Klagenfurt. Besonders für die Familien und Kinder der hohen Richterschaft.

derStandard.at: Mögen Sie Kärnten eigentlich?

Riess: Ich mag einige Kärntnerinnen und Kärntner sehr.

derStandard.at: Und das Land an sich?

Riess: Das Land an sich ist mir egal, wie jedes Land im Übrigen. Wenn rechte Kärntner Politiker ungefragt und penetrant auf das "wunderschöne Land" verweisen, dann drücken sie damit nur aus, dass sie geistig über die Kärntner Randgebirge nicht hinausgekommen sind. Ich würde es umdrehen: Auf der Welt ist es überall schön. Sogar in Kärnten.

derStandard.at: Wie ist es, als Wiener in Kärnten zu leben?

Riess: Man lernt, mit gesellschaftlichen Widersprüchen präziser umzugehen. Man kann und muss wachsam bleiben.

derStandard.at: Am Unfallort von Jörg Haider wird immer noch getrauert.

Riess: Ein Ort säkularer Führerverehrung und perverser Volksfrömmigkeit. Zwei Drittel der Kärntner sind davon überzeugt, dass Haiders Unfall nicht selbst verschuldet war; das gilt auch in Akademikerkreisen.

derStandard.at: Die jüngsten Enthüllungen belasten die Ära Haider. Wird das in Kärnten auch so gesehen?

Riess: In Kärnten fühlt man sich prinzipiell von der bösen Welt jenseits der Pack verfolgt. Die bösen Wiener, die böse EU, die monatlich 78 Millionen Euro nach Kärnten überweist, die böse Ostküste und die bösen Tschetschenen.

derStandard.at: Hat sich rund um die Enthüllungen in der Causa Hypo das Bild der Kärntner geändert?

Riess: Viele sind in Trotzstarre verfallen. Bei Haider endete alles, was er ökonomisch und politisch anfing, im Fiasko. Alles, was von ihm blieb, ist verbrannte Erde. Und die Kerzerl von Lambichl, seinem Todesort. Die meisten Kärntner sehen das aber konträr. Sie sagen: Beim Haider war alles in Ordnung. Wenn der Haider noch wäre, gäbe es die Skandale und ihre Aufdeckung nicht.

derStandard.at: Besteht die Chance auf einen Neubeginn?

Riess: Objektiv ja. Aber ich glaube nicht, dass sie genutzt wird.

derStandard.at: Wie lautet Ihre Wahlprognose?

Riess: Prognose würde ich es nicht nennen. Meine Befürchtung ist, dass Dörfler wieder gewinnt und weiter so selbstherrlich fuhrwerkt wie bisher. Der Herr Köfer von der Stronach-Truppe würde sicher mitmachen. Dass Bürgermeister, Ortsgruppen und andere SPÖ-Kader zu Stronach wechseln, zeigt im Übrigen den verrotteten Zustand der Kärntner Sozialdemokratie mit ihren Bürgermeisterfürsten in den paar größeren Städten. Peter Kaiser ist ein honoriger Mann, er kämpft mehr oder minder alleine gegen die FPK. Und die eigenen Leute werfen ihm Knüppel zwischen die Beine.

derStandard.at: Sie befürchten also, dass Dörfler Landeshauptmann bleibt.

Riess: Wenn Kaiser wider Erwarten deutlich gewinnt, besteht eine Chance, dass sich etwas in der gesellschaftlichen Tiefenstruktur zu ändern beginnt.

derStandard.at: Und dann wird Kärnten sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen?

Riess: Einige Historikerinnen und Historiker machen das seit Jahren. Was die Kärntner Eliten betrifft, so kann man genauso gut hoffen, daß die Badesaison am Wörthersee bis Dezember dauert. Es hängt viel von der Wahl ab, es sind wahrscheinlich die wichtigsten Wahlen seit 1945. (Marie-Theres Egyed/Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 26.2.2013)

Erwin Riess ist Schriftsteller. Er wurde in Krems geboren und lebt nun abwechselnd in Wien und Pörtschach. Gerade ist die dritte Auflage seines Romans "Herr Groll im Schatten der Karawanken" im Verlag Otto Müller erschienen.

 

  • "Wenn die FPK die Wahlen wieder gewinnt, würde es mich nicht wundern, wenn Uwe Scheuch binnen Jahresfrist wieder im Landtag auftaucht, als Scheuch aus der Asche sozusagen."
    foto: derstandard.at

    "Wenn die FPK die Wahlen wieder gewinnt, würde es mich nicht wundern, wenn Uwe Scheuch binnen Jahresfrist wieder im Landtag auftaucht, als Scheuch aus der Asche sozusagen."

  • "Bei Haider endete alles, was er ökonomisch und politisch anfing, im Fiasko."
    foto: derstandard.at

    "Bei Haider endete alles, was er ökonomisch und politisch anfing, im Fiasko."

  • "Herr Groll im Schatten der Karawanken" von Erwin Riess, erschienen im Verlag Otto Müller.
    foto: verlag otto müller

    "Herr Groll im Schatten der Karawanken" von Erwin Riess, erschienen im Verlag Otto Müller.

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