Wie lehrt man Kinder Nachhaltigkeit?

28. Februar 2013, 17:00
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Bioessen, Ökomarkt und Umweltschutz: Wie kann man Kindern Nachhaltigkeit vermitteln? Ein Bericht aus der Praxis mit den eigenen Kindern

Kürzlich im Supermarkt war es endlich so weit. Der Bub stand vor den Kinder- und Jugendzeitungen, gustierte, nahm ein Cars-Heftl heraus, schaute das eingeschweißte Spielzeugauto an und sagte: "Das heut nicht. Wir haben eh schon soooo viele Autos." Ein lang ersehnter Moment - ein Lichtblick. Sonst treiben die Kids eher in Richtung Konsumrausch dahin: hier ein Wunsch, da noch etwas, das sie unbedingt haben müssen. Und immer wieder das Killerargument: "Das haben jetzt wirklich schon alle in der Klasse!"

Man will auch nicht immer der letzte Ödbär sein. Hätte auch keinen Sinn: Askeseprediger kommen in dem Alter weniger gut an. Konsumgesellschaft, exzessiver Ressourcenverbrauch - das sind im Volksschulalter noch keine Kategorien. Soll man die Kleinen vor der Konsumgesellschaft behüten? Keine Chance. Die ist allgegenwärtig. Werbung und Mundpropaganda sind gnadenlos.

Die nächste Sticker-Aktion

Und die Qualität? Keine Frage: Grundsätzlich schmeckt einiges aus dem Bioladen eindeutig besser. Den dort erworbenen Bergkäse würden sie bei jedem Blindtest erkennen. Den aus der Massenproduktion schauen sie kein zweites Mal an. Bis dann die nächste Sticker-Aktion im Supermarkt kommt. Schon wird der Papa dorthin geordert. So gut kann's im Bioladen gar nicht schmecken.

Auch hier spielt das "Behüten"-Thema wieder rein. Was hat unsere Große damals als ganz Kleine rohes Gemüse geliebt! So schnell konnten wir im Supermarkt gar nicht schauen, schon zischte sie durch die Regale ab, rannte zielsicher zur Obst- und Gemüseabteilung. Bis wir sie dort fanden, hatte sie den Paprika schon zur Hälfte weggeputzt. Selige Zeiten waren das. Bis sie irgendwann einmal die erste Schoki in die Hand gedrückt bekam. Inzwischen ist der "Bitte, bitte etwas Süßes"-Wunsch längst zur Einkaufsroutine geworden. Gemüse-Attacken gibt es kaum noch, nur als kurze Reminiszenz.

Salat-Gusto kommt in Phasen

Immerhin sind sie keine reinen Spaghetti-Pommes-reinstopf-Kinder. Sie graben sich auch in Polenta ein. Gemüse, Salat - dieser Gusto kommt in Phasen. Nur kein Stress. Und wenn's dann doch hin und wieder Junk ist - dann wenigstens Bio-Junk. Darauf achten wir Großen im Hintergrund. Aber das Gesunde groß ankündigen? Eher nicht. Predigten halten bringt auch hier gar nix. Wer zu kopfig daherkommt, handelt sich schnell ein "Is' doch mir wurscht!" ein - egal zu welchem Thema.

Nachhaltigkeit ist aber mehr als nur Geschmacksfrage und Essenswahl. Aber wie Kindern einen ganzen Lebensstil näherbringen? Zunächst einmal durch Vorleben - ohne viel Aufheben davon zu machen. Und dann vor allem durch sinnliches Erleben.

Wer sich ein bisschen umschaut, was einschlägige Ratgeber dazu bieten, bekommt teils Erstaunliches aufgetischt. Auf helpster.de beispielsweise heißt es unter "Ökologie in der Kindeserziehung - so vermitteln Sie Umweltbewusstsein", man solle den Kids "erst einmal den Sinn des Umweltschutzes klarmachen". Na, das fängt ja schon kopfig an. Und dann geht's los: Hilfreich sei es beim Sinn-Klarmachen, mit den Kindern "kindgerechte Filme über die Erde und den Umweltschutz" anzuschauen. Da gebe es auch Bücher über Umweltzerstörung und Umweltschutz.

Und dann könne man noch ins Museum gehen - oder im Internet die kindgerechten Seiten von WWF oder Greenpeace anschauen. Bei allem Respekt vor der Arbeit von Umweltschutzorganisationen und deren Online-Auftritten - aber was sind denn das für Tipps? Den Schutz der Natur begreiflich machen, indem wir uns daheim mit Fernseher und Computer einigeln? Oder zur Second-Hand-Natur im Museum pilgern? Soll alles sein. In Museen gibt's wirklich wunderbare Ausstellungen. Und ja, es gibt auch tolle Filme und Bücher.

Ab in die Gatschgrube

Aber ein gesundes Verhältnis zur Natur - wo bekommt man das am besten vermittelt? Bingo! Raus mit den Kids, raus, raus, raus. Das vermitteln auch andere, lebensnähere Ratgeber: Ab in den Wald in die Gatschgrube! Eine der besten Bildserien, die via Facebook kursieren, zeigt immer wieder Spielsituationen draußen im Wald oder am See oder beim Staustufen-Bauen mit Steinen im Bach. Und drunter steht: "Original Playstation".

Und dann kommt manches auch von selber. Kürzlich malten sie daheim gemeinsam ein Bild, unsere Kids: Berge, Wälder, Kühe, Autos. Und drüber schrieb die Tochter als Titel: "um weld sünder". Und darunter: "fer besa".

Das mit dem "Umweltsünder" war ja noch leicht zu enträtseln. Aber was in aller Welt ist "fer besa"? Nach ein bisschen Nachfragen stellte sich heraus, das seien die Umwelt-"Verbesserer". Jene, die es besser machen. Und die kleine Große wusste genau, wer wo dazu gehörte. Die Umweltsünder, das waren die Autos am Parkplatz, der Rauch, der beim Haus rausbläst. Und die "Verbesserer", das sind die Kühe auf der Weide. Der unberührte Wald. Das Haus, wo nichts oben raus raucht. Das hatte sie draußen so nebenbei rausgefunden. Ganz ohne Lehrfilme und Webpages. (Roman David-Freihsl, Family, DER STANDARD, 28.2.2013)

  • Darauf zu achten, was auf den Teller kommt, ist ein Aspekt von Nachhaltigkeit.
    foto: hersteller

    Darauf zu achten, was auf den Teller kommt, ist ein Aspekt von Nachhaltigkeit.

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