Das Fieber des Raskolnikow

25. Februar 2013, 16:59
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Dostojewskis "Schuld und Sühne" für ein Solo neu bearbeitet – von und mit Emanuel Fellmer im Landestheater Vorarlberg

Bregenz – Emanuel Fellmer sitzt schon da, wenn sich das Publikum im Kleinen Haus des Landestheaters einfindet. Er glotzt ins Nichts und kühlt sich die Stirn mit einem eiswassergetränkten weißen Waschlappen: Migräne plagt den Gouverneur, der seinen Kopf jetzt auch noch mit dem Gefangenen Raskolnikow belasten muss.

Fellmer hat die Dostojewski-Bearbeitung selbst verfasst: Raskolnikov im Ostrogg. Eine Skizze. Mit dem Antihelden machte der Schauspieler bereits Bekanntschaft, in Bernard-Marie Koltès' Trunkener Prozess. Fellmers eigene Sicht auf den experimentellen Mörder, der zum Erlösungssuchenden wird, sieht ei nen Erzähler plus vier Rollen vor. Alle spielt der 1986 geborene Berliner selbst.

Raskolnikow trägt die Spaltung schon im Namen eingeschrieben. Und so liegt das Ähneln der Protagonisten – jeder auf seine Weise fiebernd und flackrig – am gemeinsamen Nenner der Stimmen im Schädel. Dauerexpressiv und mit kleiner Andeutung von Kinski schlüpft Emanuel Fellmer aus dem Mantel des grauen Gouverneurs, wird zum gruseligen Wahnsinnsmörder Petroff und mit Barett zum Oberaufseher. Raskolnikow, aus dessen purer Anwesenheit heraus eine stille Revolte aufgebrochen ist: in sich ruhend, überlegen. Bis er unauffällig begnadigt werden soll. Da stürzt sich Fellmer ins Finale und darf ganz der gefallene Engel sein, zerrissen, aufbegehrend, in existenzieller Entblößung.

Die Klaviermusik (eine Aufnahme von Leszek Modzer) wagt sich weit vor Richtung Kitsch, abruptes Abstellen aber kappt jedwede Gefühligkeit. Steffen Jägers Inszenierung umschifft die Pathosfalle auch durch  puppenspielartige Elemente: Da wird die Wollmütze des qualtingerakzentuierten Obermörders als Figur eingesetzt, auch die rote Kopfbedeckung des gewalttätigen Aufsehers kann für ihren Träger stehen. Allerdings hätte der Verzicht auf den Bedeutungsboost durch Sprechloops der Stimmigkeit des Abends keinen Abbruch getan. (Petra Nachbaur, DER STANDARD, 29.2.2013)

Bis 21. 3.

  • Kühlen Kopf bewahren heißt es für Emanuel Fellmer, den als Raskolnikow Gewissensbisse plagen.
    foto: vorarlberger landestheater, anja köhler

    Kühlen Kopf bewahren heißt es für Emanuel Fellmer, den als Raskolnikow Gewissensbisse plagen.

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