Ein verletztes Kind und ein Theatertreffen

    Kolumne14. März 2013, 17:00
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    Wir sitzen jetzt seit einer Stunde in der Unfallambulanz, und dem armen Kind ist voll fad. Irgendwie will es nach Hause und Downton Abbey schauen. Da gibt es urschöne Kleider drin. Zuvor hatte die Karatetrainerin angerufen. Während im Hintergrund eine sehr vertraute Kinderstimme sehr vertraut schluchzte, erfuhr ich, dass im Hintergrund deshalb so gelitten werde, weil sich die Tochter wahrscheinlich die Hand eh nicht gebrochen habe. Aber: Man solle doch bitte trotzdem sofort mit dem Auto quer durch die Stadt in die Schule kommen, weil das Kind zur Sicherheit ins Krankenhaus zum Röntgen gebracht werden müsse. Es sei nämlich schon sehr heftig, wenn ein Kind auf ein anderes Kind draufspringe.

    Jenen sehr seltenen Karategürtel, der potenzielle Gegner dadurch abschreckt, dass sie damit rechnen müssen, mit reiner Gedankenkraft zermerschert zu werden, werde ich persönlich in diesem Leben zwar eher nicht mehr verliehen bekommen. Fluchen aber kann ich durch geschlossene Autoscheiben auch ohne Spezialausbildung derart gut, dass alles zur Seite springt, was zwischen Büro und Karate liegt. Zehn Minuten später habe ich Wien  durchquert. Dass auch diverse andere Verkehrsteilnehmer jetzt wegen mir Herzrasen haben, damit kann ich leben.

    Vor der Schule schreitet das verletzte Kind theatralisch wie eine aus dem Stamme der Hörbigers zum Auto. Sie trägt die Hand in der Schlinge und verlangt mit erstickter Stimme nach der Intensivstation. Ihre Schwester, die den Drang zur großen Bühne bestens kennt, meint allerdings auch, dass die Situation sehr ernst sei. Man dürfe sich nicht davon täuschen lassen, dass das Kind die Hand bewegen könne, diese nicht geschwollen sei und der einsetzende Nervenzusammenbruch darauf hinweist, dass hier nicht an der Burg, sondern am Bauernhof gespielt wird.

    Im Krankenhaus ist an diesem Tag mächtig etwas los. Es ist nicht nur rentnersturzglatt auf der Straße. Auch das Heim für rabiate Charakterdarsteller aus dem Würstelstandgenre scheint wegen Winterpause geschlossen zu haben. Nach einer Stunde Warten zwischen Röcheln, Schnarchen, Oaschloch, Oh und Weh meint das arme Kind, dass es sich vor dem blöden Herumsitzen hier vielleicht hätte etwas beruhigen sollen. Wie durch ein Wunder seien jetzt nämlich sämtliche Schmerzen verflogen, die Hand uregut bewegbar, und außerdem knurre der Magen aufgrund eines mächtigen Hungers. Als ich uns bei der diensthabenden Schwester abmelde, werde ich misstrauisch beäugt. Wieder so ein Typ, der seine Kinder nicht ernst nimmt. Die Einladung zum Theatertreffen Berlin mit mir als Bösem des Jahres habe ich ausgeschlagen. (Christian Schachinger, Family, DER STANDARD, 14.3.2013)

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