Väter, Töchter und Karenzgeschenke

25. Februar 2013, 18:43
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STANDARD-Mitarbeiter berichten aus ihrem Familienleben: Ronald Pohl über Väter, Töchter und Karenzgeschenke

Mit dem Antritt einer Väterkarenz verwandelt sich etwas Notwendiges in das schlechthin Wünschenswerte. Ein Vater begehrt, seinem Kind während einiger Monate nahe zu sein. Er entlastet dadurch die Kindesmutter. Jeder karenzwillige Papa ist daher ein Virtuose im Gebrauch der Fliegenklappe. Sein Vermögen liegt nicht darin begründet, das Klebeband einer Wegwerfwindel korrekt öffnen zu können und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Er trägt, ob er will oder nicht, einer gesellschaftlichen Anforderung Rechnung: Aber was zum Teufel hat das mit meinen eigenen Töchtern zu tun?

Luise war ein knappes Jahr alt, als ihr nicht mehr blutjunges Väterchen ihr Kleinkinderdasein mit seiner Anwesenheit versüßte. Fünf Monate sollten es sein; ein frühsommerlicher, viel zu heißer Juni markierte Papas Eintritt in die Welt der häuslichen Obsorge.

Sitzen wie ein Gouverneur

Luise konnte schon stehen. Ihre Lust auf wanderlustige Fortbewegung war aber noch nicht ausgeprägt. Macht nichts, dafür hat eine wunderbare englische Firma ideale Kinderwagen entwickelt. Das  Mädchen sitzt wie ein Gouverneur einer zentralchinesischen Provinz festgeschnallt und betrachtet wohlgefällig die an ihr vorbeiziehende Welt. Reisen macht hungrig. Bald überblickt man ein Netz aus Industriebackfilialen, deren Mürbgebäckprodukte bei der kleinen Ausflüglerin in hohem Ansehen stehen.

Mit Verrinnen der Wochen sind beide braungebrannt - Luise, gut beschirmt, in gesundheitszuträglichen Maßen. Papa fühlt sich zählederig wie ein Indianer. Er hat es in der Navigation des Kinderwagens zur Meisterschaft gebracht. Mit der Zeit glaubt er zu bemerken, dass die Augen passierender Damen freundlich auf ihm ruhen. Das Sozialprestige des Karenzlers rangiert gleich hinter dem des Gleichstellungsbeauftragten.

Eine kleine Enttäuschung bilden die Kinderspielplatzbesuche. Die Muttis anderer Kinder unterhalten Debattierklubs, in denen sie Ansichten über das prächtige Gedeihen der leibeigenen Würmer wortreich austauschen. Männer sind zu dieser Hochleistungsschau nicht zugelassen. Was okay ist, weil ich ohnehin auf die Sandkiste achten muss, in der Luise bis zum Hals versinkt. Buben gießen kannenweise Wasser in die Buchten. Sie sind vergleichsweise grob. Ich blicke Luise an. Ob ihres Aussehens plagen mich Vatersorgen. Ich horche auf jedes Hustgeräusch. Die Kindesmutter wird telefonisch zur Risikoabwägung einbestellt: Leibchen wechseln? Das Weite suchen? Auf die natürliche Regenerationskraft eines resoluten Persönchens vertrauen?

Absencen des Alten

Allmählich kommt das Zeitgefühl abhanden. Man versteht es nun, Gemüsebrei auf den Punkt gar zu kochen. Das mittägliche Zu-Bett-Bringen artet in kleinere Scharmützel aus. Doch nichts kann die Verbundenheit trüben: Karenzwochen dienen der Herstellung eines innigen Vertrauens, zu dem eine Form der wechselseitigen Rücksichtnahme gehört.

Kinder nehmen es durchaus wahr, wenn Papa groggy ist. Sie stellen nicht gleich den Raunzbetrieb zur Gänze ein. Aber Luise blickt mit geschärfter Wahrnehmung auf die kurzen Absencen ihres Alten. Sie kann so tun, als ob sie brav wäre. Luise ist ein entzückender Schatz. Aber welcher Papa würde nicht dergleichen über seine Tochter äußern? Karenzzeiten werfen  bestimmt keine Produkte ab, die sich "gesellschaftlich" verwerten ließen. Sie verschaffen allenfalls Aufschlüsse über die eigenen Kochfähigkeiten. Und sie lehren Gelassenheit im Umgang mit den Wehwehchen einer kleinen Schutzbefohlenen.

Keine Gorch Fock aus Zündhölzern

Wurde erwähnt, dass man sich als Kinderkarenzler keine ehrgeizigen Ziele stecken sollte? Man kann in der Karenz weder eine lebende noch eine tote Sprache erlernen. Es ist unwahrscheinlich, dass man am Abend noch die Sprachgewalt für die Niederschrift eines umfangreichen Prosawerks aufbringt. Man kann tagsüber bestimmt nicht die "Gorch Fock" aus Zündhölzern zusammenkleben oder einen Kaftan schneidern. Der Autor dieser Zeilen führte immerhin ein kleines Notizheft mit sich, zwischen sich und den Kinderwagengriff gedrückt. Darin verzeichnete er gelegentlich einen Halbvers, oder das Skelett für einen nicht zu komplizierten Satz.

Als Töchterlein Elsa in das "karenzfähige" Alter kam, hatte Vater Staat eine Wendung in seiner Erziehungspolitik beschlossen. Geld bekam man nun gehaltsbezogen. Es gab mehr als bloß Taschengeld! Die Familienministerin ließ es sich trotzdem nicht nehmen, die Karenzfaulheit der Väter zu beklagen. Aber die Biografen auch der allerkleinsten Menschen bewähren sich nicht an den gesellschaftlichen Debatten. Sie sind Geschenkangebote an den erfahrungswilligen Mann. (Ronald Pohl, Family, DER STANDARD, 25.2.2013)

  • Extrem gelassen und ohne ehrgeizige Produktivitätsziele: Kinderkarenzler Pohl mit seinen Töchtern.
    foto: katsey

    Extrem gelassen und ohne ehrgeizige Produktivitätsziele: Kinderkarenzler Pohl mit seinen Töchtern.

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