Schottischer Kardinal O'Brien zurückgetreten

25. Februar 2013, 20:16
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Erzbischof von Edinburgh soll Priester sexuell belästigt haben, er weist die Vorwürfe zurück

Kurz vor seiner Pensionierung ist der ranghöchste Katholik Großbritanniens über Vorwürfe sexueller Belästigung gestolpert. Einen Tag nach der Veröffentlichung der Anschuldigungen durch drei amtierende sowie einen früheren Priester seiner eigenen Diözese gab der Edinburgher Kardinal Keith O'Brien, 74, seinen sofortigen Rücktritt bekannt.

Er werde auch am Konklave zur Wahl des nächsten Papstes in Rom nicht mehr teilnehmen: "Die Aufmerksamkeit der Medien in Rom soll auf Benedikt XVI. und seinen Nachfolger gerichtet sein und nicht auf mich." Den Vorwurf sexueller Belästigung bestreitet O'Brien und erwägt rechtliche Schritte. Durch seinen Rücktritt geraten nun auch andere umstrittene Kardinäle unter Druck, auf ihre Fahrt nach Rom zu verzichten.

Die Zeugenaussagen des Quartetts liegen laut einem Bericht der Sonntagszeitung Observer bereits seit Monatsbeginn dem apostolischen Nuntius in Großbritannien vor. Durch den angekündigten Rücktritt des Papstes erhielt das Verfahren aus Sicht der Betroffenen zusätzliche Dringlichkeit, weil O'Brien eigentlich in den nächsten Tagen nach Rom aufbrechen wollte. Schließlich neige die Kirche dazu, "ihr System mit allen Mitteln zu schützen. Wenn das verbessert werden soll, muss es vielleicht ein bisschen auseinandergenommen werden", sagte eines der mutmaßlichen Opfer der Zeitung.

Der gebürtige Nordire O'Brien war bis auf kurze Unterbrechungen stets in der Diözese von St. Andrews und Edinburgh tätig, die für rund 110.000 Katholiken zuständig ist. Die Vorwürfe beziehen sich auf seine Amtszeit in zwei Priesterseminaren in den 1980er-Jahren. So soll er sich 1980 einem damals 18-Jährigen auf "unangemessene" Weise genähert haben. Der Mann ließ sich später zum Priester weihen, verließ den Beruf aber, als O'Brien 1985 zum Erzbischof berufen wurde.

Avancen nach Abendgebet

"Man nahm an, ich hätte mein Priesteramt aufgegeben, um zu heiraten. Das stimmt nicht. Ich gab es auf, um meine Identität zu wahren", erklärte der Mann nun seinen Schritt. Die drei anderen  mutmaßlichen Opfer arbeiten bis heute als Priester. Auch sie erinnern sich an "unangemessene" Avancen des Kardinals, einmal nach dem gemeinsamen Abendgebet, einmal bei einem Umtrunk.

O'Brien hat sich seit seiner Ernennung zum Kardinal 2003 als Verteidiger traditioneller katholischer Lehren einen Namen gemacht. Die auf der Insel liberal gehandhabte Stammzellforschung denunzierte er als "monströse Frankenstein-Forschung", Abtreibungen verglich er mit Massakern. Weil er die Schwulen-Ehe als "grotesken Unfug" bezeichnete, kürte ihn die britische Lobby-Gruppe Stonewall zum "Schwulenhasser des Jahres".  (Sebastian Borger aus London /DER STANDARD, 26.2.2013)

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    Kardinal Keith O'Brien tritt zurück.

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