Detroit ist ausgezehrt

Ansichtssache25. Februar 2013, 12:40
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Die einstige US-Autometropole hat im Gegensatz zu den Autobauern die Krise nicht überwunden, das Gespenst einer Pleite geht um

In Detroit wurde Amerikas erste Straße asphaltiert, die erste Stadtautobahn gebaut. Als Henry Ford 1914 damit begann, seinen Fließbandarbeitern ordentliche fünf Dollar am Tag zu zahlen, vor allem aber seit die Autogewerkschaft UAW später in harten Schlachten mustergültige Sozialstandards erkämpfte, wurde Detroit zur Wiege der amerikanischen Mittelklasse. Die US-Autometropole ist mit dem Automobil groß geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten hier 280.000 Menschen, 1950 knapp zwei Millionen.

Das Bild hat sich schon lange gewandelt: In der boomenden Nachkriegsära war Detroit die fünftgrößte Stadt Amerikas, jetzt rangiert sie auf Platz 18. "Lasst Detroit pleitegehen", hatte der Republikaner Mitt Romney 2008 postuliert. Schon seit Jahren ist die Rede von einer Stadt im Niedergang, begleitet von bekannten Randerscheinungen: Hohe Armut, Arbeitslosigkeit und ein beispielloser Exodus. Rund 700.000 Menschen sind geblieben, ein Drittel der Stadtfläche ist urbanes Brachland, fast jedes fünfte Haus steht leer. Die Arbeitslosenrate stieg seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts um 165 Prozent. In den 1950er Jahren arbeitete jeder zehnte Einwohner in der Industrie, 200.000 Arbeiter fanden in den Fabriken einen Job. Heute arbeitet nur noch jeder 50. im produzierenden Gewerbe, weniger als 20.000 Menschen. Die Einnahmen sinken rapide. Bevölkerungsschwund und explodierende Pensionslasten zehren die Stadt aus.

Auferstehung der Autoriesen

Mittlerweile haben die todgeweihten Autoriesen mit Hilfe der US-Industrie zu alter Kraft zurückgefunden. Und sie haben sich von ihrer Heimat abgekoppelt. Die schwere Krise der Autoindustrie war Präsident Obamas erste große Bewährungsprobe zu seinem Amtsantritt 2009. Er bewahrte die beiden Schwergewichte General Motors und Chrysler mit Steuermilliarden vor dem Bankrott.

Mehr als 85 Milliarden Dollar investierte die Regierung im Jahr 2009 in GM, Chrysler und etliche Zulieferer. Jetzt schreiben GM, Chrysler und Ford wieder hohe Gewinne. Das finanzielle Debakel der Stadt ist damit nicht gelöst. Der Kollaps der Steuerbasis ist der Hauptgrund für die finanziellen Probleme der Stadt. Auf weit über zehn Milliarden Dollar summieren sich ihre Schulden. Die Budgetprobleme der Stadt sind mittlerweile so groß, dass ihr jederzeit - eine Sache von Wochen oder Monaten, wie US-Medien spekulieren - das Geld ausgehen könnte.  Im schlimmsten Fall, so wird gemutmaßt, müsse Detroit einen Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 9 stellen. Die größte kommunale Pleite der USA würde damit drohen. (red, derStandard.at, 25.2.2013)

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Eine Renaissance erlebten zwar die Autoriesen, die Stadt profitiert aber nicht davon.

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