Abgaben sparen in Alberobello in Apulien

25. Februar 2013, 16:53
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Die schöne Stadt mit ihrer außergewöhnlichen Architektur wurde früher bei Kontrollen einfach abgebaut

Vollmundig versprach der ehemalige Premierminister Silvio Berlusconi Anfang Februar: Sollte er aus den Parlamentswahlen als neuer, alter Regierungschef hervorgehen, würde er die unpopuläre Immobiliensteuer wieder umgehend abschaffen. Als vollkommen überflüssiges Wahlzuckerl werden das manche Hausbesitzer in einer 12.000-Einwohner-Stadt Apuliens enttarnen. Sie mussten stets selbst dafür Sorge tragen, dass für ihre Wohnhäuser keine Abgaben verlangt werden konnten.

Alberobello ist bis heute für eine außergewöhnliche Architektur bekannt. Aber eben auch für die amüsanten Entstehungszusammenhänge vor mehr als 400 Jahren. Genauer gesagt, sieht diese apulische Kleinstadt letztlich nur deshalb so fesch aus, weil durch die seltsame Bauweise eine frühe Form der Immobiliensteuer umgangen wurde. Manch einer nennt die Stadt deshalb sogar schmunzelnd die "Architektur gewordene Steuersünde". Denn in Alberobello zerlegten die Einwohner ihre Häuser lange Zeit einfach in Einzelteile, damit sie bei Kontrollen nicht als solche erkannt wurden. Und zu allem Überfluss erhalten die Hausbesitzer heute sogar weitere finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite. An einen Abriss der illegalen Bestände ist jedenfalls längst nicht mehr zu denken, Alberobellos Schwarzbauten sind durch verschiedene nationale Gesetze in ihrem Bestand geschützt.

Steuersparender Graf

Ende des 16. Jahrhunderts ließen sich hier vermehrt Siedler und Bauern um den Adelssitz des hiesigen Grafen Giangirolamo II. Acquaviva nieder. Da jedoch der zuständige König von Spanien und sein Vizekönig in Neapel auf die Einhebung von Grundsteuern im Falle einer solchen Neusiedlung pochten, ließ sich Giangirolamo etwas einfallen: Jeder, der rund um das Anwesen des Grafen ein neues Haus errichten wollte, erhielt die Auflage, es nur in Trockenbauweise und mit einem losen Kegeldach aus dünnen Steinplatten zu errichten. Stabilisierender und dauerhaft bindender Mörtel war gänzlich tabu. Kündigten sich nämlich die Kontrollore der Könige an, wurden die Dächer und Mauern kurzerhand wieder abgetragen, die Baustoffe willkürlich gestapelt. Die losen Schotterhaufen und Steinplatten konnten auf diese Weise nicht als Siedlung erkannt werden, und somit wurden auch keine Steuern fällig.

Im Laufe der Zeit, mit regelmäßigeren Kontrollen, bekamen die Bewohner Alberobellos langsam Übung darin und entwickelten sich zu wahren Bauprofis. Das ständige Auf- und Abbauen wurde zu reiner Routine. Erst 1797 erhielt die Ansammlung der weißen Rundhäuser durch den bourbonischen König Ferdinand IV. ihre offizielle Anerkennung als Stadt. Bis dahin hatten die runden Bauten vermutlich schon Unsummen an Steuern eingespart und waren bereits früh das weithin bekannte Markenzeichen Alberobellos.

Als wäre das noch nicht genug, profitiert die Stadt bis heute doppelt von dieser eigenwilligen Art des Bauens. Sorgten die als Trulli bekannten Rundhäuser mit ihrem charakteristischen Kraggewölbe und dem Spitzdach einst dafür, dass der Geldbeutel der Besitzer nicht übermäßig durch den Staat angezapft wurde, bescheren sie nun auch der Gemeinde einen stetigen Zufluss: Rund 300.000 Touristen strömen jedes Jahr ins beschauliche Alberobello und lassen dort die Kassen klingeln.

Zusätzlich wird der Erhalt der historischen Hütchen sogar "zum Teil vom Staat finanziell unterstützt", wie Bürgermeister Michele Longo ungeniert verrät, weil er von dieser Investition überzeugt ist. Immerhin hat das 1996 auch die Unesco ganz ähnlich gesehen, als sie die ganze Stadt dank ihres gut erhaltenen historischen Teils als Weltkulturerbe auszeichnete. Die rund 1600 zauberhaften Zuckerhüte - ihre dunklen Steindächer haben stets eine weiß gekalkte Spitze - schmiegen sich sanft an den Berg Murgia und hinterlassen offenbar bei vielen einen bleibenden Eindruck. Den Gutachtern der Unesco konnte es jedenfalls gleich sein, unter welch steuersparenden Umständen die Trulli ursprünglich entstanden waren. Sie mussten nur von der Schönheit der Architektur überzeugt sein, um die alte Steuertrickserei aus Alberobello nun als geschütztes Welterbe quasi zu krönen.

Dass die Entstehungsgeschichte Alberobellos nicht einfach dem Reich der Legenden zugeschrieben werden kann, darauf legt man im hiesigen Rathaus aber großen Wert: "Schließlich gibt es dafür Dokumente und Zeugnisse", verlautet es aus dem Büro des Bürgermeisters. Und tatsächlich: Zumindest ein Fall aus dem Jahr 1644, als die Siedlung rasch demontiert wurde, weil wieder ein lästiger Steuereintreiber aus Neapel nahte, ist durch historische Papiere belegt. Der Bürgermeister selbst besitzt übrigens wie viele seiner Schäfchen ebenfalls noch eines der Steuersparhäuser in Form eines Trullo. Das scheint schon von daher hilfreich zu sein, weil Apulien bis heute als vom Wohlstand wenig verwöhnter Flecken europäischer Erde gilt, der vorwiegend von der Wein- und Olivenproduktion lebt. Und während der Norden Italiens selbstbewusst den Ruf des wirtschaftlichen Motors des Landes für sich beansprucht, tröstet man sich auf dem Absatz des Stiefels damit, dass hier wenigstens eine herzeigbare Episode der Steuerflucht geschrieben wurde.

Tür an Tür mit dem Fiskus

Der "gierige Fiskus" sitzt mittlerweile freilich nicht mehr im fernen Spanien oder in Neapel wie zu Giangirolamos Zeiten, auch wenn heute gelegentlich Europa Vorgaben von außen diktiert. Ein Kontrollor hat sich nur einige Trulli weiter einquartiert. "Alberobello gehört zwar zur Verwaltung Bari, hat aber einen eigenen Finanzbeamten, der sich um alle Steuersachen kümmert", erklärt Longo. Ein wachsames Auge kann er hier aber nur auf die Besitzer neuer Häuser werfen, denn die vielen Trullo-Bewohner wurden bereits vor Jahrzehnten endgültig von der Abgabenlast befreit. "Denkmäler zahlen eben keine Steuern", weiß man im Rathaus.

Den Apuliern in den Trulli kann es also letztlich egal sein, wer in Rom die Macht übernimmt - und den vielen Besuchern des seltsam und schön gewachsenen Steuermekkas sowieso. (Jens-Martin Trick, DER STANDARD, Album, 23.2.2013)

 

  • Die Trulli sind keine Seltenheit in Apulien, und man findet auch ältere Exemplare als jene in Alberobello. Allerdings geht nur mehr hier die Sonne hinter einem geschlossenen Ensemble aus insgesamt 1620 Rundhausdächern unter.

    Die Trulli sind keine Seltenheit in Apulien, und man findet auch ältere Exemplare als jene in Alberobello. Allerdings geht nur mehr hier die Sonne hinter einem geschlossenen Ensemble aus insgesamt 1620 Rundhausdächern unter.

  • Trullo ist nicht gleich Trullo: Die ältesten Stadtviertel von Alberobello sind die Viertel Monti und Aia Piccola. Im großzügigeren Stadtteil Monti, in dem mehr als 1000 Trulli mit ihrer ursprünglichen Baumasse stehen, befinden sich die sogenannten siamesischen Trulli, deren Dach aus zwei verbundenen Kegeln besteht. Die Feuerstelle ist niedrig, und es gibt keine Fenster. Die Charakteristik des Stadtviertels Aia piccola sind hingegen die gewundenen Gassen, deren Trulli der Enge anpasst wurden. Der höchste Trullo des Ortes ist der Trullo Sovrano, er hat zwei Stockwerke und beherbergt ein Museum sowie eine Frühstückspension.

    Trullo ist nicht gleich Trullo: Die ältesten Stadtviertel von Alberobello sind die Viertel Monti und Aia Piccola. Im großzügigeren Stadtteil Monti, in dem mehr als 1000 Trulli mit ihrer ursprünglichen Baumasse stehen, befinden sich die sogenannten siamesischen Trulli, deren Dach aus zwei verbundenen Kegeln besteht. Die Feuerstelle ist niedrig, und es gibt keine Fenster. Die Charakteristik des Stadtviertels Aia piccola sind hingegen die gewundenen Gassen, deren Trulli der Enge anpasst wurden. Der höchste Trullo des Ortes ist der Trullo Sovrano, er hat zwei Stockwerke und beherbergt ein Museum sowie eine Frühstückspension.

  • Der Flughafen Bari ist von Wien aus nur mit einer Zwischenlandung - etwa in Rom mit Alitalia - zu erreichen. Wer alternativ mit dem Zug anreist, muss aus Ostösterreich mindestens zweimal umsteigen, bei Abfahrt in Innsbruck nur einmal - zum Beispiel in Bologna. Alberobello ist von Bari in rund einer Autostunde zu erreichen - so oder so benötigt man einen Mietwagen, wenn man nicht ohnehin mit dem eigenen Auto anreist. Letzteres ist jedenfalls lohnend, wenn man hier auch die nahen Nationalparks Murge und Gargano oder kleinere Dörfer ansteuern möchte. Ausführliche Informationen beim Tourismusverband Puglia. Mehr unter www.viaggiareinpuglia.it/hp/de.

    Der Flughafen Bari ist von Wien aus nur mit einer Zwischenlandung - etwa in Rom mit Alitalia - zu erreichen. Wer alternativ mit dem Zug anreist, muss aus Ostösterreich mindestens zweimal umsteigen, bei Abfahrt in Innsbruck nur einmal - zum Beispiel in Bologna. Alberobello ist von Bari in rund einer Autostunde zu erreichen - so oder so benötigt man einen Mietwagen, wenn man nicht ohnehin mit dem eigenen Auto anreist. Letzteres ist jedenfalls lohnend, wenn man hier auch die nahen Nationalparks Murge und Gargano oder kleinere Dörfer ansteuern möchte. Ausführliche Informationen beim Tourismusverband Puglia. Mehr unter www.viaggiareinpuglia.it/hp/de.

  • In Alberobello selbst gibt es freilich zahlreiche Trulli, die auch Unterkunft bieten. Geschmackvoll hergerichtet wurde etwa das Le Alcove im historischen Zentrum, das den ursprünglichen Charakter eines Rundhauses trotz komfortabler Ausstattung bewahrte.
Als Alternative bietet sich unter anderem das kleine Hotel Borgobianco, das zwischen Alberobello und Polignano a Mare direkt am Meer liegt, über einen Spa-Bereich verfügt und einen idealen Ausgangspunkt für Erkundungen in die Region darstellt; Borgobianco Resort, S.C. Santa Teresa, 70044 Polignano Bari, Telefon: +39/(0)80/887 00 01

    In Alberobello selbst gibt es freilich zahlreiche Trulli, die auch Unterkunft bieten. Geschmackvoll hergerichtet wurde etwa das Le Alcove im historischen Zentrum, das den ursprünglichen Charakter eines Rundhauses trotz komfortabler Ausstattung bewahrte.

    Als Alternative bietet sich unter anderem das kleine Hotel Borgobianco, das zwischen Alberobello und Polignano a Mare direkt am Meer liegt, über einen Spa-Bereich verfügt und einen idealen Ausgangspunkt für Erkundungen in die Region darstellt; Borgobianco Resort, S.C. Santa Teresa, 70044 Polignano Bari, Telefon: +39/(0)80/887 00 01

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