Neu-Delhi: Taxi-Service für Frauen

25. Februar 2013, 11:36
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Seit dem tödlichen Vergewaltigungsfall im Dezember verzeichnen "Women only"-Transportservices regen Zulauf

Neu-Delhi - Chandni lenkt ihr weißes Taxi durch den brodelnden Verkehr der indischen Hauptstadt. Sie schlängelt sich an verbeulten Bussen vorbei, weicht FußgängerInnen aus, hupt chaotische kurvende Rikscha-Fahrer an und bremst als eine der wenigen an den roten Ampeln. Schließlich parkt sie zentimetergenau ein - und zieht sofort Blicke auf sich. "Sie schauen mich an wie ein Wunder", lacht sie.

Eine Frau hinterm Steuer ist in Indien noch immer keine Selbstverständlichkeit. Eine Taxi-Fahrerin ist eine kleine Sensation. "Aber ich hatte nie Sorgen, dass ich das nicht kann", sagt die 22-Jährige selbstsicher. Sie ist eine der Taxifahrerinnen von Sakha Consulting Wings,die als einziges Unternehmen in Neu Delhi einen Service von Frauen für Frauen anbieten. "Männer dürfen bei uns nur in weiblicher Begleitung zusteigen", sagt Geschäftsführerin Nayantara Janardhen.

Vielseitiges Training

Gegründet wurde das Unternehmen vor fünf Jahren zusammen mit der gemeinnützigen Schwesterorganisation Azad Foundation. "Wir wollen Frauen am Rande der Gesellschaft die Möglichkeit für ein Einkommen und die Chance zum Aufstieg bieten. Und zwar nicht in stereotypischen Jobs wie Nähen oder Sticken", sagt Janardhen. Die Erfolge seien erstaunlich: Weil diese Frauen nun oft das Haupteinkommen nach Hause brächten, dürften sie auch die Entscheidungen in der Familie treffen.

Das kostenlose Training dauert im Durchschnitt sieben Monate. "Normalerweise muss man in Indien keine Praxisstunden nehmen. Aber diese Frauen saßen als Kinder ja nie im Auto und kennen gar keine Regeln", erklärt Janardhen. Außerdem lernten die Frauen neben den Verkehrstraining auch Erste Hilfe und Englisch sowie Selbstverteidigung, ihre gesetzlichen Rechte und Sexualaufklärung.

"Sie sollen vielseitige Profis und vielseitige Persönlichkeiten werden", sagt sie. Außerdem geht die Mitarbeiterin Devi Banerjee mit ihnen zu den Behörden, die wegen ihrer Bürokratie gefürchtet sind. "Wenn sie da allein hingehen, werden sie herumgeschubst und niemand nimmt sie ernst", sagt Banerjee.

"Den öffentlichen Raum zurückgewinnen"

Neben den zehn Taxifahrerinnen gibt es fünfzig weitere, die als private Chauffeurinnen für Sakha unterwegs sind. Über mangelnde Aufträge kann sich das Unternehmen nicht beschweren. Seit der tödlichen Vergewaltigung in einem Bus im Dezember steht ihr Handy nicht mehr still, meint Janardhen. "Uns erreichen seitdem dreißig bis vierzig Prozent mehr Buchungen."

95 Prozent der Frauen in Neu Delhi gaben in einer jüngst veröffentlichten Studie der Frauenrechtsorganisation ICRW an, außerhalb des Hauses Angst vor sexueller Gewalt zu haben. Ein Viertel geht nach Sonnenuntergang gar nicht mehr allein vor die Tür. "Wir müssen den öffentlichen Raum zurückgewinnen", fordert Janardhen.

Die Fahrerinnen von Sakha dürfen auch privat die Taxis benutzen. Chandni jedoch nimmt diese Gelegenheit kaum wahr - sie hat andere Träume: Sie will Busfahrerin werden. Bisher steuert noch keine Frau einen öffentlichen Bus durch Neu Delhis Straßen. "Noch nicht!", meint Chandni. (APA/red, dieStandard.at, 25.2.2013)

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    Im öffentlichen Straßenbild in Indien sind immer mehr Frauentaxis zu sehen, wie etwa das Unternehmen "Forsche" von Revathi Roy in Mumbai.

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