Wachsende Verarmung der Italiener wurde im gehässigen Wahlkampf ausgespart

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Die Gehälter sind auf den Stand von 1986 zurückgefallen, der Konsum auf den Stand von 1950. Acht Millionen leben an der Armutsgrenze - Tendenz steigend

Maurizio ist 54 Jahre alt und leitete bis vor drei Jahren eine Baustelle mit 70 Beschäftigten. Auch seine Frau hatte einen guten Arbeitsplatz in Mailand. Beide hatten ihr Erspartes in den Kauf einer Wohnung investiert - das entsprechende Darlehen zahlten sie in Monatsraten ab. Dann verlor Maurizio seinen Arbeitsplatz, weil die Baufirma keine Aufträge mehr hatte. Wenig später wurde auch seine Frau entlassen. Sechs Monate konnten sie das Darlehen weiterzahlen. Dann wurde
ihre Wohnung von der Bank versteigert. Nach einigen Gelegenheitsarbeiten waren die beiden gezwungen, in ihrem Auto zu leben - bis der PKW von der Polizei beschlagnahmt wurde, weil die Verkehrssteuer nicht bezahlt worden war. Maurizios Frau war gezwungen, zu ihrer alten Mutter zu ziehen, er selbst lebte in einem kleinen Zelt am Stadtrand von Mailand. Beklemmende Armutsgeschichten dieser Art lassen sich etwa auf der Webseite der sozialen Stiftung Condividere dutzendfach nachlesen.

Sie belegen ein Phänomen, das im Wahlkampf kein Thema war: die wachsende Armut und den sozialen Kahlschlag in Italien. 8,2 Millionen Italiener sind von Armut betroffen, davon sind 3,4 Millionen nach Angaben des Zentralinstituts für Statistik "absolut arm". Das Einkommen der Bevölkerung ist auf den Stand von 1986 zurückgefallen. Pro Woche werden bis zu 1000 Wohnungen versteigert, deren Besitzer ihre Darlehen nicht mehr bezahlen können. Eine Prognose des Ökonomen Alberto Quadrio Curzio veranschaulicht die Dramatik der Lage: Bis 2017 wird das Bruttosozialprodukt Italiens bestenfalls auf den Stand von 2007 klettern. 86 Prozent der Familien sind zur Kürzung ihrer Ausgaben gezwungen, 41 Prozent schaffen es kaum bis zum Monatsende. Die Rezession hält auch 2013 an, die Anzahl der Arbeitslosen steigt auf 12 Prozent. Jeder dritten Jugendliche ist arbeitslos. Der Konsum der Familien ist im abgelaufenen Jahr um 3,2 Prozent gefallen - auf der Stand der Nachkriegsjahre. 364.000 Betriebe wurden 2012 zur Schließung gezwungen - tausend pro Tag. Bizarr genug, daß Italien in dieser Situation 13 Milliarden Euro für
den Kauf von F35-Kampfflugzeugen ausgeben kann.

 

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