Kaplan zwischen Schlierenzauer, Society und Satire

24. Februar 2013, 19:09
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Jörg Walcher nennt sich lieber Olympic Chaplain als Sportkaplan. Der Schladminger stellt sich wie aktuell in großen, fordernden Zeiten den österreichischen Skispringern zur Verfügung. In der Schweiz ist er aber auch dank seiner Familie wesentlich bekannter

"... doch die, die auf den Herrn warten, gewinnen neue Kraft. Sie schwingen sich nach oben wie die Adler." Nicht Frank Stronach, der mit den Hühnern picken ja auch strikt ablehnt, nein, Jesaja soll zuweilen Gregor Schlierenzauer beflügeln. Der Tiroler hat sich am Samstag mit Silber auf der Normalschanze die siebente WM-Medaille, die insgesamt 15. bei einem Großbewerb besorgt - quasi höher schwang sich an diesem Abend nur der Norweger Anders Bardal. Der 30-Jährige griff sich nämlich sein erstes Gold.

Das mit dem Propheten ist in einem Interview mit Schlierenzauer zu lesen, das in der "Wintersport-Bibel" (SCM R.Brockhaus, Witten, 2012, 595 Seiten, 9,90 Euro) abgedruckt ist. Geführt hat es Mitherausgeber Jörg Walcher, ein Schladminger mit bemerkenswertem Lebensweg, der den 39-Jährigen ins Zentrum der österreichischen Skispringerei und also aktuell auch nach Predazzo führte. Dort bietet Walcher, ein weitschichtiger Verwandter des 1984 tödlich verunglückten Abfahrtsweltmeisters Sepp Walcher, Sportlerinnen und Sportlern besinnliche Minuten des Beisammenseins, "eine Zeit der Ruhe, weg vom Blick der Medien". Und das alles unentgeltlich.

Olympic Chaplain

Diese Mission ist auch insofern offiziell, als der keinem Experiment abholde Cheftrainer Alexander Pointner von Walchers Wirken seit ihrem Erstkontakt anlässlich der Olympischen Spiele in Vancouver recht begeistert ist. Dort war noch Bernhard Maier, bis zu seinem Rücktritt im Vorjahr 30 Jahre lange Österreichs Sportpfarrer des Vertrauens, für Innehalten, Trost und Rat zuständig gewesen.

Jörg Walcher war als sogenannter Olympic Chaplain in Kanada akkreditiert, der seine Dienste nach dem tödlichen Trainingsunfall des Rodlers Nodar Kumaritaschwili auch dem georgischen Team entbot. Seither hält der Kontakt zu Österreichs Skispringern bei Großereignissen, "vor denen wird kurzfristig entschieden, wann Bedarf besteht", sagt Walcher, der auch bei der alpinen WM in Schladming zugegen war.

Öffentlichkeit ist dem ehemals nicht rasend erfolgreichen Snowboarder vor allem in der Schweiz beschieden. Jörg Walcher, Jacqueline Walcher-Schneider (40) und deren drei Töchter (Joy, Jessie, Jolina) leben im Kanton Thurgau am Bodensee. Jacqueline Walcher-Schneider war mehrfach Schweizer Meisterin im Wasserspringen, Olympia- und WM-Finalistin.

In der Society

Die einschlägig multipel Ausgebildete taucht zu den Themen Fitness, Gesundheit und Ernährung regelmäßig in Schweizer Medien auf, in der Zeitschrift des Handelsriesen Migros, und sie ist Hauptautorin des Buches "Das Wellbeing-Prinzip: Gesund leben. Glücklich sein", in dem auch das schöne Motto "aufblühen statt ausglühen" zu lesen ist.

Aber auch die Society-Berichterstattung kommt auf ihre Kosten. Im Vorabendmagazin glanz & gloria des Schweizer Fernsehens brillierten Jörg Walcher und seine Frau anlässlich ihres neunten Hochzeitstages in der " Du oder Ich" genannten Harmonieprüfung mit hundertprozentiger Übereinstimmung. Für noch mehr Aufsehen sorgte ein Artikel im Blick zum Thema neue Keuschheit. In dem bekannte das Paar zum Gaudium diverser Satiremagazine, mit dem ersten Kuss bis zum Gang vor den Traualtar gewartet zu haben ("Man soll das Feuer nicht vor seiner Zeit entzünden" ).

Zu Gott, bekannte Walcher in diesem Artikel auch, habe er mit 22 Jahren gefunden. Zwischen 2002 und 2006 studierte er, zum Teil aus der Ferne, am Fuller Theological Seminary in Pasadena, Kalifornien. Davor und danach hat Walcher Ausbildungen angehäuft. Die eindrucksvolle Liste ist auf der Homepage des Ehepaares nachzulesen. Ebenso wie Referenzen, etwa Weltrekord-Weltcupsieger Gregor Schlierenzauer. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 25.02.2013)


  • Walcher bietet "eine Zeit der Ruhe".
    foto: archiv

    Walcher bietet "eine Zeit der Ruhe".

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