Fleischskandal: Neue EU-Nahrung für Skeptiker

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  • Futtermittel im Labortest: Die Rückkehr von Tiermehl in die Legalität stellt das Konsumentenvertrauen erneut auf die Probe, sagt Georges Desrues.
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    Futtermittel im Labortest: Die Rückkehr von Tiermehl in die Legalität stellt das Konsumentenvertrauen erneut auf die Probe, sagt Georges Desrues.

Das im Zuge der BSE-Krise vor zwölf Jahren erlassene Verbot von Tiermehl als Futtermittel soll nun per EU-Beschluss teilweise aufgehoben werden. Bedenklicher könnte das Timing des geplanten Unbedenklichkeitsversprechens wohl kaum sein.

Wie appetitanregend: Mitten in die sogenannte Pferdefleischkrise platzte vergangene Woche die Nachricht, dass die Europäische Union das Verbot von Tiermehl in Tiernahrung noch im Laufe des Jahres aufheben wird. Bekanntlich war das Füttern von Nutztieren mit Nahrung tierischen Ursprungs seit 2001 verboten, weil man es für die Entstehung und Ausbreitung des sog. "Rinderwahns" verantwortlich machte, was Mitte der 1990er-Jahre zur BSE-Krise führte, in deren Verlauf zehntausende Tiere notgeschlachtet werden mussten.

Ab 1. Juni soll nun Tiernahrung, die aus zermahlenem Fleisch und Knochen erzeugt wird, wieder zugelassen werden - wenn auch vorerst nur für Zuchtfische. Ab 2014 wird allerdings erwogen, die Zulassung auch auf Hühner- und Schweinenahrung auszuweiten.

In erster Linie, lässt die EU verlautbaren, geschehe das aus wirtschaftlichen Überlegungen, weil die Bestände an wildem Fisch stark rückgängig sind und somit die Nahrung für die Zuchtfische seltener und folglich teurer wird. Auch die Hühner- und Schweinezüchter werden es vermutlich begrüßen, über eine Proteinquelle für ihre Tiere zu verfügen, die billiger kommt als das gleichfalls immer teurer werdende Soja.

Nun könnte man als Konsument mit gutem Willen womöglich sogar eine ökologische Rechtfertigung darin erkennen, dass man die verhältnismäßig billigen Proteine, die bei der Schlachtung anfallen, nutzen will, um einerseits die Bestände an Wildfisch zu schonen und andererseits eine Alternative zu Getreide zu schaffen, das riesige Anbauflächen benötigt sowie große Mengen an Wasser, an chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmittel und an fossilen Rohstoffen für die Bearbeitung der Felder. Und das zudem - vor allem im Fall von Soja - häufig genmanipuliert ist oder von genmanipulierten Pflanzen kontaminiert wurde.

Die Union verspricht jedenfalls, dass diese Futtermittel gesundheitlich unbedenklich, Formen von sogenanntem Kannibalismus verboten, und Wiederkäuer von der Genehmigung ausgenommen sein werden. Unbedenklich sollen sie sein, weil nur aus Bestandteilen erzeugt, die auch für die menschliche Nahrung zulässig sind.

Verbot von Kannibalismus bedeutet, dass nicht etwa Schweine mit Schweinefleisch und Hühner mit Hühnerfleisch gefüttert werden dürfen. Und Wiederkäuer bleiben ausgenommen, weil sie reine Pflanzenfresser sind und es als naturwidrig gilt, sie mit Fleisch zu füttern - auch wenn das, bis zum Verbot nach der BSE-Krise, über hundert Jahre der Fall war. Und auch wenn es stimmen mag, dass wohl auch eine auf der Weide grasende Kuh das eine oder andere Insekt, den einen oder anderen Wurm verschluckt.

Nun könnte man freilich noch besseren Willen aufbringen und vom Verdacht absehen, die Brüsseler Beamten würden das Verbot nur aufheben, um den Profit der Lebensmittelindustrie zu steigern. Ja, man könnte sogar gutgläubig genug sein, um anzunehmen, dass es ihnen um den Schutz der Umwelt geht. Und schließlich könnte man auch darauf vertrauen, dass die erwähnten Einschränkungen ausreichen werden, um die Gesundheit des Konsumenten zu schützen.

Das Problem ist nur, dass die Anwendung genau dieser Einschränkungen von der Anständigkeit der Erzeuger abhängig ist - oder von funktionierenden Kontrollen durch die Behörden. Wie wenig man sich aber sowohl auf das eine als auch auf das andere verlassen kann, haben die Ereignisse der vergangenen Tage gezeigt. Darum ist der Zeitpunkt dieser Gesetzesänderung denkbar schlecht gewählt - auch wenn ihre Bekanntmachung in der Aufregung über die Pferdefleischlasagne fast untergegangen ist. (Georges Desrues, DER STANDARD, 25.2.2013)

Georges Desrues, in Frankreich geboren und in Wien aufgewachsen, lebt als freier Publizist in Italien.

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