Wahlboykott in Ägypten: Gefährliches Spiel

Kommentar |

Es besteht die Gefahr, dass das Vakuum, das die gemäßigte Opposition hinterlässt, von viel radikaleren Kräften gefüllt wird

Ein Wahlboykott ist ein zweischneidiges Schwert - an dem sich auch derjenige verletzen kann, der es zieht. Der ägyptische Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei fordert sein Lager auf, nicht zu den Parlamentswahlen, die Ende April beginnen, zu gehen. Einen so halb garen demokratischen Prozess will er nicht unterstützen. Er überlässt ihn anderen.

Aber ist das klug? Im Gegensatz zu den ersten Wahlen treten die Islamisten nicht mehr als supersaubere Alternative zu dem an, was vorher war. Die Muslimbrüder haben viele ihrer Wähler und Wählerinnen durch ihren brutalen Willen zur Macht und ihr evidentes Unverständnis für demokratische Grundregeln verschreckt. Die Salafisten sind untereinander gespalten und mit den Muslimbrüdern schwer verkracht. Schon früh hat der islamistische Sektor vorgeführt, dass er auch nur von dieser Welt ist.

ElBaradei und seine Verbündeten - wenn diese beim Boykott mitmachen - riskieren zweierlei: erstens, dass die Islamisten das Feld alleine bespielen werden, schwächer, aber dafür ohne Gegner. Zweitens besteht die Gefahr, dass das Vakuum, das die gemäßigte Opposition hinterlässt, von viel radikaleren Kräften gefüllt wird. Es gibt sie bereits - Stichwort "schwarzer Block" -, sie werden romantisiert, weil sie gegen die bösen Muslimbrüder sind. Auch die liberale Opposition ElBaradeis spielt mit ihnen. Wenn sie sich nur nicht als der Besen des Zauberlehrlings erweisen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 25.2.2013)

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