Raum für Energie-Autobahnen gesucht

  • Einer der Knotenpunkte eines "Super Grids" zur Entlastung bestehender EU-Netze und damit erneuerbare Energie bis 2030 könnte in Österreich liegen. Fixiert werden die Routen EU-weit in sogenannten Transeuropäischen Netzen (TEN) wie im Verkehr. Einen Masterplan gibt es noch nicht.
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    Einer der Knotenpunkte eines "Super Grids" zur Entlastung bestehender EU-Netze und damit erneuerbare Energie bis 2030 könnte in Österreich liegen. Fixiert werden die Routen EU-weit in sogenannten Transeuropäischen Netzen (TEN) wie im Verkehr. Einen Masterplan gibt es noch nicht.

Der Ausbau erneuerbarer Energien wird forciert. Die Leitungsnetze halten mit den Anforderungen von Strom aus Wind, Sonne und Biomasse nicht mit

Wien - Energiewende und Klimawandel haben neben technischen Herausforderungen an bestehende Übertragungsnetze auch eine räumliche Dimension: Sie brauchen Platz. In Österreich scheint diese Botschaft noch nicht flächendeckend angekommen zu sein. Bis dato ist nicht einmal die Raumordnung für den Lückenschluss der dringend notwendigen 380-KV-Leitung gesichert, 2015 beginnt erst die Umweltverträglichkeitsprüfung für den Versorgungsknoten Salzburg / St. Peter, der für die Stromverbindung nach Deutschland essenziell ist.

Da Starkstromautobahnen betreffend Leitungsbau und Masten mit herkömmlichen Autobahnen vergleichbar sind, könnte es bereits in den Jahren 2020 bis 2030 eng werden - bis hin zu Blackouts, warnen Raum- und Energieplaner. Denn der Platz zum Ausbau dieser Infrastruktur ist großteils nicht verfügbar - im Alpenraum mangels bebaubarer Fläche in begrenzten Siedlungsräumen sowie in städtischen Ballungsräumen, weil E-Autobahnen automatisch nah an Stadtzentren herankommen und so auf massiven Widerstand in der Bevölkerung stoßen.

Den Rest erledigen Bevölkerungswachstum und Zersiedelung. Laut Statistik Austria wird die Bevölkerung Österreichs bis 2030 um eine halbe Million Menschen zunehmen, bis 2050 gar um eine Million. Effizienter Siedlungsentwicklung kommt vor diesem Hintergrund eine Schlüsselrolle zu, findet 75 Prozent des Wachstums doch in Einfamilienhäusern statt. Der Siedlungsflächenverbrauch ist zwar rückläufig, wird aber teilweise vom Bevölkerungswachstum egalisiert.

Reserven statt Zersiedelung

Wiewohl sich Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum entkoppelt haben - der Energieverbrauch ist von 2001 bis 2010 gleich geblieben -, empfehlen Raumplaner die Bildung von Flächenreserven für zusätzlichen Leitungsbau. " Einmal Verbautes ist schwierig anders zu nutzen", sagt Regionalplaner Helmut Hiess vom Ziviltechnikbüro Rosinak & Partner mit Verweis auf aufwändige Umwidmungsverfahren und Enteignungen, die notwendig sind, wenn zersiedelte Regionen, im Fachjargon "versiegelt" genannt, wieder zugänglich gemacht werden müssen.

Hiess hat maßgeblich am Österreichischen Raumentwicklungskonzept (ÖREK) mitgearbeitet, die Basis für Raumordnung und Regionalentwicklung der Österreichischen Raumordnungskonferenz. Als klassischen Fall einer Fehlentwicklung, die bei Stromautobahnen unbedingt vermieden werden sollte, nennt Hiess den Westbahnabschnitt Wels-Salzburg. Da seien in praktisch alle vorgesehenen Trassen zugesiedelt worden. Die Trassenführung wird dadurch erheblich teurer, Lärmschutz notwendig.

Das Problem bei der Energiewende: Große Freiräume für den Leitungsbau ohne Nähe zu Siedlungen gibt es in Österreich gar nicht nicht mehr, in Tirol und Vorarlberg ist der Siedlungsraum insgesamt begrenzt. Auch Fläche für Produktionsstandorte für Windenergie, Sonne (Photovoltaik) und Biomasse könnte Mangelware werden, wodurch der "haushälterische Umgang mit Grund und Boden" in den Vordergrund geschoben wird, wie es in der Agrargesellschaft üblich war.

Schwierige Reservierung

Zur Veranschaulichung: Von 1950 bis 1995 gingen landwirtschaftliche Nutzflächen um 20 Prozent zurück. Im fast gleichen Zeitraum (bis 2010) haben sich die Siedlungsflächen verdoppelt, während die Bevölkerung nur um 20 Prozent zugenommen hat.

Dass die E-Autobahnen überflüssig werden könnten, weil billiges Schiefergas den Energiepreisanstieg insgesamt dämpfen und somit die Korridore überflüssig werden, glaubt Raumplaner Hiess eher nicht. Aber selbst wenn: Die Reservierung von Korridoren sei schwierig und sicher eine Herausforderung, "es ist aber trotzdem wichtig, sich raumordnerisch alle Optionen offenzuhalten". Dabei sind rechtlich komplexe Materien zu koordinieren und abzustimmen bis hin zu Bundesstraßen- und Starkstromwegegesetz. Gefordert ist Kooperation diverser in der Raumordnungskonferenz unter Führung des Bundeskanzleramts versammelten Körperschaften von Bund, Ländern und Gemeinden. Die in dem Raumordnungskonzept definierten Ziele neben der Trassensicherung für E-Autobahnen: Flächenausweisung für erneuerbare Energieträger, Energieleitplanung, rechtsverbindliche Reservierung von Retensionsflächen und Flächensparende Widmungen.

Die Energiewende wird den Ausbau volatiler Kraftwerkskapazitäten auch nach 2020 notwendig machen. Windenergie, Photovoltaik und Pumpspeicherkraftwerke werden zu massiven Lastflüssen in den Übertragungsnetzen führen. Laut Masterplan der für Netzausbau zuständigen Verbund-Tochter APG summieren sich Ausbau und Aufrüstung bestehender Anlagen in Österreichs Nachbarländern Tschechien, Slowakei, Ungarn auf 5600 Megawatt. Es braucht also stärkere und neue Leitungen.

 

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