Kinostart von "3096 Tage": Wäre Kampusch ein Mann

Kommentar |

Beim abgründigen Hass gegenüber Natascha Kampusch spielt auch Sexismus mit

Die Fragen, die Günter Jauch vor wenigen Tagen in seiner Talkshow an Natascha Kampusch richtete, waren - für österreichische Zuseher - ungewöhnlich direkt. Er sprach Kampusch etwa auf ihren sexuellen Missbrauch an. Dieser wird in dem auf Kampuschs Buch basierenden Film "3096 Tage", der heute Kinopremiere hat, gezeigt. Kampusch hielt sich tapfer. Auch als Jauch nach dem Grund vom "Hass der Masse" gegen sie in ihrem Heimatland fragte - und Onlineforen der "Kronen Zeitung" zitierte.

Dieser abgründige Hass herrscht nicht nur in Boulevard-Foren. Wo kommt er her? Eine Denkübung: Man stelle sich vor, ein kleiner Bub wäre 1998 in ein Auto geschleift, acht Jahre eingesperrt und missbraucht worden, hätte sich als junger Mann selbst befreit und sich erlaubt, seine Geschichte - so gut er es nach dem Erlebten kann - selbst zu erzählen.

Ja, es ist auch Sexismus, der hier mitspielt. Selbstbewusstsein wird als Arroganz ausgelegt, Stärke als Härte, Tränen nicht als Sensibilität, sondern als Mitleidheischen.

Das erinnert an den 1977 erschienenen utopischen Roman "Die Töchter Egalias" der Norwegerin Gerd Brantenberg. In dem Roman müssen Männer mit Diskriminierungen leben, die in Wahrheit Frauen tagtäglich als "normal" erleben. Diese Denkübung der Umkehrung empfiehlt sich auch bei tiefsitzenden rassistischen oder religiösen Stereotypen. Einige Fragen stellen sich dann nicht mehr. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 25.2.2013)

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