Die Entdeckung der Langsamkeit

Porträt | Christian Hackl
24. Februar 2013, 17:55
  • Judith Wiesner während ihrer letzten Partie in Wimbledon. Im Juni 1997 unterlag die damals 31-Jährige der Französin Nathalie Tauziat in der dritten Runde.
    foto: epa/penny

    Judith Wiesner während ihrer letzten Partie in Wimbledon. Im Juni 1997 unterlag die damals 31-Jährige der Französin Nathalie Tauziat in der dritten Runde.

  • Judith Wiesner gegen Mary Pierce. Pierce gewann in der dritten Runde 6:2 und 6:4.

  • Spaß: Huber/Becker vs. Wiesner/Skoff.

Judith Wiesner war die verlässlichste österreichische Tennisspielerin. Neun Jahre zählte sie zu den Top 20

Mattsee - "Manchmal", sagt Judith Wiesner, und sie wundert sich darüber sehr, träumt sie vom Tennis. "Es sind merkwürdige Träume. Der Bespanner ist verschwunden, die Schläger haben keine Saiten, ich verlaufe mich auf der Anlage und finde den Platz nicht. Schrecklich." Im Wachzustand lacht sie dann über diesen Blödsinn, ihr Ehemann Roland Floimair hört die alten Geschichte übrigens sehr gerne.

Judith Wiesner heißt seit 2001 Wiesner-Floimair, geboren wurde sie am 2. März 1966 in Hallein als Pölzl. Die junge Frau Pölzl hat im Alter von 21 Jahren Herrn Heinz Wiesner geheiratet. Heinz, er war und ist immer noch um 19 Jahre älter, hat ihre Karriere begleitet, er saß praktisch bei jedem Match auf der Tribüne. Abgeschottet in einem Eck, denn Heinz hat sich während der Partien Zigaretten in der Kette reingezogen. "Der war nervöser als ich." Dass die Ehe irgendwann in die Brüche gegangen ist, kann, muss aber nicht dem Tennis umgehängt werden. "Beziehungen scheitern eben."

Judith Wiesner führt "ein glückliches, ruhiges Leben". Roland und sie wohnen in einem Haus über dem Mattsee, der Blick ist wunderbar, zuletzt wurde ihnen eine märchenhafte Winterlandschaft hingemalt. Stundenlang könnte sie aufs zugefrorene Wasser schauen. Man genießt die Zweisamkeit, Roland war Pressesprecher der Salzburger Landesregierung, er ist nun 64 und Pensionist.

Ausflug in die Politik

Eigentlich wollte Judith Wiesner nach ihrer Karriere nie wieder in ein Flugzeug steigen, das hat sie selbstverständlich nicht durchgehalten. Unlängst waren die beiden in Südafrika. Und dorthin kommt man sicher nicht mit dem Fahrrad. Kiloweise Bücher nehmen sie auf die Reisen mit. " Unser Übergepäck besteht aus Lesestoff." Sie kann noch Spektakuläres wie " Bekannte und Freunde treffen, regelmäßige Theaterbesuche und Kochen" anbieten.

Durch Roland ist sie in die Politik geraten. Von 1999 bis 2004 diente sie der ÖVP als Klubobfrau im Salzburger Gemeinderat. "Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Man wird geerdet, lernt die Probleme der Leute kennen." Prinzipiell sei die Politik aber schon frustrierender als der Spitzensport. "Weil nicht immer der Bessere gewinnt." Der Salzburger Finanzskandal sei "ein Wahnsinn, eine Katastrophe. Da wird ein Land in den Abgrund geführt." Im Wahlkampf wird sie für Wilfried Haslauer aktiv sein.

Tennis statt Mauer

Judith Wiesner ist als Kind eine passable Skifahrerin gewesen. "Ich war leider eine Bruchpilotin, keine Hausmauer ist vor mir sicher gewesen." Also doch Tennis, nicht zuletzt der Baupolizei zuliebe. Ihr Talent wurde früh erkannt und sogar gefördert. Der Vater arbeitete als Dreher, die Mutter als Verkäuferin, das Einkommen reichte allemal für die eine oder andere Unterrichtsstunde im Salzburger Tennisklub. 1983 startete sie ihre Profikarriere, die sollte bis 1997 dauern und fünf Turniersiege beinhalten. Neun Jahre hat sich Wiesner in den Top 20 gehalten, 1997 war sie die Nummer zwölf.

Zweimal schmückte sie das Masters, in Wimbledon und bei den US Open stand sie im Viertelfinale. Siebenmal kam sie bei Grand-Slam-Turnieren ins Achtelfinale, vornehmlich in Wimbledon. 1,8 Millionen Dollar Preisgeld hat sie schlussendlich eingespielt. "Das klingt viel, man muss aber die Steuern und Spesen abziehen."

Ihre Karriere hat sich mit jener von Thomas Muster überschnitten. " Einerseits hat man schon vom Boom profitiert, andererseits stand man im Schatten. Habe ich ein Match gewonnen, war es bei dem Kerl gleich ein ganzes Turnier. Er hatte die Schlagzeilen, ich die Ruhe." Judith Wiesner sagt, "dass ich ein Egoist war, krankhaft ehrgeizig. Bevor ich verliere, wäre ich lieber gestorben." Sie hat trotz Niederlagen überlebt.

Nett

Ein richtiger Ungustl dürfte sie freilich nie gewesen sein. 1991 wurde sie von den Kolleginnen zur nettesten und fairsten Spielerin auf der Tour gewählt. Elfmal hat sie gegen die legendäre Steffi Graf verloren, gegen Jennifer Capriati, Jana Novotna oder Arantxa Sanchez-Vicario tat sie sich etwas leichter. 1990 ist sie im Finale von Key Biscayne hinter Monica Seles Zweite geworden.

"Wimbledon", sagt Wiesner, "ist die schönste Erinnerung. Der Center Court erfüllt dich mit Demut. Bevor du rausgehst, liest du einen Spruch. Egal ob du gewinnst oder verlierst, es ändert dein Leben nicht, heißt es sinngemäß." Das Ende war relativ abrupt, aber doch absehbar. "Ich war dauernd krank, litt am Pfeiffer'schen Drüsenfieber, war psychisch und physisch nicht mehr in der Lage, Spitzensport zu betreiben. Der Pensionsschock blieb mir erspart, ich habe Golf als Ersatz gefunden."

Judith Wiesner hat die Langsamkeit entdeckt. "Früher hattest du nie Zeit. Sogar nach einem Turniersieg bist du gleich duschen gegangen, hast schnell die Sachen gepackt, um den Flieger noch zu erwischen. Das Genießen blieb auf der Strecke. Aber es war trotzdem schön."

Ästhetischer Federer, stöhnende Asarenka

Hin und wieder schaut sie im Fernsehen Tennis. "Es muss etwas Besonderes sein." Den Roger Federer mag sie sehr ("Ein Ästhet"), den Andy Murray hält sie hingegen überhaupt nicht aus. Murray wird darüber hinwegkommen. Die Victoria Asarenka sei eine hervorragende Spielerin. " Allerdings muss man den Ton abdrehen, ihr Gestöhne ist nicht auszuhalten. Das gilt auch für Maria Scharapowa. Im Vergleich dazu war die Monica Seles stumm." Wiesner unterstützt das Turnier in Bad Gastein als Botschafterin, das war's mit dem Tennis. Barbara Schett ist eine gute Freundin geworden, eine weniger nette Erinnerung sind chronisch gereizte Achillessehnen. "Es gibt schlimmere Schicksale. Hochspringerin will ich eh keine mehr werden."

Judith Wiesner sitzt im Wohnzimmer und schaut runter auf den zugefrorenen Mattsee. "Ich kann kaum erwarten, dass es Sommer wird und ich ins Wasser springen kann." Ein bisserl Ungeduld ist geblieben. Und der Traum von Schlägern ohne Saiten. (Christian Hackl, DER STANDARD, 25.02.2013)

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Eine ganz nette Person - bescheiden und bodenständig

Danke für das nette Interview. Man erinnert sich gerne. Alles Gute - zum Glück ist auch ein Herr TM bereits Geschichte. Und somit wurscht, was er einmal angeblich über JW gesagt haben könnte...

bis 2004 für die övp, zwar im gemeinderat

aber das spekulationsdesaster hat damals schon seinen lauf genommen

von der övp initiert, von der övp immer begleitet, und haslauer war immer informiert
die roten haben bereitwillig und mit inkompetenz assistiert, aber die schwarzen hirinis können sich sicher nicht abputzen

und so unkritische handlanger, und das wäre noch der beste fall, sind teil des problems

Ist ihr gegenüber ungerecht,

aber da fällt mir der Krynedl Franz ein mit der wohl taktlosesten Frage aller Zeiten, die ein Journalist einem Sportler je gestellt hat. Nach dem Ausscheiden bei den US Open glaub ich war es, als er vor laufender Kamera bei der Ursachenforschung für die Niederlage betrieb: "Ein bisserl fest simma schon Judith." (müsste den O-Ton ziemlich genau treffen)
Sie hat um Worte gerungen ...

also, ich sehe hier keine frage, sondern eine feststellung ; ) (aber wild ists schon)

nun, die reporter sollen fragen zu taktik, zustand diverser verletzungen und so weiter stellen, aber wenn ein sportler sichtbar nicht austrainiert ist, dürfen sie nicht danach fragen?

oder darf man diese frage nicht stellen, weil es sich um eine frau handelt und sich das nicht gehört?
damals bei ronaldo hatte niemand ein problem damit, und bei dem ist das durch eine krankheit bedingt. und diverse blade österreichische stehkicker wurde diesbezüglich auch immer aufgezogen - warum sollte man denn eine tennisspielerin da ausklammern? (aktuelle gibts in dieser kategorie ja wieder so eine österreicherin...)

wenn ein trainingsrückstand offensichtlich ist, gehört das thematisiert - ist ja der job des sportlers, fit zu sein.

heute schreibt man "die entdeckung der langsamkeit" und gibt vor was anderes zu meinen :)

<strike>bei der</strike>

Pölzl heiratet Wiesner, wird in Wiesner umbenannt, lässt sich von Wiesner scheiden, bleibt Wiesner, heiratet Floimair, heißt nun Wiesner-Floimair nach dem Ex und dem Jetzigen, der ursprüngliche Name ist auf immer und ewig verschwunden.

A Waunsinn, das germanische Identitätsverständnis.

bei Polzer hätt ichs verstanden.

laut T.Muster war sie

a) schon in ihrer profizeit übergewichtig und nicht austrainiert
b) in der lage ihre Wäsche selbst zu waschen...

rofl

A) trifft auch auf den horsti zu :).

(siehe video)

B) wahrscheinlich nicht

RIP

bei allem respekt

politisch dürfte sie ein bisschen naiv sein.

scheint so

schöne headline!

dürfte auf ältere Männer stehen...;-)

meinen's den haslauer? ;)

Das Übergepäck wegen der kiloweisen Bücher...

...auf Reisen lässt sich mit einem E-Reader vermeiden.

Hehe
http://www.ebay.de/itm/Judit... 19d142b96f
Immer wieder gut die Serie, auch wenn ich mich dann immer wirklich als alter Sack fühle. :-)

"Der Salzburger Finanzskandal sei "ein Wahnsinn, eine Katastrophe. Da wird ein Land in den Abgrund geführt." Im Wahlkampf wird sie für Wilfried Haslauer aktiv sein."

damit das land aus dem abgrund auch nie wieder rauskommt?

Judith Wiesner, Barbara Paulus, Beate Reinstadler, Petra Ritter...

Meine Güte, waren das Zeiten...habe damals per Hand die Tableaus der Grand-Slam-Turniere vom Teletext auf Papier übertragen und dann jeweils die Sieger fortgeschrieben - dabei hatten die ÖsterreicherInnen immer einen eigene Farbe und ich freute mich immer riesig, wenn die Farbe in höheren Runden vertreten war.

barbara schett ...

... war/ist nett.

Klaro, aber schon eine andere "Generation" als die von mir oben erwähnten Damen.

nicht zu vergessen Petra Schwarz

die 1994 völlig überraschend ins Viertelfinale der French Open eingezogen ist! http://de.wikipedia.org/wiki/Petr... arz-Ritter

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