Selbstverbrennung in Bulgarien: Ein neuer Jan Palach

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Der Bulgare Plamen Goranow hat versucht, sich selbst zu verbrennen. Nun wird er mit Jan Palach in Prag 1969 und dem Tunesier Mohamed Bouazizi verglichen

Er ging zum Rathaus von Varna mit zwei Plastikflaschen Benzin und einem Ultimatum: "Rücktritt von Kiro und allen Abgeordneten bis zum 20. Februar, 5 Uhr". Plamen Goranow kippte sich vergangenen Mittwoch fünf Liter Benzin über den Kopf und zündete sich vor dem Rathaus an. Der 36-Jährige war am Samstag noch am Leben, mit mehr als 80 Prozent Verbrennungen am Körper. Das Schild mit dem Ultimatum an den Bürgermeister von Varna, so kam nun heraus, hat ein Stadtbediensteter weggenommen, gleich, als alles vorbei war. Kiril Jordanow (Kiro) trat nicht zurück und auch nicht die Stadträte, wohl aber der Regierungschef in Sofia, am anderen Ende des Landes. Knapp eineinhalb Stunden nachdem sich Goranow in Flammen gesetzt hatte, gab Boiko Borissow im Parlament seinen Rücktritt bekannt. Es war die zweite Selbstverbrennung in ebenso vielen Tagen in Bulgarien, wo Straßenproteste gegen die hohen Stromrechnungen und die Armut einen Höhepunkt erreichten.

Bulgarische Medien beschrieben das erste Opfer in Veliko Tarnowo am vergangenen Dienstag als psychisch instabil, Plamen Goranow aber wird nun mit politischen Verzweiflungstätern wie Mohamed Bouazizi und Jan Palach gleichgesetzt; der eine löste mit seiner Selbstverbrennung 2011 die Revolution in Tunesien aus, der andere wurde mit seiner Tat 1969 zur Symbolfigur einer freien Tschechoslowakei (auch Palach sagte die kommunistische Regimepropaganda psychische Krankheiten nach). Goranows Facebook-Seite dient seinen Freunden ebenso wie den Zeitungen und der Polizei als Quelle, um zu verstehen, was ihn zu dieser Verzweiflungstat angetrieben haben mag.

Goranows letzte Einträge sollen sich auf Varnas Bürgermeister Jordanow bezogen haben, einen seit 1999 regierenden, offiziell parteilosen, aber zuletzt von Borissows regierender Gerb-Partei unterstützten Politiker. Varna ist andererseits auch die Heimatstadt des Sozialistenchefs Sergej Stanischew, vor allem aber Sitz der TIM-Gruppe (Tihomir Mitjew, Iwo Georgiew und Marin Mitjew), deren Macht sich unter anderem daran ermessen lässt, dass die zur Gruppe gehörende Bank auch die Geldstrafen der Bulgaren für Verkehrsverstöße einzieht. Die bulgarische Aufdeckerseite Biwol veröffentlicht immer wieder zu den drei Herren. Der parteilose Bürgermeister von Varna wiederum ist für seine Gegner nur eine Schöpfung der TIM-Gruppe.

"Wir werden Kiril Jordanow jagen", soll also zuletzt auf Goranows Facebook-Seite gestanden sein, und auch: "Wenn Kiro mit uns ist, gehen wir nach Burgas!" Das ergibt auf Bulgarisch einen Reim und soll vielleicht heißen: Wenn Kiro weiter Bürgermeister in Varna bleibt, müssen wir wegziehen - Burgas ist die andere große bulgarische Hafenstadt. Goranow ist Fotograf, Bergsteiger und verdiente sich sein Geld mit dem Isolieren von Außenwänden. Auf der Facebook-Seite "Plamen Goranow - der Mensch" (пламен гoранов человекьтläuft jetzt die Diskussion über Motiv, Sinn und Folgen dieser Selbstverbrennung weiter. (Markus Bernath, derStandard.at, 23.2.2013)

  • Plamen Goranow im Jahr 2011.
    foto: denitsa petkova

    Plamen Goranow im Jahr 2011.

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