Karge Insel, fiese Spiele und Misstrauen

    22. Februar 2013, 19:13
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    Die deutsche Autorin Juli Zeh lässt in ihrem Psychothriller "Nullzeit" bei Tauchgängen die nötige Tiefe vermissen

    Sie heißt Jolanthe, er Theodor; abgekürzt sind sie Jola und Theo. Ein merkwürdig schräges Paar, in seiner Art einnehmend und zugleich widerlich, das die deutsche Autorin Juli Zeh in ihrem Roman Nullzeit auf einer kargen Vulkaninsel im Atlantik landen lässt. Dort holt Sven die beiden ab, der nun für zwei Wochen ihr Tauchlehrer sein wird. Kein richtiger Urlaub, denn der Aufenthalt soll für die Exklusivgäste zur Vorbereitung auf Jolas Traumrolle als Unterwassermodel Lotte Hass dienen. Von Urlaub, geschweige denn einem erholsamen kann in dieser als Psychothriller intendierten Dreiecksgeschichte von Beginn an keine Rede sein.

    Sven ist der Ich-Erzähler. Er entfloh dem "Kriegsgebiet" Deutschland, gegen dessen System er sich zur Wehr setzte, indem er seine Juristenlaufbahn abbrach und auswanderte. Alternative Lebensform statt Leistungsgesellschaft. Auf der Insel leiten er und seine Freundin Antje, die im Hintergrund bleibt, eine Tauchschule mitsamt Feriengästehaus. Sein retrospektiver Bericht über die Zeit mit Jola und Theo schildert die bizarre Begegnung dreier Charaktere und offenbart während zahlreicher Tauchexpeditionen eine sexuell aufgeladene Welt des Misstrauens und der Täuschungen, der Provokationen und Bösartigkeiten.

    Die Figuren entsprechen Klischees: Der gut aussehende Tauchlehrer und Aussteiger, der sich in Selbstkontrolle übt, verliebt sich in seine Schülerin, ihm hat Zeh bewusst eine triviale Sprache gegeben: "Mein Herz brennt vor Liebe. Genau das fühlte ich"; oder beim Umziehen, als die begehrte Jola auf offener Straße zu pinkeln beginnt: "Ein Strahl traf den harten Boden. Ich konnte förmlich fühlen, wie es ihr auf die Füße spritzte. (...) Immer ausführlicher und schamloser schien das Plätschern von Jolas Innereien zu erzählen."

    Sie ist die verführerische Telenovela-Schauspielerin, die als Femme fatale im Neoprenanzug die Verhältnisse verwirrt und endlich eine seriöse Rolle spielen will - ihre Ehe zu Theo basiert auf masochistischer Hassliebe. Dieser ist ein gescheiterter Schriftsteller und Trinker, stets im Begriff, den großen Gesellschaftsroman seiner Zeit zu schreiben. Alle drei verstricken sich in intrigante Spiele und Abhängigkeiten. Jedes Kapitel endet mit einem Tagebucheintrag Jolas. Ihre Schilderungen stellen nach und nach eine eigene Sicht der Dinge dar.

    Die 1974 geborene Juli Zeh spielt mit den Klischees, reizt sie aus und verstört - und dennoch vermag der perfekt konstruierte Psychothriller bis auf den Showdown unter Wasser weder Spannung noch ein tiefergehendes Interesse an den Figuren und ihrem Handeln zu erzeugen.

    Juli Zeh, studierte Juristin mit einem Faible für Unterwassersport, betitelt ihr Buch mit einem Begriff aus der Tauchtheorie. Nullzeit bezeichnet die Zeitspanne, die ein Mensch in einer bestimmten Tiefe tauchen kann, ohne dass er sich bei der sofortigen Rückkehr an die Oberfläche einem Gesundheitsrisiko aussetzt. Eine falsche Berechnung endet oft tödlich. Die Tauchversuche in die Themenfelder Opfer und Täter, Sex und Mordversuch, Herrschaft und Unterdrückung lassen jedenfalls Tiefe vermissen. (Sebastian Gilli, Album, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

    Juli Zeh, "Nullzeit". € 20,60 / 256 Seiten. Schöffling, Frankfurt am Main 2012

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