Die Millionenmaid von Schloss Ambras

22. Februar 2013, 19:01
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In den Depots des KHM schlummern Schätze: Zwei Pseudoantiken entpuppten sich jüngst als Renaissance-Büsten Simone Biancos

Seit einiger Zeit pfeifen es die Spatzen von den Dächern des internationalen Kunsthandels. It's all over town, um in einer weltweit dekodierbaren Diktion zu bleiben. In Wien habe man bereits anno 2010 eine Entdeckung gemacht, die einschlägige Experten in einen Taumel der Verzückung zu stürzen befähige. Dem verkaufswilligen Besitzer stünde auf dem freien Markt dafür sogar ein Vermögen in Aussicht. In Millionenhöhe.

Letzteres muss eine Theorie bleiben, wiewohl spezialisierte Händler in Windeseile potenzielle Interessenten benennen könnten. Denn die Trouvaillen wurden in den Depots des Kunsthistorischen Museums (KHM) aufgespürt. Im Zuge der Erarbeitung eines wissenschaftlichen Bestandskatalogs der Porträtskulpturen der Antikensammlung, erfährt man auf Anfrage, waren auch die damals noch am Stadtrand von Wien ausgelagerten Bestände durchforstet worden. Eine Routineangelegenheit, die jedoch für Abwechslung im Alltag zweier Kuratorinnen sorgen sollte.

In einem der dichtbefüllten Fächer entdeckte Manuela Laubenberger (Kuratorin Antikensammlung, Ephesos-Museum) eine Büste, die sich ganz eindeutig in ihr Revier verirrt haben musste. Denn antik, im Sinne des von 1200 v. Chr. bis 600 n. Chr. währenden Altertums, war diese keinesfalls, weder römischer noch griechischer Provenienz. Was ihre Kunstkammer-Kollegin davon halte? So dürftig die Details anhand der Handyfotos auch erkennbar waren, Claudia Kryza-Gerschs Bauchgefühl antwortete schneller, als sie die passende Fachliteratur aus dem Regal hätte fischen können.

Nein, definitiv keine Pseudoantike eines anonymen Nachahmers, sondern das Werk eines schon von Giorgio Vasari gerühmten italienischen Bildhauers aus dem 16. Jahrhundert. Für Fachleute erkennbar unter anderem an den Grübchen, den dicken Bäckchen und vor allem an der Frisur. Aus der anfänglichen Vermutung wurde schnell Gewissheit: eindeutig eine Arbeit von Simone di Niccolò Bianco.

Rarität im Depot

Weltweit sind überhaupt nur sieben Marmorbüsten des bis etwa 1553 tätigen Venezianers in musealen Beständen bekannt. Zu der nunmehr achten aus der Antikensammlung sollte sich alsbald sogar noch eine neunte gesellen. Im Zuge der Vorbereitung für eine Sonderausstellung (All' antica, 2011) hatte Veronika Sandbichler, Direktorin der Sammlungen des KHM auf Schloss Ambras, eine Büste fotografieren lassen. Erraten, auch diese entpuppte sich als eine Arbeit Simone Biancos.

Mit ihren raffinierten Frisuren und den klassischen, aber zugleich animierten Gesichtszügen, erklärt Kryza-Gersch, verbinden sie den in der Skulptur vorherrschenden antikisierenden Stil mit den Errungenschaften der zeitgleichen Malerei. Genau genommen handle es sich um plastische Gegenstücke zu den sogenannten Bella-Porträts von Tizian, Palma und Bordone. Die Hintergründe dieser Entdeckung wird die Kunstkammer-Kuratorin demnächst im Zuge einer Abendführung erläutern (18. April, 18.30 Uhr). Sie bereichert nicht nur das KHM. Denn für die Kunstgeschichte ermöglicht sie die Neuevaluierung eines bisher unterschätzten Renaissancekünstlers, der für die Entwicklung der plastischen Porträtkunst in Venedig von größerer Bedeutung scheint als bislang angenommen. Daraus einen monetären Wert abzuleiten gestaltet sich schon schwieriger.

Denn nur sporadisch tauchen derartige Arbeiten auf dem Kunstmarkt auf, die jedoch stets nur seinem Umkreis zugeordnet werden können. Zuletzt etwa bei Christie's, wo im Juli vergangenen Jahres via London eine solche für umgerechnet 210.600 Euro den Besitzer wechselte. Nachweisbare Biancos liegen dagegen in einer völlig anderen Liga: Genauere Angaben liefert der internationale Kunsthandel, konkret Dino Tomasso, auf Skulpturen spezialisierter Tefaf-Aussteller: Zumindest 500.000 und angesichts dieser Provenienz bis zu 1,5 Millionen Euro für die androgyne Dame aus der Antikensammlung, um die drei Millionen für die Ambraser Maid. Bei einer Auktion könnten diese Werte noch übertroffen werden: Denn weder die National Gallery of Art (Washington) noch das Metropolitan Museum (New York) oder das Victoria and Albert Museum (London) können einen Bianco ihr Eigen nennen. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

  • Im Bestand von Schloss Ambras beheimatete Marmorbüste von Simone Bianco, vor ihrer Restaurierung.
    foto: khm

    Im Bestand von Schloss Ambras beheimatete Marmorbüste von Simone Bianco, vor ihrer Restaurierung.

  • Artikelbild
    foto: khm
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