Der Papst, der Mensch und sein Amt

Kommentar der anderen22. Februar 2013, 19:06
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Und die Frage: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Beziehungsweise: Wie schlüssig ist es, den Pontifex-Rücktritt als "Ketzerei" zu bezeichnen, der die katholische Glaubensbasis gefährde? Eine Erwiderung.

In seinem am vergangenen Wochenende an dieser Stelle publizierten Beitrag legt der ehemalige Chirurg Peter Moeschl den katholischen Gläubigen auf das Untersuchungsbett ("Papst Benedikt - ein Ketzer?"). Er diagnostiziert bei ihm eine totale Form des Glaubens, "dem er alles, auch sein Wissen, ein- und unterordnen kann", und die durch eine " unbändige Sehnsucht nach All-Einheit" charakterisiert sei. Diese Glaubensform mache es für den Katholiken schwierig, Differenz emotional und kognitiv zu verarbeiten - und sie bedeute deshalb ein politisches Problem, da sie im Gegensatz zur Trennung zwischen Religion und weltlichen Bereichen in der säkularen Gesellschaft stehe. Die Differenzierung zwischen Amt und Person, die der Rücktritt des Papstes bestätigt, würde die geschlossene Identität und Weltsicht des Katholiken in Frage stellen und ihn in eine "Krise des Glaubens" werfen.

Falsche Grundannahmen

Soweit die Diagnose des Arztes aus aktuellem Anlass. Sie beruht allerdings auf falschen Grundannahmen - nämlich auf der Verallgemeinerung des Psychogramms der fundamentalistischen Person, des fundamentalistischen Denkens auf den Katholizismus an sich: Der Katholizismus stellt in dieser Sicht von seinem Wesen her eine verhärtete, anti-moderne Orthodoxie dar. Sicherlich hat die Ästhetik und Politik des derzeitigen Pontifikats nicht unwesentlich zu dieser Wahrnehmung beigetragen, und zweifellos gibt es - wie in anderen Religionsgemeinschaften - starke fundamentalistische Strömungen innerhalb der katholischen Kirche. Aber wie man sich als Katholik gegen sie zur Wehr setzen muss, so auch gleichzeitig gegen einen säkularistischen Fundamentalismus, der ein vereinfachendes und missgünstiges Stereotyp "Katholik = Fundamentalist" vertritt und mit dogmatischer Gewissheit "dem Katholiken" an sich die Fähigkeit zu Reflexivität als Gläubiger und Bürger einer modernen, pluralistischen, säkularen Gesellschaft abspricht. Als Katholik, also aus der Innenperspektive, ist man einfach verblüfft, wie ungebrochen durch Grundinformationen zur Entwicklung der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert dieses Stereotyp entfaltet wird, und wie ungefährdet durch eine Wahrnehmung der philosophischen Diskussionen über "Säkularisierung in einem postsäkularen Zeitalter" (Jürgen Habermas) in den letzten Jahren. So ungefähr muss sich ein Muslim fühlen, wenn er heute permanent mit der essenzialistischen Identifizierung von Islam und Fundamentalismus konfrontiert ist - als Anhänger einer Religion mit über einer Milliarde Anhänger, in der unterschiedliche, integralistische, liberale und progressive Strömungen und Bewegungen innerhalb verschiedener Kulturen miteinander um die zukünftige Entwicklung der Religionsgemeinschaft in der Moderne ringen.

Anerkennung von Pluralität Teil der katholischen Lehre

Differenzierung und Informiertheit würde im Fall der Katholiken bedeuten, das simple Faktum zu berücksichtigen, dass heute Millionen Katholiken auf selbstverständliche Weise Bürger von säkularen Demokratien sind und ihre religiös geprägten Ansichten in den Meinungsstreit der Öffentlichkeit einbringen - ohne dass dadurch der Grundkonsens des liberalen Staates ständig einer Zerreißprobe ausgesetzt würde. Differenzierung und Informiertheit würde berücksichtigen, dass die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil historische Schritte der Anerkennung von Pluralität unternommen hat, vor allem in Form einer neuen Verhältnisbestimmung zu den anderen Religionen und im eindeutigen Bekenntnis zur Religionsfreiheit und damit zur säkularen Grundordnung des modernen Staates. Die Anerkennung von Pluralität und Differenz ist seither Teil der offiziellen Lehre der katholischen Kirche - die 50 Jahre nach Abschluss des Konzils gegenüber anti-modernistisch orientierten Kreisen in der Kirche verteidigt werden muss. Es hat etwas Ironisches, wenn säkularistische Fundamentalisten im Grunde deren Denkstruktur teilen, wenn sie eine Karikatur des Katholizismus zeichnen, nach der eine moderne Form des katholischen Glaubens im säkularen, pluralen Kontext von seinem Wesen her gar nicht möglich sei.

Das Zusammenleben in den weltanschaulich divergierenden, komplexen Gesellschaften der Gegenwart braucht eine Zunahme von Wissen über die " Anderen" und den Abbau von Vorurteilen - seitens der Mitglieder der verschiedenen Religionsgemeinschaften, aber auch seitens des religionskritischen Teils der Gesellschaft, der zu recht sensibel ist für das Gefahrenpotenzial des religiösen Fundamentalismus. Vereinfachende Stereotype bringen uns nicht weiter. (Ernst Fürlinger, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

Ernst Fürlinger, Religionswissenschafter und Theologe, leitet das Zentrum für Religion und Globalisierung an der Donau-Universität Krems.

  • Theologe Ernst Fürlinger: "Katholik = Fundamentalist?"
    foto: privat

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