Zählt Frankreich zu "Kerneuropa"?

22. Februar 2013, 19:01
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Die "Grande Nation" bleibt wirtschaftlich hinter Deutschland zurück, an den Finanzmärkten ist Frankreich aber eine sichere Bank.

Gerne spricht man in der aktuellen Eurokrise von "Kerneuropa" auf der einen und der "Peripherie" auf der anderen Seite. Überspitzt formuliert sollen die einen für die Probleme der anderen zahlen, weil sie wirtschaftlich deutlich besser dastehen. Aber wo genau ordnet sich Frankreich in diesem Schwarz-Weiß-Bild ein, zwischen Deutschland auf der einen und Griechenland auf der anderen Seite?

Aktuelle Zahlen zu Frankreichs Wirtschaftsleistung legen nahe, dass sich Deutschland und Frankreich ökonomisch immer weiter entfernen. Vorlaufindikatoren von Industrie und Dienstleistungssektor zufolge steuert die "Grande Nation" auf eine lupenreine Rezession zu (zwei Quartale Schrumpfung in Folge). Deutschland hingegen ist wieder auf Expansionskurs (siehe Grafik).

Die Daten in Frankreich sind so schlecht wie seit der Rezession 2009 nicht mehr und deuten auf eine Kontraktion der Wirtschaft von einem Prozent. Die Regierung selbst rechnet immer noch mit einem Wachstum von 0,8 Prozent in diesem Jahr. Dieses Ziel ist aber wohl ein Wunschtraum. "Der Rückgang im französischen Einkaufsmanagerindex ist besorgniserregend", mahnen etwa die Volkswirte von CapitalEconomics.

Anlässlich der neuen Schätzung der EU-Kommission wird Frankreich 2013 kaum wachsen (0,1 Prozent). Weil damit die Defizitvorgaben aber nicht erfüllt werden können, sieht sich Frankreichs Präsident bereits mit neuen Sparvorgaben konfrontiert. Aktuell erwartet die Kommission, dass Frankreichs Defizit 2013 bei 3,7 Prozent und 2014 bei 3,9 Prozent landen dürfte – über den anvisierten drei Prozent der Wirtschaftsleistung.

Auch dieser Fehlbetrag könnte sich im Fall des Falles ausweiten. Wenn ähnlich wie zuletzt in den Niederlanden mit Verstaatlichungen marode Finanzinstitute gerettet werden (in diesem Fall den Finanzkonzern SNS), dann wird das Budget kaum zu halten sein. Im Falle Frankreichs ist das keine unbegründete Panikmache. Die Bilanzen der vier größten Banken machen das 2,6-fache der französischen Wirtschaftsleistung aus, doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren (OECD). Frankreichs Finanzsektor ist nicht nur sehr groß, sondern auch noch besonders in Südeuropa engagiert. 2011 waren es besonders die international verzahnten Pariser Großbanken, die über Finanzierungsnöte klagten, weil ihnen US-Investoren nicht mehr vertrauten.

Keine Sorgen um Frankreich

Doch die "Grande Nation" ist auch nicht Teil der Peripherie. Auch wenn Frankreich ein Wachstumsproblem hat, ein Finanzierungsproblem hat es deswegen noch nicht. Die Nettofinanzposition des Landes ist weit von der Schwelle entfernt, die von der EU-Kommission als gefährlich eingestuft werden (-16,2% vs. -45% gemäß dem Frühwarnsystem oder Macroeconomic Imbalance Procedure

Die Marktpanik, die der belgische Ökonom Paul de Grauwe für das Überschießen der Zinsaufschläge verantwortlich macht, ist bei Frankreich definitiv nicht eingetreten (siehe Grafik). Auch wenn Deutschland deutlich geringere Zinsen als Frankreich zahlt (zuletzt 80 Basispunkte für zehnjährige Bonds), Ausfälle befürchtet deswegen kein Investor. Die Rating-Agenturen bewerten Frankreich immer noch mit einer der höchsten Bonitäten (AA1 bei Moody's, AAA bei Fitch, und AA+ bei S&P).

Stuart Thomson, der Chefökonom von Ignis Asset Management und Fondsmanager, bringt die Lage in Frankreich auf den Punkt: "Frankreich ist nicht brankrott, aber genauso wenig ist es AA+." Frankreich wird nicht um Reformen herumkommen, die den Wachstumsausblick aufhellen, und gleichzeitig muss es darauf hoffen, dass die in der Eurozone erkaufte Ruhe im Getöse des italienischen Wahlkampfs aufgeht. Dann wird es aber ein wichtiger Teil Kerneuropas bleiben.

 


 

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