"Wir waren die Mittelklasse, doch jetzt sind wir arm"

Reportage23. Februar 2013, 10:00
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Die Gegend nordwestlich von Venedig galt lange Zeit als Modellregion für die Wirtschaft Italiens

Textilfabriken und die Möbelindustrie waren große Arbeitgeber. Doch heute spürt auch der reiche Norden die Krise.

Aperto! Geöffnet!" Das Schild mit den knallfarbenen Lettern wirkt wie ein Hilfeschrei in dem verlassen wirkenden Gewerbepark neben der Autobahnausfahrt von Thiene, eine Autostunde nordwestlich von Venedig. Vor zehn Jahren brummte hier in Venetien, einer der wohlhabendsten Regionen Italiens, der Wirtschaftsmotor; heute stottert er vernehmlich. "Bis jetzt habe ich mich nie beklagt", erzählt Antonella, "aber es ist so bitter und erschütternd zu sehen, wie jetzt alles den Bach runtergeht."

Die Mittfünfzigerin betreibt gemeinsam mit ihrem Ehemann Francesco alias Chicchi ein Geschäft für Motorradzubehör. Der Bad-Ausstatter nebenan hat zugesperrt, und der Immobilienmakler bringt nicht einmal sein eigenes Geschäftslokal an den Mann. "Affittasi", zu vermieten. Dazu eine Handynummer, die wohl schon länger niemand mehr gewählt hat.

"Wir sind ein Familienunternehmen", fährt Antonella fort, während sie einem Kunden hilft, eine Lederjacke zu finden – natürlich im Ausverkauf. "Der Großvater meines Mannes gründete die Firma 1948. Er handelte mit alten Ersatzteilen. Das Geschäft entwickelte sich Jahr für Jahr. Wir konnten recht gut davon leben, Reisen unternehmen, das Leben genießen. Es war einfach schön."

Vor einigen Jahren dann wollte Chicchi raus aus dem engen Geschäft in der 25.000-Einwohner-Stadt. Silvio Berlusconis Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hatte soeben ein Fördergesetz geschaffen. "Man hat uns den Kredit nachgeworfen, das war wie Geld abheben am Bankomat", erinnert sich Antonella. "Und was haben wir heute davon? Schulden."

Um auch künftig die Rechnungen zahlen und überleben zu können, haben sich Chicchi und Antonella entschlossen, fast das gesamte Jahr lang "Saldi", Abverkauf, zu betreiben. "Wir erreichen sonst kaum die Umsatzzahlen, die wir brauchen, um unsere Verträge mit den wenigen Premium-Marken, die wir noch haben, absichern zu können."

An diesem Samstag sind die Kunden besonders rar: Zuerst ein modisch gekleideter Mann, der seine kleine Tochter am Roller mitnehmen möchte und ihr einen Helm im Prinzessinen-Design schenkt; danach ein Jugendlicher, der ebenfalls einen Helm braucht, "aber einen coolen". Ein weiterer Kunde erkundigt sich nach Tuning-Teilen. Nicht lagernd, sagt Chicchi. "Soll ich sie bestellen?" – "Ach nein, nicht nötig. Zu teuer, leider. Danke."

Chicchi schaut auf den fast leeren Parkplatz hinaus: "Wir hier, wir waren früher einmal alle Mittelklasse. Doch jetzt sind wir arm. Die Politiker haben uns in den Ruin getrieben. Nicht nur die Gewerbetreibenden, sondern alle."

Über die Wahlen will Antonella gar nicht reden – und tut es dann umso vehementer: "Früher haben viele Berlusconi gewählt, weil er schöne Versprechungen gemacht hat. Aber heute ist er nur noch ein alter, lächerlicher Narr. Und Mario Monti hat bloß die Steuern erhöht, damit uns Brüssel in Ruhe lässt."

Chicchi und Antonella wollen sich dennoch nicht unterkriegen lassen: "Wir Italiener sind und bleiben Überlebenskünstler. Wir laufen immer dann zur Hochform auf, wenn wir improvisieren müssen. Und das muss jetzt sein."

Paolo Zanarella ist gleichsam ein Symbol für diese Behauptung: Er nennt sich "il pianista fuori posto" (der deplatzierte Pianist) und stellt sein Klavier bevorzugt an öffentlichen Plätzen in ganz Italien auf. An diesem Samstag liefert er in der Via Garibaldi in Schio, nur wenige Kilometer von Thiene entfernt, eine Art Soundtrack für den Wochenmarkt in der Fußgängerzone. Während er mit Pathos, Humor und der großen Gestik eines wahren Maestros Eigenkompositionen im Stil von Giuseppe Verdi vorträgt und CDs verkauft, bauen die Wahlkämpfer des linken Partito Democratico ihren Stand auf. "Berlusconi hat das Fernsehen, wir aber sprechen direkt mit den Menschen. Wo geht das besser als auf einem Markt?", fragt Emmanuele enthusiastisch, wie es wohl nur ein Student sein kann. "Unser Kandidat Pier Luigi Bersani wird gewinnen, weil er eben kein Blender ist", sekundiert Gianfrancesco, während gleich daneben ein "Kollege" von den Neofaschisten Folder verteilt, auf denen für eine Abschaffung der Währungsunion geworben wird.

Direkt vor dem Rathaus wartet hingegen der schüchtern wirkende Wahlhelfer Roberto offenbar darauf, dass man ihn anspricht. Er ist seit vergangenem Mai Mitglied bei Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung. "Die Leute wollen endlich ernst genommen werden, sie pfeifen auf die Berufspolitiker", sagt er, nachdem er sich endlich in ein Gespräch verwickeln und einen Folder aus der Hand nehmen lässt. Und diese Menschen sollen ausgerechnet einen Komiker wählen? "Ja genau, warum nicht? Ihr werdet schon sehen: Wir sind viele. So viele, dass die anderen Angst vor uns haben." (Gianluca Wallisch aus Thiene /DER STANDARD, 23.2.2013)

  • Fußgängerzone statt Konzertsaal: Trotz Windes und Kälte spielt Paolo Zanarella am Wochenmarkt in Schio virtuos auf, während der linke Partito Democratico auf Stimmenfang geht.
    foto: standard/wallisch

    Fußgängerzone statt Konzertsaal: Trotz Windes und Kälte spielt Paolo Zanarella am Wochenmarkt in Schio virtuos auf, während der linke Partito Democratico auf Stimmenfang geht.

  • Rückwärtsgewandt: Italiens Neofaschisten wollen wieder die Lira als Zahlungsmittel.
    foto: standard/wallisch

    Rückwärtsgewandt: Italiens Neofaschisten wollen wieder die Lira als Zahlungsmittel.

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