Christoph Waltz: "Nur keine Hoffnung auf Beständigkeit"

Interview22. Februar 2013, 17:45
196 Postings

Der österreichische Schauspieler über Spaghettiwestern, Karriereverläufe und Bildungspolitik

Für seine Rolle als Kopfgeldjäger Dr. King Schultz darf sich Christoph Waltz Hoffnungen auf seinen zweiten Nebenrollen-Oscar machen. Egal, ob er den Preis bekommt - aus dem Ensemble von Quentin Tarantino ist der Österreicher nicht mehr wegzudenken. Demnächst wird er den Dreh zu Reykjavik beginnen, in dem er Michail Gorbatschow verkörpert. Zuletzt sorgten seine Jesus- und Papst-Sketches in der Satiresendung Saturday Night Live für Aufsehen. Der Standard traf Waltz noch vor Bekanntgabe seiner Nominierung zum Gespräch.

STANDARD: Sind Sie froh, den Wallebart wieder los zu sein?

Waltz: Ja freilich, unbedingt. Das ist zwar eine Weile ganz angenehm, so was zu tragen, weil man sich nicht drum kümmern muss. Aber dann zwickt das zuweilen und ist auch sonst hinderlich.

STANDARD: Einmal in einem Western mitzuspielen, wurde da ein Kindertraum für Sie wahr?

Waltz: Aber ja. Wobei ich nie so den Bezug zu US-Western hatte, sondern tatsächlich zu den Italowestern - also genau denen, auf die Quentin jetzt Bezug nahm. Das war exakt meine Zeit; als die Spaghettiwestern ins Kino kamen, war ich so 13, 14. Und jeder zweite trug den Django im Titel, auch wenn er im Film gar nicht vorkam. Das war wie eine Marke.

STANDARD: Sie haben wohl nicht lange gezögert, wieder mit Quentin Tarantino zu drehen?

Waltz: Wenn einem so ein Angebot auf dem Silbertablett serviert wird, kann man vor Freude und Seligkeit eigentlich nur in die Knie gehen, alles andere wäre Hybris. Der Gipfel ist ja schon erreicht, wenn man mit jemanden, der auch noch ein Freund ist, so was machen kann. Da kann man eigentlich nichts mehr wollen.

STANDARD: Heißt das auch: Es kann jetzt nur noch schlechter werden?

Waltz: Das kommt auf das Ausmaß Ihrer Neurose an. Aber ja, es kann immer schlechter werden! Egal ob man nun mit Tarantino arbeitet oder mit Bully Herbig. Ich habe es ja - wie soll ich es ausdrücken? - lange genug miterlebt. Ich würde jedem Teenager abraten, irgendwelche Hoffnungen auf Beständigkeit zu setzen. In irgendeiner Richtung!

STANDARD: Warum ist der Sprung in die Internationalität aus Deutschland oder Österreich so schwer?

Waltz: Wir haben hier wirklich herausragende Talente. Doch ich kann mich erinnern, wie Kanzler Schröder einmal der Meinung war, man müsste Eliteuniversitäten haben. Und wie er dafür einen diesbezüglich lächerlichen Geldbetrag an ein paar Institutionen hinschmiss, in der Hoffnung, dass daraus eine Eliteuniversität würde. Wenn Sie sich andere Eliteuniversitäten in Europa anschauen, dann kommen sie aus dem Schämen gar nicht mehr heraus. Cambridge gibt es beispielsweise seit dem 13. Jahrhundert, und nur zum Zweck der Bildung. Das sind 800 Jahre, das macht man anderswo daraus. Nicht ein paar Euro. Ich glaube, dasselbe ist übertragbar auf unser Kulturleben. Und speziell auf den Film.

STANDARD: "Inglourious Basterds" war eine Nazi-Überwindungsfantasie. In gewisser Weise leistet "Django" jetzt dasselbe für die Sklaverei. Hat der Film einen vergleichbaren Nachhall in den USA?

Waltz: Unterhaltung bedeutet in Amerika etwas ganz anderes als bei uns. Wir haben diese strikte Trennung zwischen Unterhaltung und Seriosität, da wird das U teilweise verachtet oder gar verurteilt. Das entspricht nicht meinen Vorstellungen, ich würde aber dem, was wir Unterhaltung nennen, auch nie dieses Maß an Ernsthaftigkeit oder Seriosität zuordnen, das es in Amerika hat. Aber Unterhaltungs-Bosse haben dort wirklich Macht und politischen Einfluss. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

Christoph Waltz, geb. 1956 in Wien, ist seit "Inglourious Basterds" (2009) ein international gefragter Darsteller.

  • Als Kopfgeldjäger an Djangos Seite: Christoph Waltz und Jamie Foxx im Tarantino-Western "Django Unchained".
    foto: sony

    Als Kopfgeldjäger an Djangos Seite: Christoph Waltz und Jamie Foxx im Tarantino-Western "Django Unchained".

Share if you care.