An der Diagnosefront

  • "Hier ist nun endlich einmal einer mit Herzrasen, also hört ihm zu, Mädels."
    foto: dpa/tobias kleinschmidt

    "Hier ist nun endlich einmal einer mit Herzrasen, also hört ihm zu, Mädels."

Seit es das Internet gibt, sind wir nicht mehr nur auf die Expertise der Ärzte angewiesen. Sondern wir untersuchen uns gegenseitig

Jemand sagt: "Acht Ärzte sind gerade online, stellen Sie jetzt Ihre Frage!" Jemand sagt: "Kindermode von Hessnatur - farbenfrohe Kinderbekleidung aus schadstoffarmen Naturtextilien", und ich rufe: "Das bin ja ich!" D. h. mein potenzieller Konsumwunsch, auch wenn ich real noch nie etwas bei Hessnatur gekauft habe. Aber ich könnte, so zielgruppentechnisch. Man beobachtet mich also wirklich, das ist nicht nur Paranoia, das findet statt.

Jemand sagt: "Hallo Leute, ich bin auf der Suche zum Thema Herzrasen auf diese Seite gestoßen." Und jetzt steht er da in diesem Forum und wundert sich, am meisten über sich selbst. Doch dann kommt er gleich zur Sache, denn er hat da eine Frage zu seinem Zustand. Er heiße MRtin, aber das sei ein Tippfehler, und den bekomme er im Augenblick nicht weg. MRtin sagt: Er sei ja nicht der unsportlichste Mensch, auch wenn man das bei seinem Gewicht denken könne, und doch: Seit drei Jahren leide er unter Herzrasen, obwohl er sich nicht sicher sei, ob sein Herz wirklich rast, aber er habe das Gefühl, dass es schneller schlägt als sonst. Das Herzrasen stelle sich in den unterschiedlichsten Situationen ein. Er könne kein Muster darin erkennen. Und: Weil sein Kardiologe das auch gefragt hat: Nein, er nehme keine Drogen, also er sei kein Komasäufer, sondern genehmige sich eher mal 'nen leckeren Caipi, sagt MRtin, der sich in diesem Forum wohlzufühlen scheint.

Dazu überkomme ihn auch oft eine bleierne Müdigkeit. Und wen es interessiert: Laut Ärzten seien seine Blutwerte ganz normal, auch ein Langzeit-EKG habe er schon gemacht, und das habe absolut nichts gebracht, d. h., es habe nichts gezeigt. Dann schweigt er. Zwei Tage später schreibt er: Ach ja, er habe vergessen zu erwähnen, dass er sich eigentlich ganz gut ernährt. Er sei zwar der Schokoladentyp, daher auch sein Übergewicht, hier mit einem Smiley verziert. Nach zwei weiteren Tagen fragt er: "Hallo? Ist hier jemand?"

Erst nach einer Woche meldet sich Katzenkind, dass es sich ganz nach Eisenmangel anhöre. Danach bleibt es wieder einige Tage still. Ob es sich um Herzrhythmusstörungen handeln könne, fragt Lowlita schließlich zaghaft. Ja, an Eisenmangel habe er schon gedacht. Er habe das auch kontrollieren lassen, da sei wie gesagt nichts. Ronja13 bringt bestimmte Lebensmittel ins Spiel, auf die MRtin nicht näher eingeht. Nur so viel: Über Lebensmittel habe er noch nicht nachgedacht, aber er habe sich inzwischen von einem anderen Arzt untersuchen lassen. Schlafapnoe habe der vermutet.

Das lange Schweigen, das in diesem Thread jetzt folgt, lässt die Hoffnung auf einen Gesundungsprozess aufkommen. Doch bei wie vielen von uns? 30 Prozent werden es sein, 20 Prozent rechnen doch immer grundsätzlich mit Verschlechterung, bei zehn Prozent ist es schwankend, der Rest meldet sich nicht zu Wort. Wir atmen dann aber doch allgemein auf, als er sich nach drei Monaten wieder meldet, "wegen meines Herzrasens, das ist diese Woche wieder aufgetaucht". Nach einer Party. Ob es doch vom Alkohol kommen könne? Dazu sagt Katzenkind nichts, aber es bringt die Lebensmittel ins Spiel, die schon mal erwähnt wurden. MRtin geht darauf nicht ein, sondern beginnt vielmehr zu überlegen. Während wir auf die Werbung eines Medikaments gegen Gliederschmerzen starren, überlegt er. Während wir auf die Werbung eines Medikaments gegen Bluthochdruck starren, überlegt er. Während uns das blinkende Gewinnspielkästchen zu nerven beginnt, überlegt er. Dann wiederholt er etwas über seine Eisenwerte. Er habe nun schon zum zweiten Mal sein Blut untersuchen lassen, und wieder sei nichts herausgekommen. Er werde gerne noch ein drittes Mal sein Blut abnehmen lassen, falls wir das so wollen, aber so recht sehe er den Sinn in der Sache nicht. Wollen wir? Nein, wir wollen nicht. Es würde aber Lowlita interessieren. MRtin reagiert darauf nicht. Auch die Frage zu Stress und Anspannung wolle er noch unbeantwortet lassen, das sei ein wenig kompliziert.

Hallo? Warum meldet sich schon wieder keiner? Was ist mit uns Ladys los? Wollen wir wieder eine der üblichen Geschichten über Leberfehlfunktionen hören und dann ewig darüber philosophieren, dass es sich um eine stille Epidemie handle? Hier ist nun endlich mal einer mit Herzrasen, also hört ihm zu, Mädels, wie er über Anspannung und Stress spricht. Ja, er habe Stress, wiederholt MRtin, nicht nur was die Arbeit betrifft, aber darüber könne er ohnehin nichts sagen, weil er eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben hat, und in diesen Zeiten sei es besser, sich an die Verschwiegenheitserklärungen zu halten. Aber nur so viel wolle er andeuten, es handle sich um Mobbing, klassisches Mobbing. Zumal es um Downsizing geht. Setzt er hinzu, und die Stille die sich jetzt im Netz ausbreitet, als was kann man sie bezeichnen? Niemand will sie bezeichnen.

Nada meldet sich jetzt endlich wieder zu Wort, "Hallo Nada!" - weil sie auch schon so lange nichts mehr gesagt habe, aber sie möchte sich Katzenkind anschließen, die das mit den Panikattacken ins Spiel gebracht hat. Wieder eine Lücke in meiner Threaddarstellung. Was ist hier los? Wo ist Katzenkinds Auslassung über die Panikattacken? Ah, sagt Nada, das war wohl in einem anderen Thread, aber es passt hier auch ganz gut rein. Panikattacken nehmen ja ganz allgemein zu, ob das niemandem aufgefallen ist? Das gehört wohl wirklich nicht hierher, befindet jetzt Ronja13, die diesbezüglich die Klappe halten kann. Ja, beharrt Nada, ob hier niemandem auffallen würde, dass wir andauernd vermieden, über Panikattacken zu reden? "Du mit Deinen Panikattacken!", mischt sich jetzt auch Sybillsehr ein, "Endlich, wir haben auf Dich gewartet, Sybill!" - "Du mit deinen Panikattacken", beharrt sie, "das kennen wir doch, hör bloß auf damit!"

MRtin wiegelt letztendlich ab: Als Panikattacken würde er das nicht bezeichnen, keinesfalls, Panikattacken kenne er, also er habe Kollegen beobachtet, das sieht anders aus. "Dazu kommt", setzt er etwas unvermittelt fort, "er sei nicht der reguläre Tablettenschlucker, also er vergesse immer drauf." Er wisse, er spiele da mit seinem Leben. Das brauche man in diesem Forum nicht wiederholt zu sagen, es reiche ihm schon, wenn seine Freundin das mache.

Katzenkind mahnt ihn, so was wirklich straight durchzuziehen, wenn er etwa blutdrucksenkende Mittel nehmen muss, um nur mal so ein Beispiel zu nennen. Auch Nada meldet sich zu Wort und meint, natürlich, das geht gar nicht. Mittlerweile äußern wir uns im Minutentakt, MRtin kontert sofort, es herrscht eine hektische Betriebsamkeit, und so weiß ich nicht, wie die Sache mit Lebensfreund7 begonnen hat, der Ansturm der Postings war einfach zu groß. Jedenfalls steht Lebensfreund7 für mich als großer Unbekannter im Raum, ein Konkurrent für MRtin allenfalls, denn seine Symptome scheinen sich an die von ihm anzuschließen, aber er könne damit im Gegensatz zu diesem ganz gut umgehen, weil er sich genau an die Vorgaben halte. Er möchte hier einmal für einen Kurswechsel in der Diskussion plädieren, denn Lebensfreund7 dachte auch immer, er sei herzkrank, und die sich daran anschließende Debatte in diesem Forum habe ihn auf eine völlig falsche Fährte geführt. Doch Lebensfreund7s Ausführungen werden schon von Katzenkinds Äußerung unterbrochen, es könnte doch auch vom Hyperventilieren kommen. Mehrfach hat sie versucht, damit Aufmerksamkeit zu erzeugen, bis Nada dies endlich negiert. "Danke, Nada!" Sie postet: "Wer wird in diesen Zeiten schon hyperventilieren, Sauerstoffsparsamkeit ist angesagt."

Bei irgendjemandem nimmt die Pulsfrequenz zu, der hat sich das auch schon gefragt, und Lowlita, schon mehrfach wegen ihres Zynismus abgemahnt, kommentiert dies: "Bei irgendjemandem von uns nimmt doch immer die Pulsfrequenz zu." MRtin antwortet schon länger nicht, es ist uns aber nicht aufgefallen, wir müssen ihn verloren haben unterwegs, und auch die Panik hat sich verloren, er könne ganz weg sein, es könne ihn nicht mehr geben. Fast erstaunt es, als er sich nach einem Jahr wieder zu Wort meldet und bekanntgibt, er habe sich auskuriert. Das Herzrasen sei weg, ja, richtig weg. Seine Schwester habe ihm ein Rezept gegeben, das er uns allen ans Herz legt. Ein Hildegard-von-Bingen-Rezept, yep! Da habe er auch erst lachen müssen, er habe das genauso für esoterischen Kram gehalten, wie wir das jetzt täten, ABER ES WIRKT!

Wir sind uns nicht sicher, ob er es noch ist, der sich zu Wort meldet, oder ob sich der Admin einen Spaß erlaubt, um den Thread endlich zu schließen - vielleicht ist aus ihm auch einfach nur ein anderer geworden, er hat sich weggemorpht aus seinem alten Selbst hin in ein neues, das einen alternativen Kräuterhandel aufgemacht hat oder eine Initiative für Baumkulturen ins Leben gerufen, wie das jetzt so viele machen. Was uns, Nada, Blumine, Katzenkind, Ronja13, und Ample4, die neu hier ist, beim besten Willen nicht interessiert. MRtins Wort wirkt jedenfalls wie ein Schlusssatz, endlich wird der Thread geschlossen, der Pfad beendet, der Patient freigesprochen und darf zurücktaumeln in sein Leben zwischen Apfelbäumen, Petersilienwein und Wochenenden in nordhessischen Ritterburgen, die lebensrettend sind. Wir treffen uns unterdessen alle bei Lowlita wieder, die so was wie ein Loch im Herzen hat. (Kathrin Röggla, Album, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

Kathrin Röggla, geboren 1974 in Salzburg, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Werke zuletzt: "Die Alarmbereiten" (2011), "Die Unvermeidlichen" (2012).

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6 Postings
Kommunikation...

..und sei sie auch noch so abstrakt bzw. im virtuellen Raum beheimatet, hat an sich und als solche offenbar heilsame Wirkung und ersetzt etwa die beruhigende Umarmung oder den aufmunternden Blick des Freundes oder eines Bekannten, den man auf der Gasse trifft. So absurd es auch scheint, ist es doch gelingende Kommunikation und trotz seiner Virtualität emotional wirksam.

Sehr gute, kurzweilige Schilderung dieses Phänomens.

Röggla...

...Bitte überschwemm mich/uns nicht auch noch mit deinem Senf !!! Danke !

Endlose Posteranfragen und -Meinungen über Gesundheitsprobleme

sind in dieser Form ziemlich langweilig. Und alles so in einer Wurst - nein, nicht meins. Auch wenn es von Katrin Röggla kommt.

allein foren sind schon mühsam.
dann das ganze nochmals nacherzählt.
schnarch.

Applaus

Besonders schön ist es, diesen Text im Forum des Online-Standard zu kommentieren ;-) Ich finde ihn hervorragend, ein Gesamtkunstwerk.

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