Ein Clan im Kampf der Kulturen

Dirk Stermann
22. Februar 2013, 18:12
  • "Am Naschmarkt war eine Art Falafel-Krieg ausgebrochen": Dirk Stermann.
    foto: ullstein / gerald von foris

    "Am Naschmarkt war eine Art Falafel-Krieg ausgebrochen": Dirk Stermann.

Grenzüberschreitende Multikulti-Turbulenzen sind hier garantiert: In seinem neuen Roman "Stoß im Himmel" heftet sich Dirk Stermann an die Fersen einer austro-franko-amerikanischen Familie

Ich hatte Ferien. Willkommen Österreich machte Pause. Ich hatte nichts geplant und wollte einen ganzen Sommer lang in Wien bleiben, zum ersten Mal seit Jahren. Ich hatte immer gehört, wie ruhig und entspannt es hier im Sommer

sei. Wie ungrantig die Stadt dann sei, wie gut ihr die Hitze stehe. Ich sollte schnell merken, dass es ganz und gar nicht entspannt werden würde.

Ich stieg in der Kettenbrückengasse in die U4. Aus einem Zeitungsständer am Eingang der von Otto Wagner entworfenen Station hatte ich mir eine Gratiszeitung genommen. Ich las im Stehen:

Gen zeigt: Hitler mit Afrikanern verwandt.

In Liverpool wurde John Lennons Toilette versteigert.

Ein Schwein hat 3377 Fans auf Twitter und eine Haushaltshilfe 41 Nägel im Körper.

Ein Kätzchen kommt mit vier Ohren zur Welt - besser folgen tut die süße " Luntik" aus Wladiwostok aber auch nicht.

Nordkorea zahlt Schulden mit Ginseng.

Ich war auf dem Weg in die Sztuhlbein Brötchenstube in der Schwertgasse im ersten Bezirk. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Monat mein Stammcafé zu wechseln. Jetzt, im Juni 2012, war es das Sztuhlbein.

Eine Durchsage: "Bitte überlassen Sie Ihren Sitzplatz bei Bedarf Frauen mit Kin..."

Das Band riss ab. Frauen mit Kinn sollte ich also meinen Platz überlassen. Ich las weiter in der Zeitung:

Idee des Tages? Schachtel-Designer Erik Askin will durch eine neue Form von Zigarettenschachteln das Rauchen unattraktiver machen. Die neue Form mache das Transportieren der Schachteln unpraktischer.

Neben mir saß ein Volksschulkind. Es las auch das Umsonstblatt, war aber auf einer anderen Seite als ich: U10 Kids Station. Ich blätterte hin. Das war kein weiter Weg, denn die Zeitung hatte nur wenige Seiten. Man konnte sie zwischen zwei U-Bahn-Stationen auslesen, wenn man wollte.

Die Kinderseite war grafisch albern gestaltet. Bunte Buchstaben mit Tiergesichtern. Das K von "Kids" war ein Känguru, das I ein Igel, das S ein Stachelschwein. Es gab eine Witzzeichnung: Zwei Hunde gehen durch die Wüste, und der eine Hund sagt: "Wenn nicht bald ein Baum kommt, mach ich in die Hose."

Das Mädchen war Brillenträgerin. Sie nahm die Brille ab, zog ein Brillenputztuch aus der Tasche und wischte sich damit über die Augen. Ich hatte noch nie einen Menschen gesehen, der sich die Augen putzt. War aber bei der Feinstaubbelastung in den Städten keine dumme Idee.

Die "Leseecke" in der U10 Kids Station war sehr überschaubar. Sie bestand aus einem kurzen Text: Superknut. Ich las ihn zwischen Kettenbrückengasse und Karlsplatz.

Superknut

"Unruhe. Gebannt starren alle auf die Türe. Wachsende Unruhe. Man hört Schritte hinter der Türe. Größte große Unruhe. Die Klinke bewegt sich. Die Türe öffnet sich. Grenzenloser Jubel.

'Jetzt macht mal halblang. Ich bin's doch nur', seufzt Knut.

Aber seine Eltern und die vier Großeltern und die dicken Tanten

jubeln ihm zu. Durchs offene Fenster fliegt ein Schwarm Vögel in die Wohnung.

'Guckt mal, Amseln', sagt Knut, aber alle haben nur Augen für ihn. Er trinkt ein Glas Milch, und alle applaudieren.

'Mann, das ist doch nur Milch', murrt Knut, aber alle sind begeistert. Seine Schwester Irma hat beim Kinderyoga fliegen gelernt und zeigt es voller Stolz, aber weil Knut sich gerade jetzt am Kinn kratzt, jubeln alle nur ihm zu. 'Schaut, wie er sich kratzt. Am Kinn, der Knut. Bravo, Bravao, Bravinski!' Alle, auch die brasilianische und die russische Tante, klatschen in die Hände, während Irma resigniert wieder landet.

R. G. (Morgen geht's weiter.)"

Ich stieg am Karlsplatz aus und ging am Musikverein mit seinem berühmten Goldenen Saal vorbei und am Hotel Imperial zum Ring. Es war Viertel nach neun, die Luft war klar, und Wien sah aus, als stünde ein Schönheitswettbewerb

an, bei dem sich die Stadt einiges ausrechnete.

Ich schlenderte quer durch den ersten Bezirk, am Café Schwarzenberg, der Walfischgasse und dem Haus der Musik vorbei, über die Seilerstätte und die Himmelpfortgasse. Vor dem Café Frauenhuber saßen drei Damen und spielten Karten. Die Kärntner Straße ging ich hinauf, über den Stephansplatz, den Graben und die Tuchlauben zu den Neun Chören der Engel und dann über den Judenplatz zur Schwertgasse.

Im Sztuhlbein schimpfte ein Israeli, wir seien alle Antisemiten, weil sich jemand darüber beschwert hatte, dass er rauchte. Er sah aus, als sei er schon einmal gestorben, er war kugelrund, hatte eine Stoppelglatze, ein lächerlich weißes Gebiss und fleischige Lippen, die immer feucht waren, so als würde er sie immer wieder mit Schmalz einreiben. Er erinnerte mich an meinen russischen Freund Aleksey, den ich am Naschmarkt kennengelernt hatte. Wir standen damals nebeneinander bei "Prof. Falafel" und warteten auf die ganz frischen Falafeln, die Gözde, mein Lieblingsfalafelverkäufer, gerade für uns zubereitete. Am Naschmarkt war eine Art Falafelkrieg ausgebrochen. "Dr. Falafel" hatte dort zwei Stände, mit großartigen Falafeln. Eine Großfamilie aus Israel betrieb sie. Sie waren Marktführer, bis "Prof. Falafel" eröffnete, eine jordanisch-ägyptische Großfamilie, für die Gözde arbeitete. Ein lukullischer Nahostkonflikt.

Mit seinen dicken Fingern bediente sich Aleksey aus einem 500-Gramm-Schälchen mit Hummus. Seine ganze Hand war voll klebrigem Kichererbsenpüree und Sesampaste. Er sei Geschäftsmann, sagte er. Als er bemerkte, dass ich Deutscher war, erzählte er mir, er sei 1989 Handelsattaché der UdSSR in Westberlin gewesen. Die amerikanischen Kollegen hätten ihn damals gewarnt: "Ihr müsst aufpassen", sagten die Amerikaner. "Euer Gorbatschow, auf den müsst ihr aufpassen!"

Aleksey fuhr jetzt direkt mit der Zunge in den Hummus. "Natürlich", schmatzte er, "die Amis hatten Angst, dass sich was verändert. Für sie persönlich. Jeder von den Offizieren hatte in Berlin eine Villa, voll eingerichtet, vom Schirmständer bis zum Klopapierhalter. Das hat alles die Bundesrepublik bezahlt. Die Amerikaner haben schön blöd geschaut, als das vorbei war. Von wegen: ,Mr Gorbachev, tear down this wall.' Einen Scheiß wollten die. Die hätten eher mitgeholfen, die Mauer noch ein bisschen höher zu bauen. Fantastische Villen waren das - Grunewald, Wannsee ... Vom Feinsten!"

Was genau für eine Sorte Geschäftsmann er war, habe ich nie herausgefunden. "Mal mehr Import, mal mehr Export - je nachdem", hatte er mir einmal erklärt.

Aber ich wusste: Falls einmal eine wirkliche Krise ausbrechen sollte, war es wichtig, Leute wie Aleksey zu kennen. Inmitten der größten Hungersnot wüsste er immer, wo es ein gutes Kalbsschnitzel gäbe. Er lebte in einer 400-Quadratmeter-Wohnung am Kohlmarkt, "aber ganz spartanisch eingerichtet", wie er jammernd meinte. "Ich habe nichts und brauche nichts", sagte er.

Er hatte vielleicht nichts, doch davon reichlich. Aleksey war ein spendabler Freund, hielt sich aber an ein Gebot des Modezopfes Karl Lagerfeld: "Ja, ich werfe mein Geld zum Fenster hinaus; aber ich schaue genau nach, wo es hinfällt!"

Im Sztuhlbein bimmelte eine Fahrradklingel - ein angenehmer Klingelton. Am Nebentisch hielt sich ein kleiner junger Mann mit feuerroten Haaren bis zum Arsch das Handy ans Ohr.

"Säckchen?", hörte ich ihn sagen. Wie einer Doku über Headbangen in Irland entsprungen sah er aus. Vor ihm auf dem Kaffeehaustisch stand ein Laptop. Ich konnte von meinem Platz aus den Bildschirm sehen. "Superknut" stand da. Und weiter:

"Knut verdreht die Augen, deshalb bemerkt niemand, dass seine fünf Tage alte Cousine Mia die Worte 'Konfektionsgröße Mammut' ruft.

'Nein, wie er die Augen verdreht, der Knut! Bravo, Bravao, Bravinski!'

Die fünf Tage alte Mia resigniert und beschließt, so lange stumm zu bleiben, bis ihr ein Kleid der Konfektionsgröße Mammut passt wie angegossen.

R. G. (Morgen geht's weiter.)"

Er legte auf, und ich fragte ihn, ob er R. G. sei. Ich hätte in der U-Bahn gerade von Superknut gelesen, und ich wüsste schon, dass man das nicht tue, aber ich hätte ihm auf den Bildschirm geschaut und gesehen, dass er gerade an einer Fortsetzung schreibe.

"Ja. Ich heiße Rudi Gluske", sagte er. Er war auch Deutscher, das weichere Wienerisch hatte seine Aussprache aber schon geschmeidiger gemacht.

"Dirk Stermann", erwiderte ich.

"Guten Tag, Dirk Stermann."

"Guten Tag, Rudi Gluske", sagte ich. Später meinte Laetitia einmal, Rudi habe ein Herz aus Butter. Das spürte ich schon bei unserer ersten Begegnung.

Vor dem Café stand ein weißer Mini mit ungarischem Nummernschild. Am Steuer saß eine junge Frau. Das Verdeck des Cabriolets war heruntergeklappt. In unglaublicher Lautstärke dröhnte plötzlich Ostblock-Techno durch die geöffnete Tür. Die Fensterscheiben vibrierten. Als sollte die ganze Gasse, wenn nicht der ganze Bezirk beschallt werden.

"Das ist so eine Art Györ-Scooter", schrie Rudi mir herüber.

"Ungarische Foltermusik. Man wünscht sich eiserne Vorhänge vorm eigenen Ohr!"

Die junge Frau blickte selbstsicher aus ihrem Cabrio zu uns ins Café. Als wisse sie, dass sie die Herrscherin des Krachs war, und sei auch noch stolz darauf.

"Meine Nachbarin!", brüllte Rudi weiter, um den Lärm zu übertönen. "Die blöde Kuh arbeitet in der ungarischen Botschaft. Und ihre Botschaft ist, dass sie die Lärmhoheit hat über uns. Meine Freundin sagt, sie sei eine Lärmfotze!" Die Lärmfotze lächelte und fuhr rückwärts gegen die Einbahnstraße aus der Schwertgasse.

Die Schwertgasse geht von der Wipplingerstraße ab. Am Ende der Gasse steht die aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirche Maria am Gestade, an deren Außenfassade ein steinernes Porträt des Dichters Heinrich Suso Waldeck hängt. Darunter steht:

Der ich meiner so müd und am Vergehen bin

Mich verlangt nach Dir Du ewiger Anbeginn

Jemand hatte Ayatollah, kumm eini neben das Kirchenportal gesprayt.

Das Polnische Institut am Tiefen Graben befindet sich bei der Stiege am Gestade. Auf der anderen Seite der Wipplingerstraße liegt der Judenplatz mit dem Lessing-Denkmal und der Holocaust-Mahntafel. Hier steht das " Haus der bürgerlichen Schneider", die prachtvolle "Böhmische Hofkanzlei" und auch die Gastgewerbefachschule der Wiener Gastwirte.

Von dort kam Laetitia jetzt ins Sztuhlbein. Sie ging nicht, nein, sie wirbelte herein. Ihre kurzen, dünnen, blonden Haare wollten in jede Richtung, als sei Laetitia viel zu schnell unterwegs für jede Art von Frisur. Sie war sehr klein, trug aber flache Schuhe. Knapp über eins fünfzig, schätzte ich. Eine stolze Zwergin. Sie war wütend. Ihre vollen Lippen schienen die Nasenspitze zu berühren. Beim Tauchen würde sie sich die Nase nicht zuhalten müssen.

"Ein Faschist!", schimpfte sie. "Soll er sich seine Nazilaibchen selber machen. Ich koch nicht in Reih und Glied, alors!" Sie umarmte Rudi stürmisch, und sein Herz aus Butter zerfloss offensichtlich.

Laetitia wollte Köchin werden. Sie war gerade im ersten Lehrjahr und ärgerte sich über den autoritären Ton, der in der Schule herrschte. "Sie verwechseln die Küche mit der Fremdenlegion. Wenn ich angeschrien werden will, sag ich's Ihnen schon. Ich will kochen, nicht Krieg führen, mon Dieu! Wenn ich eine Kartoffel wär, ich würde mich nicht von Ihnen schälen lassen. Wenn ich ein Hummer wär, ich würd Sie mitreißen in den Topf mit dem kochenden Wasser! Und wenn ich in die öden Laibchen Koriander geben will, dann tu ich das! Und wenn ich Senfkörner hineingebe, dann weil es besser ist als der Mampf aus tausend Jahren! Sollen sie doch alle im Gleichschritt kochen und brav sein. Zappa hat gesagt, je langweiliger ein Kind ist, desto mehr Komplimente bekommen die Eltern!"

Laetitia bestellte sich ein Glas Sekt. Frau Sztuhlbein, die Wirtin, brachte es ihr. Es beruhigte sie nur unwesentlich: "Und wenn ich Albondigas machen will, dann mach ich das. Muskat, Knoblauch, Rotwein, Eier, Chiliöl. Oder griechisch: Oregano, Piment, schwarze Oliven, Parmesan. Verstehst du? Mit Faschiertem steht dir die ganze Welt offen. Elsässer Fleischschnecken, ägyptisch mit Koriander - weißt du, wie gut? Mit Zimt und Baharat und Pinienkernen für die Füllung, mit einer Joghurt-Minze-Sauce oder Ingwer, Kreuzkümmel, süßer Paprika. Alles ist möglich, aber wir?" Sie machte ihren Ausbilder nach. "Rindsfaschiertes, Salz, Pfeffer, Brösel, Zwiebel, Petersil. Rindsfaschiertes, Salz, Pfeffer, Brösel, Zwiebel, Petersil. Aus! Faschistenfaschiertes. Die Laibchen werden in die goldgelbe Uniform gezwängt. Seit zwei Wochen! Ich werde zwischen den immer gleichen Laibchen zur Kochhospitalistin!"

"Säckchen", sagte Rudi liebevoll und strich ihr durchs Haar.

Laetitia kam aus Auxerre im Burgund. Rudi und sie hatten sich dort kennengelernt. Sie hatte einen Auftritt als Sängerin im Le Silex gehabt, einem kleinen Club der mittelalterlichen Stadt. "Capitaine des mots" hatte sie sich genannt - Kapitänin der Worte. Ihr regionaler Hit damals hieß Je préfère vous écrire. Der Song lief ausschließlich auf

Radyonne, einem alternativen Studentensender, und war die punkige Coverversion eines Musikstücks für Kinder.

"Liebe braucht Bewegung", hatte sie kurz vorher ihrem damaligen Freund gesagt und sich wegbewegt, hin zu dem rothaarigen Deutschen, der kleiner war als sie an diesem Abend. Sie trug Highheels, und Rudi war der erste Mann, den sie überragte. Laetitia sprach damals kein Wort Deutsch, Rudi nur rudimentär Französisch. Sie studierte Literatur in Auxerre, sang in Clubs und verdiente sich ihr Geld als Schleusenwärterin. Sie arbeitete wechselweise an der Écluse Mailly-la-Ville oder der Écluse Ravereau, zwei idyllischen kleinen Schleusen an der Yonne mit steinernen Schleusenhäuschen, hübsch bepflanzt, und mit großen Obstbäumen, unter denen sie sitzen und lesen konnte, wenn nichts zu tun war. Viel gab es nicht zu tun. Der Canal de Nivernais war keineswegs überlaufen. Das Burgund war ohnehin gemächlicher als das Mittelmeer. Das alte Herz Frankreichs. Hier war sie aufgewachsen, bei ihrem Ururgroßvater in Mailly-le-Château. Die Yonne macht in Mailly eine 180-Grad-Kurve. Hoch am Steilufer über dem Fluss thront das Château, das Mailly seinen Namen gegeben hat. 500 Einwohner leben hier mit Blick ins Tal der Yonne, die hier "sehenswert mäandriert", wie es in einem Handbuch für Hausbootfahrer heißt. Es gibt einen steilen Weg mit Stufen aus brüchigem Schieferstein, der nahe der Brücke zwischen den Häusern hindurch nach oben führt.

"In Mailly-le-Château ist mein Großgroßgroßvater geboren. So klein und aufregend wie der Hoden einer Amsel. Sagt man das so?"

Rudi zuckte mit den Schultern. "Eher nicht", sagte er.

"Egal. Bei uns ist's nicht chic. Alles ist da, ohne Behauptung. Weil eigentlich nichts da ist. Die Boulangerie hat mittwochs geschlossen. Der Supermarkt auch. Der Coop in Lucy-sur-Yonne auch. Auch die Bar Tabac. Die Épicerie. Alles geschlossen. Die Post, die Boucherie, die Charcuterie. Alles zu. Ein Installateur hat geöffnet. Eigentlich. Aber er hat auch meistens zu. Da komm ich her. Hier die müde Yonne, dort der Kanal. Ich komm aus einem komplett zerschleusten Land! Völlig verschleust! Und wundervoll!"

Als Schleusenwärterin wartete Laetitia, bis ein Boot in der 20 Meter langen Schleuse war. Dann drehte sie die eiserne Kurbel, die die Mechanik aus dem 19. Jahrhundert in Gang setzte, und das massive hölzerne Schleusentor öffnete oder schloss sich. Das Wasser lief aus, und das Schiff senkte sich um drei oder vier Meter, oder das Wasser kam herein, und das Schiff hob sich. Dreimal pro Schleusung musste sie all ihre Kraft aufwenden, um die Kurbel zu bedienen. Sie hatte schmale Arme, war aber sehr stark. Dann wünschte sie den Leuten auf dem Boot lächelnd eine gute Fahrt, legte sich neben die mit Stiefmütterchen bepflanzten Blumenkübel in einen alten Liegestuhl und las. Auf einem Tisch stand Honig, den sie für sieben Euro pro Glas an Touristen verkaufte. Darunter, im Schatten, eine Flasche Wein und ein Krug mit Wasser.

"Viele Engländer, Deutsche und Holländer fahren mit dem Hausboot. Auch Franzosen. Weil du hier glücklich sein kannst. Weil du plötzlich calme wirst. Egal, was die Welt vorher mit dir angestellt hat. Du fährst mit acht km/h ganz langsam durch die Felder. Trauerweiden machen Schatten, Fischotter und Reiher begleiten dich, und auf den Weiden siehst du die glücklichen Kühe des Burgund. Weiße Kühe. Charolais nennt man die Rasse. Sehr süß und vollkommen zufrieden."

Laetitia war nach der Schule für kurze Zeit in Paris gewesen und hatte dort im 10. Arrondissement in der Boutique Eva Tralala gearbeitet, später dann in einem von Westafrikanern geführten Schönheitssalon mit dem schönen Namen "Jesus Cosmetiques". Aber nachdem ihr Ururgroßvater betrunken mit einem Motorrad verunglückt war, zog sie zurück ins Burgund, um ihn zu pflegen. Rudi war von Anfang an verliebt in sie. Als er sie in Auxerre auf der Bühne des Le Silex sah, die Haare zerzaust, als habe sie gerade wilden Sex gehabt, die Konzentriertheit ihres Körpers, ihre Kraft und ihre braunen Knopfaugen, zerfloss er, als habe er sein Butterherz in die Sonne gelegt. Sie strahlte. (Dirk Stermann, Album, DER STANDARD, 23./24.2.2013)

Dirk Stermann, geb. 1965 in Duisburg, lebt als Kabarettist, Moderator (" Willkommen Österreich") und Schriftsteller in Wien. Sein Roman "Stoß im Himmel - Der Schnitzelkrieg der Kulturen", dem dieser Text entnommen ist, erscheint am 8. März im Ullstein-Verlag. Buchpräsentation und Lesung am 9. März um 20 Uhr im Theater Rabenhof, Rabengasse 2, 1030 Wien.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 92
1 2 3
und dann...

... stieg ich wieder in die u4 (oder war's die u6?) und lugte wieder einem schulkind über die schulter, das wieder in einer gratiszeitung las. da stiegen plötzlich zwei kontrollore ein (oder waren's rudi und laetitia?); ihre lippen glänzten wie mit schmalz eingerieben. ich mußte intensiv an "dr. falafel" und einen mini mit offenem verdeck denken (warum eigentlich?). ich fuhr weiter. tja, und wie ich in meiner vom weichen wienerisch geschmeidig gewordenen aussprache gerade dachte, woran ich als nächstes denken sollte, da stieg in der station unter st. veit (warum bin ich eigentlich so weit gefahren?) plötzlich antonio fian ein und sagte:
wennst weiter so an pofel zammschreibst, verwurste ich dich zu einem dramolett, du dauerwurst-prosaist!

Guter Mann, schön daß es einem Solchen in Wien gefällt und er seine selten wichtigen Aufgaben wahrnimmt. Danke von meiner Seite für die Mühe..

Sehr guter Mann, wenn er auch geborenen WienerInnen kaum Neuigkeiten berichtet/berichten kann, ist seine Sichtweise aussergewöhnlich scharfsinnig, sein Stil gut zu lesen und auch witzig.

find ich großartig!

Super Text!

Ich glaube man muss Stermanns trockene Art des Sprechens und Schreibens über Banalitäten einfach mögen, um zu erkennen, wie gut er das eigentlich kann. Oder aber man hasst ihn.
Mir persönlich gefällt diese Art von Parodie auf das Gewöhnliche und das Klischeehafte mit Einsprengseln von Unerwartetem jedenfalls sehr gut.

dieser schmäh hat aber schon einen sehr, sehr langen bart

damit hausiert er seit gefühlt 30 jahren....

mit 48 immer noch auf dem

niveau eines 16-jährigen. na ja...

boboeskes schülerniveau
geistloses geschwafel wert unt nutzlos

und was war das D auf der kinderseite, eine dutt’l?

Wieso hab ich bei dem immer den Eindruck ....

...er nimmt sich viel zu wichtig !? In Österreich ist's halt viel leichter - in dem Land der Gaukler und Schaumschläger !

schwach

als politisch denkender mensch sollte er etwas gegen die volksverblödung durch die gratisblätter tun.....

ich frage mich sowieso schon lange, wieviel die wr. linien von diesen blättern gezahlt bekommen, denn die entsorgung muss viel kosten....

... und dann bin ich an der nussdorfer ausgestiegen und hab mir ein taxi genommen. einfach so. rauf, zur grinzinger allee. später stolperte ich über die hohe warte, fiel die treppe richtung karl-marx-hof runter und bemerkte: bei der u-bahn-station heiligenstadt sind noch immer die wahren und wirklichen narren.

Eine wunderschöne Liebeserklärung an die Stadt Wien

Ich bin dafür Stermann die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien zu verleihen!!!

Das bei Milieu- und Stimmungsbeschreibungen auch die ein oder andere Phantasie mit einfließen kann ist für mich absolut normal, gehört sozusagen einfach dazu!

Ausgehend von der Tatsache, daß so gut wie keiner der hier Diskutierenden das Buch bereits in seiner vollen Länge gelesen hat verwundert mich so mancher herber Kommentar schon sehr ...

Die hier abgedruckte Leseprobe aber veranlaßt mich nicht nur das Buch selbst zu lesen, sondern es auch zur Lektüre weiterzuempfehlen!

Den Negativpostern unterstelle ich hiermit sogar, daß das Lesen von Büchern nicht unbedingt das ihre ist und der Zeitpunkt des letzten Leseveruches schon länger zurück liegt ...

sondern es auch zur Lektüre weiterzuempfehlen!

Was genau empfehlen sie da? Eine pseudokünstliche schwurbelei eines Pseudokünstlers? Oder genügt es für sie schon, dass er schwul ist?
Was hat das auch nur im entferntesten mit Kunst zu tun?

Deine armseelige Postingliste hat mich traurig gemacht.

Durch Art und Inhalt Ihrere "Kritik" entlarven Sie sich als Präpotente Amöbe. Chapeau!

für mich ist das auch geschwurbel, allerdings boboeskes. es muss nicht jedem alles gefallen was anderen gefällt

Hihi, die bösen Bobos, man meint fast die wären die ultimative Gefahr für den homo sapiens.

aber, aber, eine gefahr sind sie nicht. nur jemanden anderes als "präpotente amöbe" zu bezeichnen, nur weil er/sie mit dem stermann'schen erguss nichts anfangen kann, oder es nicht gefällt find ich auch nicht ok. ich mag lem, pratchett, carroll. es gibt sicher genug leutchen, die diese nicht vertragen. für mich ist obiger auszug eine nicht nachvollziehbare geistespirouette

Hier zur sexuellen Orientierung von Stermann in Wikipedia

"... Dirk Stermann ist mit der Journalistin Christine Schatz verheiratet und hat eine Tochter."

http://de.wikipedia.org/wiki/Dirk_Stermann

dirk stermann lebt mittlerweile getrennt und hat sich etwas wesentlich jüngeres genommen!!!!

Man munkelte einem Umfeld im Nahbereich meiner, er solle einen nachhaltigen Ehrgeiz in puncto Abwechslung aufweisen.

25 jahre und schauspielerin

da GUCKEN wir mal wo die kraft seiner prominenz landet

Ganz abgesehen davon, daß die sexuellen Vorlieben eines Menschen nur unwesentlich für sein künstlerisches Schaffen sind. Es sei denn, Sie sind Marquis de Sade vielleicht.

zu Schwurbelei, Pseudokünstler bzw. schwul

Mit dem Begriff "Kunst" als solches umschreibt man meines Erachtens eine sehr individuelle, subjektive Empfindung, die das Betrachten, Hören, Lesen eines "Werkes" einer anderen Person bei Jemandem auslöst und - das ist das allerwichtigste bei dieser Empfindung - es ist dabei völlig unerheblich, wer hinter diesem Werk "steht", wie "groß" sein bzw. ihr Name oder die Hautfarbe oder auch ihre / seine sexuelle Orientierung ist!

Obwohl ich im Artikel nirgends das Wort "Kunst" gelesen habe sind für mich die Wortwahl, die darin beschriebenen Bilder und die damit in mir erzeugte Stimmung bei der Lektüre genau das, was ich unter "Kunst" verstehe.

Damit verlange, erwarte ich noch lange nicht, daß meine Ansichten jemand nachvollziehen kann ...

Posting 1 bis 25 von 92
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.